Die Wiener Hofburg im Mittelalter

Alte Burg (Schweizerhof), unterer Teil der Südwestfassade mit Buckelquadern, 2. Viertel 13. Jahrhundert, sichtbar anlässlich eines Umbaus 2005 (Foto: Bundesdenkmalamt Wien, Bettina Neubauer-Pregl, 2005)

Die Gründung der Wiener Hofburg in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts konnte im Laufe des Projekts ebenso belegt werden, wie ihre Errichtung als älteste Kastellburg mit Rechteckgrundriss und vier rechteckigen Ecktürmen auf dem Gebiet des Heiligen Römischen Reichs nördlich der Alpen. Die Übereinstimmungen im Bautypus und in Detailformen mit Kastellburgen Kaiser Friedrichs II. in Süditalien zeigen, dass die politische Intervention des Kaisers in Österreich von 1237 bis 1240 mit der Unterstellung der Herzogtümer Österreich und Steiermark unter direkte Reichsgewalt und die Erhebung von Wien zur freien Reichsstadt Anlass gewesen sind, in Wien eine Stadt- und Residenzburg zu errichten, für deren Bau die im Königreich Sizilien entwickelte charakteristische Bauform der Kastellburg mit Buckelquadermauern verwendet wurde. Die schriftliche Überlieferung, wonach König Ottokar II. Přemysl der Gründer sei, kann dahingehend neu interpretiert werden, dass er laut Baubefunden die noch unvollendete Burg fertig stellte. Nachrichten von szenischen Wandmalereien und getäfelten Stuben lassen in der Folge auf einen repräsentativen Innenausbau der Burg schließen, die im 14. Jahrhundert mehrfach zum Treffpunkt der politischen Elite Europas avancierte.

St. Michael, Südchor, Triumphbogen, Herzog Albrecht II. als Stifter der Choranlage, um 1340 (Foto: Bundesdenkmalamt Wien, Bettina Neubauer-Pregl, 2011)

Vom Vorgängerbau der heutigen Hofburgkapelle kann zwar kein Baubestand mehr nachgewiesen werden, doch dürften Spolien, die 1951 gefunden wurden, von diesem ersten Kapellenbau stammen, der unter Herzog Albrecht I. 1296 genannt wird. Bei der bestehenden Hofburgkapelle, einem Werk der Wiener Dombauhütte, handelt es sich um einen Neubau unter Herzog Albrecht V. aus den Jahren 1423–1426. Anschließend an die repräsentative Fassade der Kapelle entstanden ein über die gesamte Traktlänge reichender Saal im zweiten Obergeschoß des Palas und darüber ein neues Wohngeschoß. Anhand der mehrfach erwähnten Aneinanderreihung von Stuben und Kammern (Stichwort „Appartement“) kann gezeigt werden, dass die Wiener Burg im 15. Jahrhundert Entwicklungen der spätgotischen, deutschen Schlossarchitektur vorweg nahm.

Entgegen der alten Forschungsmeinung bemühte sich auch Kaiser Friedrich III. wiederholt um den Ausbau seiner Wiener Burg, wurde aber letztlich durch politisch-militärische Schwierigkeiten daran gehindert. Unter Friedrich kam es jedoch zum systematischen Ankauf benachbarter Parzellen, der die Voraussetzung und den Ausgangspunkt des großen renaissancezeitlichen Ausbaus der Burg unter Kaiser Ferdinand I. bildete.

Umfangreiche Bauforschungen sind auch dem Augustinerkloster gewidmet, das nicht nur in unmittelbarer Nähe und in baulicher Verbindung mit der Hofburg entstand, sondern in der Folge eine wichtige Rolle als Hofkirche spielte: Gegründet 1327 durch König Friedrich den Schönen, kann durch Bauuntersuchungen und das Wiederauffinden zahlreicher Urkunden aus dem ehemaligen Augustinerarchiv das ikonologisch motivierte Zitat des Aachener Münsterchors, des Krönungsorts der deutschen Könige, bewiesen und die Baugeschichte der Anlage neu bewertet werden – die in der Literatur bis in jüngste Zeit vertretene Ansicht einer Bauvollendung im Jahre 1349 ist nicht aufrechtzuerhalten, vielmehr erfolgte die Fertigstellung des Langhauses um 1370, der Ritterkapelle (Georgskapelle) um 1395 und des Chors erst 1461.

Burgkapelle, Giebel der ehemals freistehenden Kapellenfassade (heute unter Dach des Schweizerhofs), 1423–1426 (Foto: Bundesdenkmalamt, Bettina Neubauer-Pregl, 2010)

Schließlich zeigen die Untersuchungen in der benachbarten Pfarrkirche St. Michael ihre Rolle als Patronatskirche der Landesfürsten. Parallel zur Errichtung der Burg entstand die Kirche im zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts. Um die Mitte des 14. Jahrhunderts errichtete man auf Initiative Herzog Albrechts II. und seiner Gemahlin Johanna von Pfirt aus Dankbarkeit für die Aufrechterhaltung der Dynastie durch die Geburt Herzog Rudolfs IV. 1339 einen neuen, dreischiffigen Chorbau. Noch 1525 erwies sich Ferdinand I. als großzügiger Patron der Kirche und half den beim Stadtbrand dieses Jahres zerstörten Dachstuhl der Kirche neu herzustellen.