Gedächtnis – Tanz – Musik

Die identitätsstiftende Funktion der Wiener Operette

In Kooperation mit dem Institut für kunst- und musikhistorische Forschungen der
Österreichischen Akademie der Wissenschaften

„Liebe und Tanzen“, Wiener Caricaturen, 3. März 1907

Die Operette war die erfolgreichste musiktheatralische Gattung im Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn. Sie wird in diesem Projekt erstmals einer umfassenden kultur- wie musikwissenschaftlichen Analyse unterzogen, die gleichermaßen Kontext, Funktion und Gestalt behandelt. Anhand meist unbekannter Beispiele wird ihre politische Rolle als hegemoniales oder sezessionistisches Musiktheater, ihre Position als integraler Bestandteil und vielsprachiges Übersetzungsmedium urbaner Erfahrungswelten aufgezeigt.


Die Operette ist vor allem vor dem Hintergrund kollektiver zeitgenössischer Erfahrungen zu verstehen: der Erfahrung des Vielvölkerstaates Österreich-Ungarn mit seinen nationalen und sozialen Spannungen, der entschiedenen Modernisierung und Technisierung seiner Metropolen, den Krisen seiner Wirtschaft und der Radikalisierung seiner Ideologien, aber auch den Erfahrungen neuer Wissenschaften (etwa der frühen Psychoanalyse), der beginnenden Geschlechter-Emanzipation wie einer zugleich repressiv und promiskuitiv praktizierten Sexualität. Die Operette arbeitete mit diesen Erfahrungen, entwickelte daraus Codes, normierte repräsentative Formbestände, und vermittelte diese performativ – teils verbal unterstützt, teils nonverbal – einem pluralistischen urbanen Publikum. Mit Erfolg: Die Operette war für das heterogene städtische Publikum der Monarchie derartig attraktiv, dass diese Gattung durchgehend, auch lange nach dem Zusammenbruch des Vielvölkerstaates, Zuspruch erfuhr und ein ökonomisches und weltanschauliches Erfolgsmodell blieb.

Ausgehend von Moritz Csákys Buch Ideologie der Operette und Wiener Moderne wird versucht, die Verzahnung des heterogenen soziokulturellen Kontextes der Monarchie und des diskursintegrativen und identitätsstiftenden Formenrepertoires der Gattung Operette darzulegen – eines Formenrepertoires, das besonders dem Tanz eine gewichtige Rolle beimaß.