Hans Jaray (1906-1990) – Schauspieler, Regisseur und Bühnenautor

Eine theaterhistorische Untersuchung unter Berücksichtigung der Sprach- und Aufführungsästhetik am Wiener Theater in der Josefstadt als Bausteine einer Österreich-Identität

Theater in der Josefstadt. © Wikimedia/Creative Commons/Gryffindor

Die Übernahme und künstlerische Neupositionierung des Theaters in der Josefstadt – seit 1788 eine der ältesten ständig bespielten Aufführungsstätten Wiens und des deutschen Sprachraums – durch Max Reinhardt 1924 markiert den Beginn einer Bühnenästhetik, die später gerne als spezifisch österreichisch-wienerische rezipiert wurde. Unterstützt durch umfassende bauliche Adaptionen nach Vorbild der prunkvollen Innenarchitektur des Teatro La Fenice in Venedig sollte das Theater in der Josefstadt aus dem Geiste barocker Festlichkeit als Stätte eskapistischer Lebensart beiderseits der Bühne in der österreichischen Theaterlandschaft neu erstehen und sich institutionalisieren. Entsprechend des Reinhardt’schen Theaterverständnisses wurde das Primat des Schauspielerischen als zentraler künstlerischer Faktor im theatralen Gefüge proklamiert; neben seiner Funktion als Träger der Aufführung wurde der Darsteller bzw. die Darstellerin zu einer mythisierten und idealisierten Identifikationsfigur stilisiert, kultisch verehrt und dem Alltag entrückt. Eine enge Bindung von Künstlern und Publikum war programmatisch festgelegt, und hatte, so meinte etwa Fritz Kortner, familiären Charakter.

Der Wiener Schauspieler, Regisseur und Bühnenautor ungarisch-jüdischer Abstammung Hans Jaray (1906-1990), der seit Beginn der 1930er Jahre dem Reinhardt-Ensemble angehörte, repräsentiert eine Generation von Bühnenkünstlern, die bis in die frühen 1990er Jahre einen entscheidenden Beitrag zur Tradierung und künstlerisch-ästhetischen Rezeption des Reinhardt’schen Erbes leistete: Ein Erbe, das als Referenzrahmen aktueller soziokultureller Tendenzen die Wieder-/ Herstellung einer normativen bildungsbürgerlichen Theaterästhetik in Österreich nach 1945 stützte und gleichzeitig einen Erinnerungsort von tendenziell musealem Charakter erschaffen half. Ein Erbe, das aber auch Reinhardts Mythisierung initiierte und als Bezugs- und Legitimationspunkt für jeweils eigene künstlerische Wege „im Geiste Reinhardts“ diente.


Die kulturwissenschaftlichen Leitbegriffe Gedächtnis – Erinnerung – Identität dienen als theoretisches Gerüst zur Darstellung der künstlerischen Prozesse am Theater in der Josefstadt aus dem Blickwinkel von Erinnerungskultur und Identitätsfindungsprozessen. Dem Mythos Max Reinhardt als Gründervater einer spezifischen Bühnenästhetik kommt dabei vor dem Hintergrund der Kontinuität eines Kultur- und Theaterbegriffs, der im christlich-autoritären Österreich des Ständestaates genauso aktuell war wie in den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten und bis etwa 1970 hegemonial blieb, große Bedeutung zu. Mit der Zäsur des Jahres 1988, als mit dem Direktionswechsel zugleich ein Generationenwechsel stattfand, ist ein Ende dieser Bühnenästhetik der ersten Generation nach Reinhardt zu verzeichnen.

Diese vor 1938 innovative Bühnenästhetik zeitigte nach 1945 zunehmend regressive Entwicklungen und erlebte während der Direktionen Franz Stoß/Ernst Haeusserman einen vom Publikum gefeierten Höhepunkt. Die Stilisierung Max Reinhardts folgte einem Personenkult, der sich u. a. in der Anbringung seiner Porträtbüste mittig oberhalb der Eingangstore als sichtbares Zeichen manifestierte, als Projektionsfläche und Folie mit den Jahren aber zunehmend der Selbstlegitimierung / Legitimierung eigener Ansprüche diente.

Exemplarisch für diese Dynamik steht die Biographie von Hans Jaray, der als Schauspieler in der Spätphase des Schaffens Max Reinhardts in Österreich zum Ensemble der „Schauspieler des Theaters in der Josefstadt unter der Führung Max Reinhardts“ gestoßen war, und der auch als Regisseur für Bühne, Film und Fernsehen, wie als Bühnenautor gemeinsam mit den Schauspielern seiner Generation über Jahrzehnte mit dieser Schauspielästhetik den Mythos Reinhardt und seine Vorstellung von einem echten Schauspielertheater – mitunter dogmatisch und bis hin zur künstlerischen Stagnation – als tradierten und tradierbaren immateriellen Wert erfahrbar machen wollte. Gestützt durch kulturpolitische und journalistische Initiativen war es der Ensemblegedanke und die – als idiomatisches Äquivalent zum „Burgtheaterdeutsch“ – sprachästhetische Norm des „Josefstädter Konversationston“ die den künstlerischen Wertmaßstab bildeten.

Als ein noch weitgehend unerschlossenes Forschungsgebiet sollen an Hand bühnenästhetischer Konzepte Reinhardts, seiner Subdirektoren (Emil Geyer, Otto Preminger, Ernst Lothar) und seiner künstlerischen Erben (zeitspezifische) Motive für die Pflege dieser Theaterästhetik ebenso diskutiert werden wie die Frage nach den Mitteln der (medialen) Konstruktion des Mythos „Josefstadt“. Dabei wird besonders die Rolle der Publikumsbindung im Kontext der "Österreich-Ideologie" nach dem Zweiten Weltkrieg befragt, die, von der österreichischen Kulturpolitik im Sinne des Aufbaus einer nationalen Identität wertkonservativer Prägung funktionalisiert, bald zum normativen Selbstverständnis gehörte.

Durch den erweiterten Wirkungsradius einer parallel zur Theaterkarriere verlaufenden Filmtätigkeit in den 1930er Jahren (etwa als Franz Schubert in Willi Forsts international erfolgreichem Film „Leise flehen meine Lieder“, 1932) avancierte Jaray rasch zu einem der populärsten und höchstbezahlten Bühnenkünstler Wiens und Österreichs. Seine Pionierarbeit als Regisseur von Fernsehadaptionen von Bühnenwerken während der Anfangsjahre des Österreichischen Fernsehens, die auf Initiative Erich Neubergs entstanden und in denen er häufig selbst als Schauspieler mitwirkte, setzte die mediale Verbreitung dieser österreichisch-wienerischen Ästhetik (nach Theater und Film) im Massenmedium Fernsehen fort.

Jarays zehnjährige Lehrtätigkeit am Wiener Max-Reinhardt-Seminar (Schauspiel- und Regieklassen), seine kurze, von politischen Querelen begleitete Bestellung zu dessen Institutsleiter 1960 erlauben, an Hand des daraus resultierenden medialen Diskurses das Kräftespiel zwischen Kulturschaffenden und Kulturpolitik in dem ideologisch in ein christlich-konservatives und ein sozialdemokratisches Lager geteilten Österreich der Nachkriegsära näher zu beleuchten; zugleich wird die als künstlerisches Erbe Max Reinhardts verstandene Aufführungspraxis auf ihre Qualität als bildungs¬bürgerliches Gegenmodell zu neueren Theaterentwicklungen hin überprüft.

Ziel ist die Herausarbeitung stilistischer Kriterien, die eine vor diesem Hintergrund praktizierte Schauspiel- und Sprachästhetik („Josefstädter Konversationston“) als Gegengewicht zu jener des Burgtheaters („Burgtheaterdeutsch“) einer kritischen Untersuchung zuführen, um sie solchermaßen im Spiegel der Kontinuitäten und Brüche im künstlerischen Schaffen Jarays als Ergebnis biographischer wie historischer Zäsuren zu definieren.