18.12.2017

Weihnachtszeit am Wiener Hof

Als eines der wichtigsten Feste im liturgischen Kalender stellte Weihnachten auch für die kaiserliche Familie ein besonderes Ereignis dar, das jedes Jahr mit ausgesuchtem Prunk begangen wurde. Den zeremoniellen Rahmen bildete die Wiener Hofburg, in der zu diesem Anlass auch Pauken und Trompeten erklangen. Fragen habsburgischer Repräsentation und Hofkultur des 18. Jahrhunderts stehen im Mittelpunkt mehrerer Projekte des IKM, die sich den Themen aus kunsthistorischer und musikwissenschaftlicher Sicht nähern.

Die begabte Zeichnerin und Lieblingstochter Maria Theresias, Erzherzogin Marie Christine, schuf 1762 eine auf den ersten Blick erstaunliche Gouache: Die Nikolobescherung in der kaiserlichen Familie. Franz Stephan sitzt gemütlich im Hausrock vor dem prasselnden Kaminfeuer, zwei Kinder spielen mit Geschenken und essen Kekse, während die große Schwester – Marie Christine selbst – einen Schuh mit einer Rute in der Hand hält. Im Mittelpunkt steht Maria Theresia als liebende Gemahlin vor dem Kaffeetisch. Lange wurde die Zeichnung als Beleg für das bürgerliche Leben am Wiener Hof gedeutet. Doch Marie Christine kopierte mit dieser Darstellung lediglich eine niederländische Stichvorlage von Jacob Houbraken (nach Cornelis Troost) und versah die Figuren mit den Gesichtszügen ihrer Familie. Die Zeichnung ist kein Abbild ihres realen Familienlebens, sondern ein gedankliches Rollenspiel für die zwanzigjährige Erzherzogin. Tatsächlich war Nikolo für die Kaiserkinder ein wichtiger Tag, denn nur am 6. Dezember erhielten sie Geschenke. Statt Puppen und Spielzeugpferden kaufte Maria Theresia ihnen Textilien wie Spitzen, Hemden, Tücher und Stoffe, deren Bezahlung jährlich in ihren Geheimen Kammerzahlamtsbüchern dokumentiert wurde.

Feierliches in den Weihnachtstagen

Das Hochfest der freudenreichen Geburt Jesu Christi wurde am Wiener Hof jedes Jahr nach einem streng festgelegten Zeremoniell begangen. Zur Vorbereitung der Räumlichkeiten der Wiener Hofburg griff man auf die Tradition des Ausräucherns zurück, ein Brauchtum rund um die Rauhnächte, bei dem auf die reinigende Wirkung verbrannter Kräuter vertraut wurde. Inwieweit die kaiserliche Residenz auch eine weihnachtliche Dekoration erfuhr, ist nicht überliefert, das Aufstellen von Christbäumen wurde jedenfalls erst im 19. Jahrhundert üblich. Den Auftakt der Festlichkeiten bildete eine Vesper in der Burgkapelle, die der Kaiser in Begleitung der Ritter des Ordens vom Goldenen Vlies am Nachmittag des 24. Dezembers besuchte. Den Heiligen Abend verbrachte die kaiserliche Familie hingegen zurückgezogen von der höfischen Öffentlichkeit. Auch die Teilnahme an der Mitternachtsmette erfolgte in privater Atmosphäre in einer der Kammerkapellen, kleineren Kapellenräumen in nächster Nähe zum kaiserlichen Appartement.

Am Christtag erschien der gesamte Hofstaat bereits in der Früh in prächtiger Galakleidung bei Hof, um gemeinsam mit dem Herrscherpaar dem Hochamt in der Burgkapelle beizuwohnen. Danach begaben sich alle in die Paraderäume der kaiserlichen Residenz, in denen hohe Würdenträger wie der Wiener Kardinal, der päpstliche Nuntius und diverse Botschafter ihre Wünsche zu den Feiertagen erteilten. Zu Mittag speisten Kaiser und Kaiserin „öffentlich“; sie nahmen ihr Mahl also unter Beobachtung zahlreichen Publikums unter einem Baldachin sitzend ein. Eine besondere Ehre wurde dabei jenen Hofämtern zuteil, die bei einem Anlass wie diesem die Speisen auftragen durften. Nach der nachmittäglichen Vesper bevorzugte Maria Theresia einen geselligen Ausklang des Tages und versammelte den Hofstaat zum Karten- oder Billardspiel um sich. Der 26. Dezember stand ganz im Zeichen des Titularfestes des Heiligen Stephanus, das jedes Jahr im Rahmen eines Hochamtes im Wiener Stephansdom gefeiert wurde. Schon die Fahrt zur Kirche muss einen prächtigen Anblick geboten haben, wenn Kaiser und Kaiserin in einer ihrer Paradekutschen vorfuhren.

Pastorales und Prunkvolles in der Musik

Nach der Fastenzeit im Advent, während der nur klein besetzte Vokalmusik im strengen kontrapunktischen Stil zu hören war, erklang zu den Weihnachtsfesttagen (25.–27. Dezember) erstmals wieder feierliche Musik mit Trompeten und Pauken. Erkennbare Bezüge zur Festthematik entstanden durch die Textwahl, so verweist etwa die Antiphon Hodie Christus natus est auf den Freudengesang der Engel. Die Musik entwickelt mit der Nachahmung von Hirtenmusik eine akustische „Krippenszenerie“ und somit einen eigenen „Weihnachtston“. Aus dem 18. Jahrhundert sind zahlreiche Pastoralsonaten und -messen überliefert, die durch Dur-Tonarten und in weichen Terzen geführte Oberstimmen einen „milden Ton“ anschlagen. Auch Flöten tragen zu diesem Effekt bei, und die hirtentypische Sackpfeife wird durch wiegende Melodik im Dreiertakt, Echoeffekte und lang ausgehaltene Basstöne imitiert.

Der unter den Kaisern Leopold I., Joseph I. und Karl VI. als Hofkompositor und (Vize-)Hofkapellmeister tätige Johann Joseph Fux trug mit seinen Kompositionen zu vielen Weihnachtsgottesdiensten des Hofes bei. Für zwei Pastoralsonaten aus dem Bestand der Hofmusikkapelle sind auch Aufführungsdaten im Rahmen der weihnachtlichen Liturgie belegt. Fux vertonte zudem weihnachtsbezogene Texte für die Vespergottesdienste. Zum Stephanusfest am 26. Dezember erklang stets eine feierliche Messe – in den Jahren 1726 und 1729 die C-Dur-Messe K 47 von Fux, die derzeit am IKM für die Reihe Johann Joseph Fux – Werke  ediert wird.