06.12.2017

Melancholie - Natur - Musik

Das Horntrio von Johannes Brahms gehört heute zum festen Repertoire des Konzertwesens, und die Einspielungen häufen sich. Autorinnen und Autoren von Kammermusikführern, Konzertprogrammen und CD-Booklets werden nicht müde, auf die Sonderstellung dieses Werkes mit seiner exotisch anmutenden Besetzung und seinen strukturellen Eigenarten aufmerksam zu machen. Eine monographische Studie geht nun dem unkonventionellen ästhetischen Konzept des Trios aus musikwissenschaftlicher Perspektive nach.

Wohl kein anderes Brahms’sches Werk wurde in der Geschichte seiner fortwährenden Rezeption so häufig mit dem Attribut „eigenartig“ versehen wie das Horntrio, angefangen bei der Konzertrezension der Leipziger Erstaufführung durch Clara Schumann im Dezember 1866 bis hin zu aktuelleren Publikationen wie etwa Constantin Floros’ Brahms-Monographie. Elf Jahre  n a c h  (vorläufiger) Vollendung seines Klaviertrios Nr. 1 H-Dur op. 8  und siebzehn Jahre  v o r  Abschluss der Arbeiten an dem Klaviertrio Nr. 2 C-Dur op. 87  näherte sich Brahms der Gattung quasi durch die ‚Nebentür‘: Vielleicht noch im Geiste seiner 1861 erschienenen tragisch-romantischen Vier Gesänge für Frauenchor mit Begleitung von zwei Hörnern und Harfe op. 17  und parallel zur längerfristigen Arbeit an der Vertonung von Tiecks epischen Magelone-Romanzen op. 33  (1861–1869) holte er das Waldhorn – gewissermaßen entgegen Eichendorffs semantischer Verknüpfung desselben mit Begriffen wie Natur und Weite − in die Kammer, damit „Waldeslyrik“ und „Jagdstück“ in das Klaviertrio.

Was konkret Brahms im Frühjahr 1865 dazu angeregt haben mag, in einem Klaviertrio Naturhorn und Violine als Melodieinstrumente zu kombinieren, ist anhand überlieferter Dokumente ebenso wenig nachweisbar wie die näheren Entstehungsumstände. Tatsächlich sind nur wenige Werke des Komponisten entstehungsgeschichtlich so spärlich dokumentiert wie das Horntrio, was der Brahms-Biographik, angefangen mit Max Kalbecks großer Brahms-Monographie, bis heute viel Raum für Spekulationen bietet. Der biographisch-semantische Rezeptionstopos etwa der ‚wehmütigen Erinnerung‘ an die kurz vor der Komposition des Horntrios verstorbene Mutter Christiane, an die Kindheit und hiermit verbunden an das Waldhorn als „Hauptinstrument des Knaben Johannes“, auf dem er der Mutter oft „ihre in dem Werke angeschlagenen oder angedeuteten Lieblingsmelodien vorgeblasen“ habe, ist seit Kalbeck geradezu kanonisiert und gehört zur Rezeptionsgeschichte des Werkes.

Mittels eines ‚close reading‘ der klanglichen und strukturellen Besonderheiten des Trios zeigt die nun vorliegende Monographie jedoch, dass Brahms’ Kunstanspruch und sein originelles Werkkonzept weit über eine narrative Abbildung autobiographischer Begebenheiten hinausgehen: Mit dem Horntrio komponierte Brahms hoch implikationsreiche Erinnerungsmusik, die allerdings überindividuell als solche wahrgenommen werden kann, weil sie eben gerade nicht  klar referenzialisiert ist. Die Studie orientiert sich dabei diskursiv an frühen Rezeptionstendenzen, die dem Werk eine Neigung hin zum Melancholischen attribuierten, und diskutiert die unkonventionelle musikalische Faktur unter kompositions- und klangästhetischen Aspekten.

PUBLIKATION

Katharina Loose-Einfalt, Melancholie – Natur – Musik. Zum Horntrio von Johannes Brahms, Mainz 2017 (Schott Campus)