Das Chorbuch der Münchner Jahrhunderthochzeit von 1568

Mit ihren in den Dienst unterschiedlichster Repräsentationsstrategien zwischen Kirche, Hof und Stadt gestellten Fiktionsapparaten stellen die illuminierten Chorbücher eine für die Buch- und Musikkultur des 15. und 16. Jahrhunderts zentrale künstlerische Gattung dar. Den Ausgangspunkt des Forschungsprojekts bildet Cod. Suppl. Mus. 2129 der Österreichischen Nationalbibliothek. Als einziges Werk überliefert die Prachthandschrift – eine der aufwändigsten Musikhandschriften der Renaissance aus dem deutschsprachigen Raum – die von Orlando di Lasso für die ‚Jahrhunderthochzeit‘ (1568) des Wittelsbacher Erbprinzen Wilhelms V. mit Herzogin Renata von Lothringen komponierte Hochzeitsmotette Gratia sola Dei. Sie stellt einerseits den Notentext entsprechend den performativen Bedürfnissen einer Kantorei in sog. Lesefeldern bereit, übermittelt andererseits in ihren Zierbordüren und Miniaturen ein höchst ambitioniertes Bildprogramm.

Im Anschluss an die Wiederentdeckung dieser spektakulären, selbst in der Lasso-Spezialforschung kaum berücksichtigten Quelle konnte ein dezidiert multidisziplinäres, von Björn R. Tammen gemeinsam mit Nicole Schwindt (Trossingen) konzipiertes Expertengespräch zu einer vertiefenden Betrachtung aus dem Blickwinkel der Festforschung, Geschichtswissenschaft, Kodikologie, Kunst- und Kulturgeschichte, Latinistik, Musikwissenschaft sowie Theologie beitragen.

Die Tagung hat vom 21. bis 23. April 2016 im Rahmen von troja–Kolloquium und Jahrbuch für Renaissancemusik, einer seit 2001 als Flaggschiff der Renaissance-musikforschung im deutschsprachigen Raum etablierten Veranstaltungs- und zugleich Veröffentlichungsreihe, stattgefunden. Die Fritz Thyssen Stiftung ermöglichte das Vorhaben durch ihre großzügige finanzielle Unterstützung. (Der Konferenzbericht wird 2018 unter dem Titel „Autopsie eines Gesamtkunstwerks“ im Jahrbuch für Renaissancemusik: troja als Open Access-Publikation erscheinen. Eine Datenplattform mit hochauflösenden neuen Scans der Handschrift, Erläuterungen zum Bildprogramm, vollständigen Transkriptionen der Inschriften sowie erläuternden Kurztexten ist in Vorbereitung.)

Eine Vergleichsperspektive zur Erforschung derart komplexer Musik-Text-Bild-Programme ergibt sich mit den ungleich berühmteren, für den Wittelsbacher Herzog Albrecht V. von Bayern angefertigten Mielich-Kodizes der Bayerischen Staatsbibliothek, Mus.ms. A (Orlando di Lasso, Bußpsalmen) und Mus.ms. B (Cipriano de Rore, Motetten), zu denen musikikonographische Spezialstudien vorgelegt werden sollen.