Studien zur Entstehung von Eduard Hanslicks "Vom Musikalisch-Schönen": Textuelle und kontextuelle Analyse

Büste Eduard Hanslicks im Arkadenhof der Universität Wien, nach einem Gipsmodell von Viktor Tilgner, 1913 (Foto: Alexander Wilfing, Wien, 2014)

Das Projekt setzt die Arbeiten im Rahmen des Projekts „Eduard Hanslicks ästhetische Ideen. Entstehung und historischer Ort“, das die ideenhistorischen Hintergründe von Hanslicks Abhandlung ergründet hat, fort und erweitert die Analysen um die Dimension der historischen Entwicklung des Texts, die nun systematisch aufgeschlüsselt wird. „Vom Musikalisch-Schönen“ (VMS) wird hier nun als dynamischer Textkorpus betrachtet, der Aussagen über „die“ Ästhetik Eduard Hanslicks nur auf Grundlage von genetischen Detailstudien möglich werden lässt. Diese historisch-genetische Dimension des Texts wird mit Blick auf die Entwicklung der Abhandlung aus Vorveröffentlichungen der Jahre 1853 und 1854 (Kapitel 4, 5 und 6), die chronologische Entstehungsfolge und logische Ordnung der sieben Kapitel, und die wesentlichen Änderungen bei den auch rezeptiv wichtigen Neuauflagen von 1858 (2. Auflage) und 1865 (3. Auflage) eingehend analysiert. VMS erscheint so weder als „aphoristische“ Textsammlung, noch als gezielt lineare Abhandlung, sondern als Text mit komplizierter argumentativer Tiefenstruktur, die nur mit genetischen Spezialanalysen erschlossen werden kann. Die chronologische und logische Prüfung ergibt hierbei eine überraschende Kapitelabfolge, die dem eigentlichen Textaufbau widerspricht (6, 4, 5, 1, 2, 3, 7). Diese textliche Problematik wird mit der fortgesetzten Untersuchung von relevanten Kontexten verbunden, die die entsprechenden Textänderungen und die laufende Anpassung von Hanslicks Argumenten maßbeglich beeinflussten. Unser Fokus gilt hier den politischen Kontexten und der institutionellen Anbindung Hanslicks, die vor allem für dessen Karriereplanung zweifelsfrei entscheidend waren. Neben dieser textuellen und kontextuellen Untersuchung werden ebenso empirische Dokumente einbezogen (Briefe, Akten etc.), die eine zusätzliche methodische Dimension eröffnen und die erreichten Ergebnisse abstützen. Ergänzt werden diese spärlichen Dokumente weiters durch eine genaue Analyse der persönlichen Beziehungen zu zentralen Ästhetikern des neunzehnten Jahrhunderts (z.B. Robert Zimmermann) und der vorstehend erwähnten politischen Gesamtsituation im Wiener Kontext, wobei Hanslicks Tätigkeit am positivistisch ausgerichteten Bildungsministerium unter Graf Leo Thun besondere Relevanz zukommt. Derartige Kontexte erhellen ebenfalls wesentliche Änderungen der zweiten Auflage von Hanslicks VMS-Traktat, die romantische Implikationen zurücknimmt und nun stärker formal ausfällt.

Eduard Hanslicks "Vom Musikalisch-Schönen": Dynamische Aspekte des Texts und der Kontexte

Titelblatt Vom Musikalisch-Schönen. Ein Beitrag zur Revision der Ästhetik der Tonkunst (Leipzig 1854) von Eduard Hanslick nach der achten Auflage, Leipzig 1891.

Das Projekt schließt an das Projekt „Studien zur Entstehung von Eduard Hanslicks Vom Musikalisch-Schönen“ und den dort gewählten Ansatzpunkt der Betrachtung seiner ästhetischen Abhandlung als dynamischer Textkorpus an, wobei unsere betreffende Untersuchung wesentlich ausgeweitet wird. Der Zeitraum der Studien erstreckt sich nun auf die Jahre 1848 bis 1902 und erfasst hiermit alle zehn Auflagen von Hanslicks VMS-Traktat, die zu Hanslicks Lebzeiten publiziert wurden, sowie die Entwicklung seiner Argumente in Vorstudien, und Thesen zum Thema seiner ästhetischen Abhandlung in Kritiken und sonstigen Textformen. Dieser merklichen Ausweitung des Zeitrahmens unserer Untersuchung entspricht ebenfalls ein neu entwickeltes und wesentlich umfassender angelegtes Verständnis der zentralen Kontexte. Wir unterscheiden nun zwischen den theoretischen Kontexten von VMS sowie ihrer Entwicklungsstufen  (im weitesten Wortsinne wesentliche theoretische Diskurse mit den Kernbereichen Philosophie – Wissenschaft – Musiktheorie) und den praktischen Kontexten (politisches Setting, institutionelle Einbindung, persönliche Netzwerke). Theoretische Kontextfelder werden sowohl auf intradiskursiver Ebene (Entwicklung der jeweiligen diskursiven Einzelfeldern) als auch auf interdiskursiver Ebene (Interaktion der diskursiven Felder untereinander) detailliert untersucht. Die konkreten Analysen umfassen 3 Bereiche: (a) die historische Entwicklung von Hanslicks Argumenten von ca. 1848 bis zur ersten Auflage von 1854, (b) Aufbau und Genese der Argumente innerhalb des Texts der ersten Auflage sowie primär die textliche Evolution von zentralen Begriffen im Rahmen der Kapitel und (c) Hanslicks Variation von wesentlichen Argumenten in späteren Auflagen, bis zur 10. Auflage von 1902. Damit soll auch ein statisches Verständnis von Hanslicks Ästhetik mit einer dynamischen Interpretation kompensiert werden, welche deutlich werden lässt, wie sich elementare Referenzen, Konzepte, Begriffe mit der jeweiligen Blickrichtung von Hanslicks Auflagen kontinuierlich transformieren. Diese „Dynamisierung“ von Hanslicks VMS-Traktat liefert einen wichtigen Beitrag für das genauere Verständnis dieser zentralen ästhetischen Abhandlung, deren weiter anhaltende Rezeption meist nicht sieht, wie die dynamischen Eigenschaften von Text(en) und Kontext die inhaltliche Auslegung von Hanslicks Hypothesen nachhaltig beeinflusst.