05.10.2018

Professionelles Pergament-Recycling im Mittelalter

Unter den zahlreichen musikalisch-liturgischen Quellen des Mittelalters der Vorauer Stiftsbibliothek, die für das CANTUS Network-Projekt des IKM digitalisiert werden, befindet sich unter der Signatur 259 ein vierbändiges, großformatiges Chorantiphonar. Diese in Österreich kaum bekannte und von der Musikwissenschaft nicht beachtete Offiziumsquelle wurde von der tschechischen Kunstgeschichtsforschung ausführlich beschrieben. Im Rahmen des IKM-Projekts folgten nun umfassende musikalisch-liturgische und kodikologische Studien.

Der ursprüngliche Bestimmungsort der Musikhandschriften für das Stundengebet ist das königliche Kollegiatstift St. Peter und Paul auf dem Vyšehrad in Prag. Die aufwändig illuminierten Antiphonarbände wurden um das Jahr 1368 von Prager Buchmalern hergestellt und stellen eine der bedeutendsten Quellen für böhmische Buchmalerei unter Kaiser Karl IV. (reg. 1346–1378) dar.  

Wie gelangten die Handschriften nach Vorau?

Auf ungewöhnlich detaillierte Weise beschreiben ein Vor- und ein Nachwort, die in Vorau im ersten Band des Antiphonars eingebunden wurden, den Weg, den die Musikhandschriften von Prag in die Oststeiermark nahmen: Nach den Wirren der Hussitenkriege und der teilweisen Zerstörung des Vyšehrader Kollegiatstifts gelangten die Bücher nach Wien. Um das Jahr 1435 kaufte der Vorauer Propst Andreas Pranbeck die kostbaren Handschriften „um billiges Geld“ für sein Kloster an. Da die enthaltene Prager Liturgie für Vorau nicht passend war, mussten das Antiphonar umfassend überarbeitet werden. Diese musikalisch-liturgische Redaktion erfolgte jedoch erst in den 1490er Jahren.

Was ist das Besondere an den Handschriften?

Unter der Regierung Kaiser Karls IV. entwickelte sich Prag zum geistigen und geistlichen Zentrum des Heiligen Römischen Reichs. Diese kulturelle Hochblüte führte zu einer qualitativen Perfektion der böhmischen Buchmalerei am Hof des Kaisers und rund um den Prager Erzbischof Arnestus von Pardubice. Eines der herausragenden Produkte dieser Epoche ist das hier vorgestellte Antiphonar. Karl IV. war ein bedeutender Förderer des Vyšehrader Stifts. Diese enge Verbundenheit spiegelt sich in ungewöhnlicher Deutlichkeit in den Handschriften wider. Neben zahlreichen Darstellungen der beiden Patrone Petrus und Paulus treten zwei weitere Bildprogramme klar hervor: Die Darstellung von weltlichen und biblischen Herrschern und Herrscherinnen als Legitimation von Karls Königtum (z. B. die böhmischen Fürsten Wenzel und Vratislav, König Sigismund von Burgund, Kaiserin Helena, die Könige David und Salomon und viele mehr). Nicht zuletzt werden auch Karl und seine Gemahlin Elisabeth von Pommern am bas-de-page des Festformulars von Septuagesima dargestellt, eine der wenigen und bis heute unbeachteten Darstellungen des Kaisers. Der dritte Themenkreis zeigt einen deutlichen Bezug zu Karls Kreuzes- bzw. Passionsfrömmigkeit: Der Kaiser war sehr daran interessiert, Prag durch die Überführung der Reichskleinodien und den Ankauf von Reliquien als bedeutenden Wallfahrtsort zu etablieren. Im Jahr 1356 erreichte Karl bei Papst Innozenz VI. zudem die Einführung eines Feiertages zu Ehren der hl. Lanze als Teil der Reichkleinodien. Diese Thematik findet sich auch im Bildprogramm des Antiphonars wieder, vor allem in der Darstellung der „Exaltatio Crucis“, in der Kaiser Karl und der befreundete Erzbischof Arnestus von Pardubice als handelnde Personen abgebildet sind.

Wie wurden die Handschriften für den Gebrauch in Vorau umgearbeitet?

Einzigartig ist die umfassende, aufwändige und qualitativ hochstehende Umarbeitung der Handschriften für den Gebrauch in Vorau. Da man sich des hohen Stellenwerts der Buchmalerei bewusst war, wurden alle herausragenden illuminierten Initialen erhalten, in vielen Fällen jedoch in anderer Funktion: Bildliche Darstellungen der böhmischen Heiligen Wenzel, Adalbert, Sigismund oder Procopius dienen nun als Schmuck für die Festformulare von Märtyrern im Allgemeinen, des Salzburger Bischofs Rupert, Kaiser Heinrichs IV. oder Ägidius. Die Initialen wurden entweder sorgfältig als Ganzes ausgeschnitten und an neuer Position eingeklebt. Nicht selten verwendete man jedoch nur die figürlichen Darstellungen, das umgebende Beiwerk wurde in Vorau neu gemalt. Eine Besonderheit ist etwa die Bildkollage für das Fest der hl. Maria Magdalena. Die Heilige wurde in einem Torbogen stehend in eine städtische Umgebung eingefügt.

Die 1550 heute erhaltenen Pergamentblätter setzen sich jeweils zu etwa einem Drittel aus Prager Originalen, aus vollständig abgewaschenen und recycelten sowie aus in Vorau neu hinzugefügten Folien zusammen. Die musikalisch-liturgische Tradition entspricht nach der Adaption jener der mittelalterlichen Erzdiözese Salzburg (mit einigen Vorauer Adaptionen). Als Musikhandschrift stellt das „Vorauer Riesenantiphonar“ eines der wenigen, vollständig erhaltenen Denkmäler der Erzdiözese dar und ist somit ein bedeutendes kulturelles Erbe Österreichs.

Vollständige, kommentierte Digitalisate aller vier Handschriften stehen auf der Website des CANTUS Network-Projekts zur Verfügung: www.cantusnetwork.at

Die Veröffentlichung der Bilder erfolgt mit freundlicher Genehmigung durch das Stift Vorau.