Landwirtschaft und Gedächtnis in der Europäischen Union

Zwischen Orten, Nahrungsmitteln und der Erinnerung bestehen deutliche Zusammenhänge: Vom Kartoffelgarten hinter dem Haus über das idyllische Weideland in den Darstellungen ländlicher Heimatmuseen. Mit dem Siegeszug der industriellen Landwirtschaft in vielen Teilen der Welt sank jedoch der Anteil der traditionellen Nahrungsmittelversorgung – die Form der klassisch ländlichen Versorgung, zugleich auch eine Wurzel der Erinnerung – und schrumpfte im Verlauf des 20. Jahrhunderts derart stark, dass sie heute vom Aussterben bedroht scheint. Viele der einst unzähligen Apfelsorten sind ebenso verschwunden, wie bestimmte Rinderrassen, die noch in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in großen Stückzahlen vorhanden waren. Gleichzeitig arbeiten immer mehr Menschen daran, den Artenreichtum und das „genetische Erbgut“ der Pflanzen des heimatlichen Gemüsegartens zu bewahren, also beinahe vergessene Pflanzen und Tierarten zu schützen – sei es in europäischen Freilicht-Heimatmuseen, in den touristischen Gartenanlage von Klöstern oder den ehemaligen Gütern adeliger Herrschaften, die heute Museen sind, genauso wie in jenen Schau-Gärten, in denen sich Menschen verpflichtet fühlen, die landwirtschaftliche Vielfalt zu erhalten. Diese Studie beschäftigt sich damit, wie seltenes Saatgut und historische Küchengärten zu den Trägern dieses Artenreichtums, aber auch zu Repräsentanten der Vergangenheit werden und damit zugleich Träger lokaler, regionaler, nationaler und europäischer Identität sind. Durch eine systematisch-komparatistischen Studie werden die Schau-Gärten und deren Funktion erschlossen. Gibt es eine Hinwendung zur Tradition, Nostalgie oder zur botanischen Vielfalt? Dienen solche Gärten eher der nationalen Selbstvergewisserung oder bilden sich darin regionale oder sogar supranationale Spielarten von Identität oder Erinnerung aus?

Obwohl von einer Soziologin initiiert, ist das Projekt interdisziplinär angelegt. Es beinhaltet Aspekte der Kultursoziologie und der Nachbardisziplinen, einschließlich europäischer Ethnologie, Zeitgeschichte, Kulturgeographie und Museumskunde und schließt an die Diskussion rund um das kollektive Gedächtnis, Kultur und europäische Identität, wie auch um kulinarische und landwirtschaftliche Vielfalt an.

Durch die Berücksichtigung von Jay Winters Diktum, Rücksicht auf die Vermittlung durch Erinnerung zu nehmen (in diesem Fall auf die Erinnerungen der Kuratoren, Gärtner und der Sammler seltener Arten) wie auch mit Hinsicht auf regionale und lokale Gegebenheiten neben der nationalen Perspektive, möchte ich die Brüche und Kontinuitäten in den Narrationen zeit- und raumübergreifend nachzeichnen. Dieser Zugang öffnet die Möglichkeit, geteiltes Verstehen, Interpretieren und Repräsentieren von Vergangenheit, und – was noch zentraler ist – in die gesellschaftlichen Visionen über die Zukunft zu beforschen.