Musik – Identität – Raum

Die Kulturwissenschaften haben sich im Zuge des „spatial turn“ verstärkt den Begriffen „Raum“ und „Räumlichkeit“ zugewandt und die Zeitachse, den Evolutionismus und lineare Entwicklungsannahmen als zuvor dominierende Leitvorstellungen der Moderne zurückgedrängt. Raum wird sowohl materiell als „Behälter“ und „Territorium“ als auch symbolisch als „soziale oder subjektive Konstruktion“ verstanden (Wilfried KAISER). Die „Verortung der Kultur“ (Homi BHABHA) führt sogar zu einer „spatialen Hermeneutik“ mit dem Anspruch, „alle Verstehensakte räumlich zu öffnen, so dass sie die Gleichzeitigkeit, das Nebeneinander und Auseinander ungleicher Lebenssphären ebenso erfassen können wie die Asymmetrien der Machtverteilung“ (Doris BACHMANN-MEDICK).

Albrecht II., Bronzestatue in der Innsbrucker Hofkirche, 16. Jahrhundert (Daderot via Wikimedia Commins, Public Domain)

Gegenstand der Untersuchung bilden vier historische Schnittstellen, deren erste sich mit einer Schlüsselphase der abendländischen Musikgeschichte, den Jahrzehnten um 1430 auseinandersetzt. Vor allem wird hier die Regentschaft von König Albrecht II. (1438/39) näher untersucht, die von der bisherigen musikhistorischen Forschung zu Unrecht vernachlässigt wurde. Thematisiert werden das Auftreten franko-flämischer Musiker im zentraleuropäischen Raum, das Verhältnis des regionalen Repertoires zur europäischen Spitzenproduktion, die benediktinische Erneuerungsbewegung der sog. Melker Reform und das Musikleben in Wien und anderen Zentren in Österreich.

Die zweite Schnittstelle behandelt den Zeitraum um 1740, den Wechsel der Regierung von Karl VI. auf Maria Theresia. Dass dieser Wechsel in vieler Hinsicht große und nachhaltige politische wie gesellschaftliche Konsequenzen nach sich zog, wurde durch zahlreiche Arbeiten belegt. Doch auch im Bereich der Musik vollzog sich zwischen 1730 und 1760/70 ein Wandel auf mehreren Ebenen: diesen Zeitraum, der bislang als „Epoche zwischen den Epochen“ (Rudolf FLOTZINGER) wenig Beachtung gefunden hat, gilt es im Zuge dieses Teilprojektes in den Blickpunkt zu rücken.

Philipp Fahrbach, Titelblatt der Katzenmusik-Walzer, op. 67 (A-Wst, Mc 7487)

Die dritte Schnittstelle thematisiert die Auswirkungen der Revolution von 1848/49 in der Habsburgermonarchie auf Musik und Musikleben. Dabei wird die eigentliche Revolutionsmusik (u. a. Lieder, Märsche, Programmmusik, Katzenmusik) ebenso in den Blick genommen wie Änderungen, aber auch Einschränkungen, die sich durch die Revolution im Konzert- und Theaterwesen ergaben, sowie ihre Auswirkungen auf das Schreiben über Musik. Als Epochengrenze mitunter umstritten (Carl DAHLHAUS), war die Revolution doch für entscheidende Weichenstellungen mitverantwortlich, die man unter dem Begriff der „Professionalisierung“ (in Bezug auf Ausbildung, Institutionen, Programmgestaltung usw.) zusammenfassen könnte.

Die finale Schnittstelle ist dem ersten Jahrzehnt nach 1945 gewidmet – einer Zeit, in der Musik als wesentliche Definition des „Österreichischen“ herangezogen wurde, darüber hinaus als Dispositivmedium, das als Vermittler eines auch noch heute aktiven Vorstellungsbildes von Österreich eine wichtige Rolle spielte.