04.09.2019

Sakarlisierungen des Herrschers an europäischen Höfen

„Sakralisierung“ zielt auf eine Auszeichnung von Herrschern durch den Anspruch auf ein besonderes Naheverhältnis zu Gott oder zu Heiligen. Damit wird im Regelfall nicht nur die Religiosität des jeweiligen Regenten thematisiert, sondern es sind zugleich Strategien verbunden, die im Kampf um Deutungshoheiten und politische Vormachtstellung in der europäischen Geschichte eine wesentliche Rolle spielen.

Untersuchungen zum Thema der „Sakralisierung“ von Herrschern wurden bislang vorrangig in Arbeiten von Historikern vorgelegt. Eine wichtige Ausnahme stellt die im Juni 2015 in geschichtswissenschaftlich-kunsthistorischer Kooperation veranstaltete Göttinger Tagung über „Sakralität am Hof des Mittelalters“ dar, die nach architektonischen, objekthaften, medialen und rituellen Erscheinungsformen des Sakralen vor allem im spätantiken und frühmittelalterlichen Palast, vom östlichen Mittelmeerraum bis nach England, fragte. Diese Anregung aufgreifend veranstaltete der Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Universität Münster (Westfalen) gemeinsam mit dem Institut für kunst- und musikhistorische Forschungen (IKM) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Mai 2017 eine internationale Tagung mit einem Schwerpunkt in der Frühen Neuzeit und zwar speziell in der Epoche „um 1700“.

Der nun im Verlag Schnell & Steiner (Regensburg) vorgelegte Tagungsband konzentriert sich auf den kaiserlichen Hof, die königlichen sowie jene Höfe Europas, die sich zwischen dem Westfälischen Frieden (1648) und dem Tod Kaiser Karls VI. (1740) im Streben nach einer Königskrone an königlichen Repräsentationsstandards orientierten. Die Publikation versammelt Beiträge, die sich mit unterschiedlichen medialen Formationen von Sakralität etwa in Paris, Berlin, Wien, München, in England, Brandenburg-Bayreuth, Polen und Litauen und im Piemont beschäftigen. Ein zentraler Fokus liegt dabei in den jeweiligen Untersuchungen auf der Nutzung von Symbolvorräten und Symbolisierungsprozessen sowie auf dem Beitrag, den sie (oder der Verzicht auf sie) im Hinblick auf die Konstitution und Stabilisierung der Institution „Kaiser- bzw. Königtum“ leisten. Davon nicht zu trennen ist die Frage, auf welche medialen Bezugssysteme, gattungsbezogenen Kontexte und repräsentativen Modelle jeweils zurückgegriffen wurde und inwiefern diese dabei eine Neusemantisierung erfuhren.

Die Publikation macht unter anderem deutlich, dass eine besondere Häufung unterschiedlicher medialer Figurationen von Sakralität „um 1700“ festzustellen ist, was zugleich die Frage aufwirft, ob und inwiefern diese Epoche gleichsam nur eine oder die „Sattelzeit“ von herrscherlicher Sakralität schlechthin darstellt.

PUBLIKATION

Herbert Karner, Eva-Bettina Krems, Jens Niebaum, Werner Telesko (Hg.), Sakralisierungen des Herrschers an europäischen Höfen. Bau – Bild – Ritual – Musik (1648–1740), Regensburg 2019 (Verlag Schnell & Steiner)