Der junge Beethoven, oder Beethoven der Jüngere

Ludwig van Beethoven (1770–1827) verbrachte die ersten 22 Jahre seines Lebens in Bonn, die letzten zehn davon im Dienste der letzten zwei Kurfürsten von Köln, Maximilian Friedrich (r. 1761–1784) und Maximilian Franz (r. 1784–1794). Diese frühen Jahre, die mehr als ein Drittel seines Lebens umfassten, prägten zweifellos Beethovens musikalische, intellektuelle und geistige Weltanschauung. Dennoch stellen sie nach wie vor die am wenigsten verstandene Lebensphase des Komponisten dar: In Biographien erscheint dieses Thema typischerweise als kursorisches Eingangskapitel. Beethovens Bonner Werke werden zudem nur selten aufgeführt oder analysiert. Oft entsteht der Eindruck, als habe sein Schaffen erst mit dem 1795 in Wien gedruckten Opus 1 begonnen. Durchschnittliche Zuhörer/innen, Profimusiker/innen oder auch anderweitig spezialisierte Musikwissenschaftler/innen werden leicht zu der Annahme verleitet, dass Beethoven in Bonn bloß geboren wurde und erst in Wien ernsthaft zu komponieren begann. 

Dieser Eindruck könnte irreführender nicht sein. Zwischen seinen ersten Versuchen in der Komposition gegen 1782 und seinem Umzug nach Wien spät im Jahre 1792 vervollständigte Beethoven etwa 40 Werke in zahlreichen Gattungen wie Lied, Klaviersonate, Variationen, Kammermusik, Klavierkonzert, Konzertarie, Ballett und Kantate. Dieses imposante Oeuvre, dessen Großteil zu Lebzeiten nicht veröffentlicht wurde, stellt jedoch nur die sichtbarste Manifestation einer ergiebigen, kreativen Vorstellungskraft dar – reichhaltig dokumentiert durch Beethovens nach Wien mitgebrachte und heute weit verstreute Skizzenbündel. Trotz ihrer Wichtigkeit fehlt eine umfassende und zuverlässige Übersicht seiner Bonner Jahre bislang völlig.

Das Buchprojekt „Der junge Beethoven, oder Beethoven der Jüngere“ beabsichtigt, durch eine Rekonstruktion des musikalischen und intellektuellen Milieus des Komponisten und eine Neubewertung seiner frühen Kreativität diese enorme wissenschaftliche Lücke zu füllen. Der musikalisch erstrangige Bonner kurfürstliche Hof bildet den Hintergrund für eine Diskussion von Beethovens früher Karriere, die in Bezug zu den Laufbahnen seiner gleichaltrigen Kollegen (Andreas und Bernhard Romberg sowie Anton Reicha) gesetzt und mit diesen verglichen wird. Beethovens Frühwerk wird auf diese Weise vollkommen neu gehört – keineswegs als „noch nicht Beethoven“, sondern als Spiegelung der gleichen Werte, die in seinem ganzen Schaffen erkennbar und seiner Ausbildung und Sozialisation als Hofmusiker klar zuzuordnen sind, auch hinsichtlich erster Versuche, mit der breiteren Ideenwelt seiner Zeit in Dialog zu treten, was mit der vollen Unterstützung eines wertschätzenden und aufgeklärten Hofes geschah. Gleichzeitig werden Beethovens Bestrebungen in ihrer ganzen Vielfalt reflektiert – sich als Klavierwunderkind zu etablieren, neuartige Klänge zu entdecken, seinen Improvisationen Gestalt zu geben, Freundschaft auszudrücken, geistige Verbundenheit mit seinen Mäzenen zu demonstrieren sowie gelegentlich ernsthafte philosophische Aussagen zu treffen.