Jesuitenarchitektur in Italien 1540–1773 Die Baudenkmäler der Mailändischen Ordensprovinz

Mailand, San Fedele, Professhauskirche, Fassade (Copyright siehe http://en.wikipedia.org/wiki/San_Fedele_(Milan)#mediaviewer/File:Chiesa_di_San_Fedele.jpg)

Das Projekt hat die baumonographische Erfassung der Niederlassungen des Jesuitenordens in der mailändischen Ordensprovinz („Provincia Mediolanensis“) zum Gegenstand. Die Provinz umfasste die Lombardei, den Piemont, Ligurien sowie die zur Republik Genua gehörende Insel Korsika und bestand aus insgesamt 36 Niederlassungen (Professhäuser, Kollegien, Noviziate). Objekte der Analyse waren dabei so namhafte Gebäude wie die „Brera“ (Collegio di Brera) und die für die Architekturgeschichte so bedeutungsvolle Professhauskirche S. Fedele in Mailand, das genuesische Kollegium in der Via Balbi, einer der wichtigsten Bauten des oberitalienischen Barock, der heute als Universität in Verwendung steht, oder der Turiner Collegio dei Nobili, dessen Gebäude heute die Akademie der Wissenschaften und das berühmte Ägyptische Museum beherbergt.

Die Ergebnisse der Untersuchung werden als zweiter Band eines ganz Italien umspannenden Corpuswerkes zur Jesuitenarchitektur publiziert. Der erste, ausschließlich vom Projektleiter verfasste Band zur römischen und neapolitanischen Ordensprovinz wurde 1985 bzw. 1986 in zwei (schnell vergriffenen) Auflagen im Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften veröffentlicht. Der konsequent weitergeführte und vom ersten Band erfolgreich vorgegebene methodische Ansatz unserer Untersuchung liegt in der Zusammenführung der Bauleistungen des Jesuitenordens im westlichen Oberitalien unter besonderer Bedachtnahme auf seine inneren Strukturen und organisatorischen Gesetzmäßigkeiten.

Mondovì, S. Francesco Saverio (Chiesa della Missione), Kircheninneres mit Gewölbefresken (Fotomontage von Richard Bösel und Herbert Karner)

Die Erkenntnisziele liegen auf zwei einander bedingenden Ebenen: Zum einen wird zu klären versucht, inwieweit eine direkte Einflussnahme der Ordenshierarchie auf das konkrete Baugeschehen genommen wurde und wie sehr sich eine solche auf die baukünstlerische Gestaltung auswirken konnte. Die damit verbundene Frage nach typologischen und strukturellen Konstanten der „Jesuitenarchitektur“ stellt dabei die zweite Zielrichtung dar (letzteres übrigens ein Problem von wissenschaftsgeschichtlicher Bedeutung, wurde es doch seit dem späten 19. Jahrhundert auf ideologischer Basis und dementsprechend kontroversiell diskutiert).
Als Voraussetzungen der Beantwortung dieser Fragen haben die umfassende Kenntnis des Denkmälerbestandes sowie die Erfassung und Auswertung der schriftlichen wie bildlichen Quellen zu gelten. Aufgefunden im Archivum Romanum Societatis Jesu sowie in den Staatsarchiven in Mailand, Genua und Turin haben letztgenannte in unterschiedlicher Detaildichte die Rekonstruktion der Chronologie der einzelnen Entwurfs- und Baugeschichten ermöglicht. Auf Basis von Bauinterpretationen und präziser Quellenanalyse können Abläufe, Strukturen und Bedingungen des jesuitischen Bauschaffens transparent gemacht werden. So sind wir heute imstande, die Konturen einer ordensspezifischen Architektur im Sinne der im ersten Band gewonnenen Erkenntnisse zu präzisieren und weiterzuführen.