Die Wiener Hofburg 1705–1835

Amalienburg, Spiegelzimmer der römischen Königin (heute Wohn- und Schlafzimmer des Appartements von Kaiserin Elisabeth), 1764–1766 (Kaiserappartements Hofburg / Foto: Manfred Seidl, 2011, Wien)

Das Forschungsprojekt umspannt mit dem Zeitraum von 1705 bis 1835 verschiedene Phasen der künstlerischen Entwicklung von Barock, Rokoko und Klassizismus, die im Residenzareal der Hofburg auch einen unterschiedlich intensiven Niederschlag gefunden haben. Kurz nach 1700 setzen bereits die ersten Versuche zur regelmäßigen Gesamtgestaltung des Baukomplexes in Form großräumiger Gesamtplanungen ein – eine Aufgabe, die zunehmend schwieriger wurde, als Kaiser Karl VI. durch die punktuelle Bereicherung mit „Solitärbauten“ (Hofstallungen, Hofbibliothek, Winterreitschule) zwar monumentale neue Akzente schuf. Diese folgten jedoch keinem klaren Gesamtkonzept, sondern zielten eher darauf, in einem kalkulierten Nebeneinander von „alt“ und „neu“ sowohl den Splendor der „modernen“ Barockkunst, als auch eine dynastisch motivierte Traditionspflege im Erscheinungsbild der Residenz mitsprechen zu lassen.

Äußerer Burgplatz (heute Heldenplatz) mit dem Burgtor, erbaut 1820–1824 durch Pietro Nobile, und Leopoldinischem Trakt, Alter Burg und Hofbibliothek im Hintergrund, in einer Lithographie von Franz Xaver Sandmann nach Rudolf von Alt, um 1850 (ÖAW, Sammlung Woldan, Inv.-Nr. Album Wien 2)

Die Faszination an weiträumigen Gesamtplanungen blieb aber erhalten und sah sich nach der Etablierung des Kaisertums Österreich (1804) und der Sprengung der Basteien durch französische Truppen (1809) vor neue Möglichkeiten und Herausforderungen gestellt; mit dem Bau des Burgtores (1821–24) wurde der unverbaute Raum zu den Vorstädten erschlossen und achsial gestaltet. Parallel dazu trat bald der retrospektive Blick auf die Geschichte des Areales: Johann Aman lenkte in seiner gezeichneten „Geschichte der Hofburg“ (1823/24) den Blick zurück auf die abgebrochene Barock-Tradition Fischers von Erlach und stellte damit letztlich über die Epochengrenzen hinweg die Weichen für den neubarocken Ausbau des späten Historismus (Neubau der Michaelerfassade, ab 1889).

Josefsplatz mit Hofbibliothek, erbaut 1722–1726 durch Johann Bernhard und Joseph Emanuel Fischer von Erlach, und dem Denkmal für Kaiser Joseph II., ausgeführt 1800–1807 von Franz Anton Zauner (Foto: Karl Pani, 2006, Wien)

Der behandelte Zeitraum ist wesentlich vom Spannungsverhältnis zwischen der Planungseuphorie der hier tätigen Architekten (Fischer von Erlach [Vater und Sohn], Hildebrandt, Neumann, Jadot, Pacassi, Hohenberg) und der fast durchwegs moderaten, fallweise fast zögerlichen Baupolitik des habsburgischen Herrscherhauses gekennzeichnet – ein Thema, das in seinen verschiedenen historischen Etappen im Zentrum des Forschungsvorhabens steht.
Neben der Baugeschichte der Wiener Residenz im Zeitraum 1705 bis 1835 stehen weitere Themen im Fokus des Forschungsprojektes: Baupolitik und Baufinanzierung, wobei hier vor allem die Funktion des Hofbauamtes und dessen Interaktion mit dem obersten Bauherren wichtig erscheint. Im Rahmen der Funktionsgeschichte ist neben der Rekonstruktion von Raumfolgen und -funktionen auch nach Änderungen des Zeremoniells und höfischer Inszenierung zu fragen; dabei soll auch der Stellenwert der kaiserlichen Sammlungen näher beleuchtet werden. Dem urbanistischen Kontext ist gerade im 18. und frühen 19. Jahrhundert besonderes Augenmerk zu schenken, da aufgrund der Lage der Hofburg dicht an der Stadtmauer zunächst nur wenig Platz für eine raumgreifende Erweiterungen der Residenz blieb. Erst die Sprengung der Bastionen (1809) eröffnete hier neue gestalterische, aber auch funktionale Möglichkeiten. Im Rahmen der Untersuchungen gilt es auch, die Veränderungen der Innenausstattung der kaiserlichen Appartements an Hand von Befundungen, Bild- und Schriftquellen und in situ erhaltener Ausstattung nachzuzeichnen und habsburgische Interieurs in einen überregionalen Kontext zu stellen.