Digitalisierung und Dokumentation des Musikarchivs der Pfarre Spitz an der Donau

Michael Haydns Bass-Aria “Cantate domino canticum novum”

Spitz an der Donau ist eine der bedeutendsten Landpfarren Niederösterreichs und kann auf eine jahrhundertelange Musiktradition zurückblicken. Schon im Mittelalter wurde hier der Gregorianische Choral von Mönchen aus dem Kloster Niederaltaich, zu dem die Pfarre bis 1803 gehörte, gepflegt. Überregionale Bedeutung erlangte die Kirchenmusik von Spitz am Ende des 18. und im 19. Jahrhundert.

Das historische Musikarchiv umfasst etwa 800 Werke, überwiegend in Form von Abschriften von zeitgenössischen Kompositionen u.a. von Johann Georg Albrechtsberger, Ludwig van Beethoven, Joseph und Michael Haydn, Wolfgang Amadé Mozart sowie Antonio Salieri. Für die niederösterreichische Musikgeschichte bedeutend sind die vielen Kompositionen von Kleinmeistern wie Franz Joseph Pfeiffer (Maria Taferl), Franz Schneider (Melk), Joseph Spoth sen. (Maria Taferl) oder Eduard Willvonseder (Ybbs). Etliche Werke dieser Komponisten sind in Spitz unikal überliefert oder stellen eine der wenigen erhaltenen Quellen dar. So zum Beispiel Michael Haydns Bass-Aria “Cantate domino canticum novum” (MH 97), die sonst nur noch in Göttweig überliefert ist. Erhalten ist auch eine der seltenen Abschriften der „Messe pour le Sacre de Napoléon“ (Krönungsmesse), die bisher dem französischen Komponisten Etienne-Nicolas Méhul zugeschrieben wurde. Neuere Forschungen von Rita Steblin lassen den Komponisten Franz Xaver Kleinheinz, der in Wien zum unmittelbaren Umkreis von Beethoven gehörte, als Schöpfer dieser Messe erscheinen. Laut einer Eintragung in der Fagott-Stimme wurde das Werk am 15. September 1844 in Baden (bei Wien) uraufgeführt (Abbildung).

Der größere Teil des bis dahin unbekannten Notenbestandes wurde im Mai 1977, also vor genau 40 Jahren, an das Archiv des Klosters Niederaltaich (Niederbayern) geschenkt. Der damalige Pfarrer von Spitz sah in dieser Schenkung die einzige Möglichkeit, das historische Material auf Dauer zu sichern. Und er sollte Recht behalten: Im Gegensatz zu zahlreichen Land-Musikarchiven, die heute nicht mehr auffindbar sind, ist der Spitzer Notenbestand zur Gänze erhalten.

In den Jahren 1999 und 2001 erstellten zwei Abiturientinnen des Niederaltaicher Klostergymnasiums einen provisorischen Katalog des Spitzer Depositums. Die Arbeit wurde der Musikforschung jedoch nicht bekannt gemacht. In Österreich war der Bestand bis vor wenigen Jahren unbekannt.

Im Laufe des Projekts wurde das historische Notenarchiv vollständig digitalisiert und im Internet als downloadbare Bilddateien frei zugänglich zur Verfügung gestellt (40.000 Abbildungen). Die Abteilung Musikwissenschaft stellt für die Präsentation die online-Plattform www.digital-musicology.at zur Verfügung. Für die Digitalisierungsarbeiten stand eine professionelle Fotoausrüstung zur Verfügung (transportabler Fototisch Traveller). Das Profigerät wurde vom Austrian Center for Digital Humanities (ÖAW-ACDH) und dem CANTUS Network-Projekt angekauft.

Das Depositum Niederaltaich wurde 2016 von der RISM-Arbeitsstelle München (Bayerische Staatsbibliothek) katalogisiert. Nach der Digitalisierung und online zur Verfügung Stellung der Bilder wurden diese mit den Metadaten von RISM verlinkt.

Robert Klugseder wurde vom Spitzer Kirchenmusiker Michael Koch auf das Notenmaterial des ehemaligen Musikarchivs in Niederaltaich und auf Restbestände, die im Turm der St. Mauritius-Kirche verblieben sind, aufmerksam gemacht. Dieser Teilbestand wurde 2010 von Claus Hamberger entdeckt und während der Projektlaufzeit gesichert, digitalisiert und in Kooperation mit der RISM-Arbeitsstelle München katalogisiert.  Der „Turm-Bestand“ von etwa 200 Einzelnummern wurde gesichert, digitalisiert und in Kooperation mit RISM München katalogisiert.

Traveler
Der Traveller's Conservation Copy Stand wurde im Auftrag des VESTIGIA - Manuscript Research Centre der Universitätsbibliothek Graz entwickelt.

Durch die Digitalisierung und Katalogisierung des historischen Notenarchivs und die wissenschaftliche Dokumentation der Spitzer Kirchenmusikpflege kann ein Desideratum der niederösterreichischen Musikforschung aufgearbeitet werden. Der musikwissenschaftlichen Forschung im Allgemeinen wird ein bedeutendes Noten-Repositorium in Form von Originalquellen open access zur Verfügung stehen. Da das Notenmaterial schon deutliche Spuren des Zerfalls durch Tintenfraß und Schimmelbefall zeigt, stellt die Digitalisierung auch eine alternative und kostengünstige Methode der Konservierung dar.

Für die wissenschaftliche Einordnung des Musikarchivs und die Beschreibung der Kirchenmusikpflege in Spitz wird am Institut für Musikwissenschaft der Universität Wien eine Masterarbeit vergeben. Im Mittelpunkt dieser Arbeit soll die Verortung des historischen Notenmaterials in das niederösterreichische Umfeld erfolgen. Erste Untersuchungen zeigten, dass für die Genese des Spitzer Musikarchivs die Beziehungen zur Stadt Krems und den benachbarten Klöstern Göttweig und Melk eine wichtige Rolle spielten.

Technische Umsetzung: Die Abbildungen in hoher technischer Qualität werden über einen IIPImage-Server open access zur Verfügung gestellt. Die Daten sind über eine IIIF-Schnittstelle online abrufbar.  Die Abbildungen können so direkt in RISM-online eingebunden werden. Die von RISM München erstellten Katalogisierungsdaten werden der Webapplikation als MarcXML zur Verfügung stehen. In dieser App kommt der IIIF-Viewer Mirador zum Einsatz.