Antike Mythen und habsburgische Repräsentation in der Frühen Neuzeit

Repräsentation als soziale und kulturelle Praxis erfüllt wesentliche Funktionen wie Legitimierung  von Herrschaft, mediale Kommunikation abstrakter Symbolik oder Mäzenatentum im Zeitalter des Absolutismus. Das Herrscherverständnis der Habsburger von Maximilian I. bis zu Karl VI. war wesentlich von Mythisierungen geprägt, wobei der habsburgische Tugendkodex eine idealtypische Verbindungslinie darstellt.

Antike Mythologie stellte ein reichhaltiges Reservoir für höfische Dichter und Librettisten bereit, um besonders in der Barockoper die Legitimierung von Macht und Herrschaft immer neu zu inszenieren. Im 17. und 18. Jahrhundert spielte das ,Gesamtkunstwerk‘ der Barockoper eine wichtige Rolle für die musikalisch kompetenten Habsburger. Gerade mythische Stoffe wurden zur Identifikation der Dynastie mit dem Numinosen gewählt, wobei die Veränderung, Umgestaltung und Erweiterung des klassischen Kanons sowohl historisch als auch musikalisch bemerkenswerte Lösungen brachte.

Ein Schwerpunkt soll auf Umdeutungen antiker Mythen und auf alternative Vertonungen ein und desselben Textbuchs durch verschiedene Komponisten gelegt werden. Das Projekt wird die relevanten Libretti in einer Mythen-Datenbank („Neuerfundene Mythen der Renaissance“) präsentieren und die Abweichungen von der Tradition untersuchen (in Kooperation mit dem Institut für Kulturgeschichte der Antike). Dabei stehen interdisziplinäre Beziehungen (Literatur, bildende Kunst, Theater und Musik) im Vordergrund. Über die Dokumentation hinaus ist es ein Anliegen, paradigmatische Werke in ihrem politischen und künstlerischen Kontext zu interpretieren.

Adressaten, Auftraggeber, aber auch Sängerinnen und Sänger beeinflussten die Libretti durch die Wahl anlassbezogener Stoffe, die Einfügung von Personen oder Aktualisierungen aller Art. Wie bei allen identitätstiftenden Mythen wurden auch im Fall der Oper Traditionen neu ‚erfunden‘, kulturelle Archetypen im jeweiligen sozialen Kontext inszeniert. Der ‚Sonderfall‘ der Licenza (mit der Huldigung an die Potentaten) stellt nur das offensichtlichste Moment der kreativen Umgestaltung des Kanons dar.