15.07.2019

„D[A]Z ALLES KRACHT HATT“ – ein Linzer Spektakel 1609

Zur Inszenierung des Einzugs des Landesfürsten zog man im frühneuzeitlichen Linz alle Register: Als Planeten verkleidete Schüler der Landschaftsschule sprachen dem Herrscher Glückwünsche aus, eigens errichtete Ehrenpforten zeichneten seinen Weg durch den Stadtraum vor. Zwar kam Linz im 17. Jahrhundert nicht der Status einer Hauptresidenz zu, doch war die Stadt für die Habsburger aufgrund ihrer günstigen Lage stets eine wichtige Station auf Reisen oder auch Rückzugsort bei Epidemien und militärischen Konflikten. Wenn der Landesfürst zur Erbhuldigung nach Linz kam, bot dies Anlass für einen prächtigen Empfang, dessen visuelle Kommunikationsstrukturen im Rahmen eines derzeit laufenden Projekts der Abteilung Kunstgeschichte des IKM untersucht werden.

Am 17. Mai 1609 kam es in Linz zu einem Großereignis, das alle Kräfte der Stadt und der Stände des Landes Österreich ob der Enns in Anspruch nahm: Erzherzog Matthias zog anlässlich seiner Erbhuldigung feierlich in die Stadt ein. Bereits zwei Tage zuvor waren ihm 4000 Mann zum Empfang an die Landesgrenze entgegengekommen. Von hier wurde der Erzherzog über Ebelsberg nach Linz begleitet, wo seine Ankunft durch eine vom Linzer Schloss abgefeuerte erste Salve angekündigt wurde.

Musikalisch begleitet von Paukern und Trompetern, deren Instrumente mit Fahnen mit dem oberösterreichischen Landeswappen geschmückt waren, bewegte sich ein farbenprächtiger Zug durch die Straßen der Stadt. Von den Ständen aufgebotene 3000 Mann Fußvolk – darunter 536 Linzer Bürger –  sowie mehrere hundert Reiter nahmen an dem Einzug teil. Als Höhepunkt der hierarchisch geordneten Personenfolge ritt Matthias, seinem Rang als ungarischer König entsprechend in einen grünen Dolman gekleidet. Im symbolischen Akt der feierlichen Einbegleitung erwiesen die Stadt und die Landstände dem Landesfürsten ihre Ehrerbietung, doch diente die politische Aufführung zugleich ihrer eigenen Repräsentation. Die einheitlich gekleideten Truppen sowie die im Gewehr entlang der Straßen stehende Linzer Bürgerwehr veranschaulichten militärische Stärke. Die Stadt wurde für den Einzug gesäubert und mit Ehrenpforten geschmückt und vermittelte im Rahmen des Spektakels ein Idealbild ihrer selbst.

Erschließung des Stadtraums

In mehreren Etappen rückte die Zugfolge von Süden auf der Landstraße, die Teil der Nord-Südachse durch die Stadt und damit deren zentrale Verkehrsader war, in Richtung des Stadtzentrums vor. Die eigens auf der Einzugsroute errichteten Ehrenpforten waren nicht nur Festdekor, sondern markierten Grenzen im Stadtraum und fungierten als architektonischer Rahmen zur Inszenierung des Rituals. Die erste Ehrenpforte wurde auf der Landstraße an der Grenze zum Burgfried der Stadt Linz (heute unweit der Mozartkreuzung) errichtet und machte somit diese zentrale Schwelle – den Übergang zu dem der städtischen Gerichtsbarkeit unterstellten Stadtraum der Linzer Vorstadt – anschaulich. Direkt unter der Pforte entblößte der Obersthofmarschall Wolff Sigmund von Losenstein das Schwert, das er offen durch den Stadtraum trug. Hier begrüßten der Linzer Bürgermeister und Stadtrat den Erzherzog und überreichten ihm in einem symbolischen Akt den Stadtschlüssel, wodurch sein Status als Stadtherr allen sichtbar vor Augen geführt wurde.

Der Zug setzte sich nun in Richtung der ummauerten Stadt fort: Man passierte mit dem im 19. Jahrhundert abgetragenen Schmidtor einen dicht mit habsburgischer Herrschaftssymbolik besetzten Stadtturm und erreichte mehrere markante Punkte in der Linzer Altstadt. Am Hauptplatz schritt man durch eine mit Musikern bevölkerte Ehrenpforte in Richtung der Pfarrkirche, wo anschließend das Te Deum gefeiert wurde. Von hier kehrte man vorbei am Rathaus zum Hauptplatz zurück, wo die ständische Infanterie und Kavallerie Aufstellung bezog. Der Zug mit den übrigen Teilnehmern passierte einen weiteren Triumphbogen und bewegte sich durch die schmale, steile Hofgasse, in der die Jesuiten eine vierte Ehrenpforte errichtet hatten, hinauf zum Schloss: Die Ankunft des Königs und den Abschluss des drei Stunden dauernden Einzugs verkündeten mehr als dreißig im Hof des Schlosses abgefeuerte Kanonenschüsse; auf diese antworteten die Truppen am Hauptplatz mit Musketenschüssen, sodass – in den Worten des Berichterstatters Johann Wilhelm Haunold von Haunoldseck – „alles kracht hatt“.

„Jedermann hab sein hertz Vnnd gesicht, Zu schauen auf den Khönig gericht“

Der Einzug von Matthias im Mai 1609 ist im Kontext der Linzer Herrschereinzüge bemerkenswert, wurden hier doch erstmals mehrere mit Inschriften und Sinnbildern geschmückte ephemere Architekturen für einen Habsburger errichtet. Diese dienten als Bühne für Musiker und Gratulanten: So sprach beim Eintritt des Landesfürsten in die Stadt ein als Engel verkleideter Schüler alle Anwesenden an, ihr Herz und Gesicht auf den König zu richten, und mahnte zum Gehorsam ihm gegenüber.

Die Auswertung der auf den Ehrenpforten angebrachten bildlichen Botschaften und der performativen Einbindung der Festgerüste im Ritual ist Gegenstand eines an der Abteilung Kunstgeschichte des IKM angesiedelten Forschungsprojekts, das Stadteinzüge des 16. und 17. Jahrhundert als zentrale Komponenten visueller Herrscherrepräsentation in Städten des habsburgischen Reichs untersucht. Im Rahmen des diesjährigen Betriebsausflugs der ÖAW nach Linz konnte die Route des Einzugs 1609 gemeinsam begangen werden und so ein Stück Linzer Stadtgeschichte und habsburgischer Repräsentationsgeschichte interessierten Kolleginnen und Kollegen näher gebracht werden.