Musik an den österreichischen Höfen des Hauses Habsburg

Titelblatt des Programmbuches zum Geistlichen Konzert des k. k. österreichischen Militär-Witwen- und Waisenfonds (St. Stephan, 3. Mai 1917, 15.00 Uhr). Auf dem Programm standen „Sig des Leydens Christi über die Sinnligkeit“ von Kaiser Leopold I. und „Christus am Ölberger“ von Ludwig van Beethoven; beigefügt wurde ein Essay „Kaiser-Komponisten aus dem Haus Habsburg“ von Wilhelm von Weckbecker sowie Reproduktionen der autographen Kapellordnung Leopolds I. und ein Notenblatt aus der Hand des Kaisers (© Archiv Elisabeth Hilscher).

Musik spielt in Selbstverständnis und Repräsentation der Dynastie der Habsburger eine wichtige Rolle. Zentren der Musikpflege sind die diversen Hofkapellen, die schon an den mittelalterlichen Höfen existierten. Verbunden mit einem Wandel in Selbstverständnis und Repräsentation der Herrscher zu Beginn der Frühen Neuzeit war eine Verstärkung der öffentlichen Präsenz sowie die Schaffung von Kunstwerken, durch die „für alle Zeiten“ die memoria und der Ruhm des Fürsten und seiner Familie gesichert sei. Musik und eine nun vermehrt auch bei weltlichen Anlässen auftretende Hofmusikkapelle spielen in diesen Präsentationen eine wichtige Rolle.

Maximilian I. war der erste Kaiser, der offensiv diese neuen Möglichkeiten nützte und dementsprechend seine Hofmusik 1498 reorganisierte. Die Kontinuität und Konstanz, mit der die Habsburger seit Ferdinand I. und Ferdinand II. v. a. ab 1619/20 in Wien ihre Hofkapelle ausbauten und zu einer der führenden Kapellen Europas machten, hat zu ihrem Nimbus der „Einzigartigkeit“ beigetragen, der spätestens ab der Zeit Leopolds I. in Berichten aus Wien und vom Wiener Hof weit über die Grenzen des Reiches getragen wurde. Wie weit hier Mythos, gelungene Staats- bzw. Dynastiepropaganda und Realität sich vermengten, ist kritisch zu hinterfragen. Die junge Musikwissenschaft an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert hat daraus jedenfalls ein „musikalisches Heldenzeitalter“ konstruiert, in dem Prinz Eugen Johann Joseph Fux an die Seite gestellt wurde. Obwohl sich die Habsburger ab der Mitte des 18. Jahrhunderts in ihren künstlerischen Produktionen immer stärker aus der Öffentlichkeit zurückzogen, die Hofmusikkapelle zu ihren Wurzeln, dem Kirchendienst, zurückkehrte und andere Formen der Repräsentation von Dynastie, Staat und Macht entwickelt wurden, blieb die Hofmusikkapelle sowie der Mythos von der einzigartigen Musikliebe und musikalischen Begabung der Habsburger als Teil der österreichischen Identität auch in der Republik bestehen.

Die Arbeiten an diesem Projekt beschäftigen sich einerseits in Einzelstudien mit Aspekten der Musikpflege an den österreichischen Höfen des Hauses Habsburg und deren Wechselwirkung sowohl mit den Adelshöfen innerhalb der habsburgischen Länder als auch mit dem europäischen Höfe-Netzwerk. Einen weiteren Aspekt des Projektes stellen – in Verbindung zum Schwerpunkt „habsburgische Repräsentation“ des IKM – Forschungen zu Relevanz und zeremonieller Einbettung von Musik an den Höfen dar; neben Fragen nach Spezifika von Stil und Gattungen (Stichwort: „Kaiserstil – Imperialstil“) sollen auch sozialgeschichtliche Aspekte zu Aufgaben und Funktion der Musiker und Künstler sowie deren Einbettung in den Hof erforscht werden.