Die Wiener Hofburg seit 1918:
Von der Residenz zum Museumsquartier

Ausstellung, Der Sieg im Westen, Eröffnungsansprache am Wiener Heldenplatz, 1940 (Foto: Lothar Rübelt / Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv, Inv.-Nr. 005_40_029_01_067_C_1A_16)

Der 1918 in das Eigentum der Republik übergegangene Gebäudekomplex erfüllt heute eine eindrucksvolle Bandbreite an Funktionen: Sitz der höchsten politischen Ämter des Staates, wichtigster Versammlungs- und Protestort der Stadt; zentraler Gedenkort; bedeutendster Museumsbezirk des Landes. Universitätsinstitute, Verwaltungsstellen, ein Kongresszentrum und private Mieter zählen zu den Nutzern; Gastronomie und Nachtleben haben hier einen Schwerpunkt. Der „Großraum Hofburg“ ist ein Hauptort des Tourismus. Gleichzeitig ist er mit seinen Plätzen und Parks aber auch ein zentraler Ort des informellen urbanen Lebens und der Jugendkultur.

Dieser Nutzungs- und Bedeutungsvielfalt entsprechen die heterogenen und multidisziplinären Zugänge des Forschungsprojekts: Im Zentrum steht die architektur- und funktionsgeschichtliche Erforschung. Nachdem die demokratischen Planungsvorhaben der 1. Republik nicht realisiert worden waren, trat das Areal im autoritären Ständestaat wieder in den Fokus der Politik; konkrete Bau- und speziell Denkmalprojekte wurden umgesetzt bzw. begonnen. Vor allem jedoch waren es die Machthaber des NS-Regimes, die dem jahrhundertelangen Sitz der „Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ außerordentliche Bedeutung zukommen ließen. Es kam zu zahlreichen großmaßstäblichen Planungen, zu einer intensiven Nutzung und propagandistischen Bespielung. Diese – bisher weitgehend nicht aufgearbeitete – Instrumentalisierung der Hofburg in der NS-Zeit stellt einen Bruch dar, auf den die 2. Republik mit einer gewissen „Tabuisierung“ des Areals reagierte. Die (Verkehrs-)Entwicklung der folgenden Jahrzehnte führte dazu, dass das als Forum konzipierte Stadtgefüge vom Michaelerplatz bis zu den ehemaligen Hofstallungen nicht mehr als zusammenhängender Stadtraum wahrgenommen wurde.

„Skaterplatz“ neben dem Burgtor (Videostill: Maria Welzig, Wien)

Erst vor dem Hintergrund des Paradigmenwechsels der 1980er Jahre rückte das Areal wieder in das Zentrum von Stadt-, Bau- und Kulturpolitik: In den ehemaligen Hofstallungen entstand der bedeutendste Kulturbau der 2. Republik, das Museumsquartier. Die Entstehungsgeschichte des MQ wird in den Kontext der Erneuerung des Gesamtareals und seiner Kulturinstitutionen seit den 1990er Jahren gestellt und insbesondere ihre wenig bekannte erste Konzeptphase vor 1989 dargestellt.

Eine zeitgenössische Weiterentwicklung, wie sie sich mit der Errichtung des MQ in Wien ereignete, lässt sich seit den 1980er Jahren auch in ehemals imperialen Zentren anderer Hauptstädte feststellen. Vergleichend untersucht werden: Paris mit dem Projekt des Grand Louvre, Madrid mit der Weiterentwicklung des Paseo del Prado zum Paseo del Arte, Berlin mit dem Masterplan Museumsinsel + Humboldtforum, St. Petersburg mit dem Projekt Große Eremitage und Istanbul mit dem Projekt Suri-i Sultani für das Topkapi Areal und der Achse Dolmabahce-Palast - Istanbul Modern. Als Referenzort wird die National Mall in Washington D.C. einbezogen. Methoden sind u. a. die Erstellung eines kritischen Fragenkatalogs, Feldforschung und Interviews sowie die vergleichende kartographische Darstellung auf Open-Data-Basis.