Die philologische Erforschung der Philosophien Südasiens und ihrer Geschichte ist weitgehend auf die Erschließung hinduistischer und buddhistischer Quellen beschränkt. Die philosophische Literatur des Jinismus wird äußerst selten untersucht. Eine derart bescheidene Rolle spielt der Jinismus zwar heute auch im Konzert der Weltreligionen, sie steht aber in keinem Verhältnis zu der Bedeutung, die jinistischen Denk- und Lebensweisen in der Kultur- und Geistesgeschichte Südasiens zukam.

Spätestens ab der Mitte des ersten Jahrtausends v.u.Z. traten die Jainas mit Vertretern anderer Weltentwürfe in eine Debatte um die religiöse Vorherrschaft ein, in welcher die Kontrahenten all­mäh­lich Vorstellungen und Ge­bräuche ihrer Rivalen in das eigene Weltbild integrierten. Auf dem Gebiet der Phi­lo­sophie nimmt der stetige Austausch ab ca. dem 4. Jahrhundert u.Z. sehr deutlich fassbare Cha­rakter­zü­ge an, als die Jainas be­gan­nen sich des Sanskrit zu bedienen. Begriffe und Argumente, die den philosophischen Diskurs do­mi­nier­ten, wurden vor dem Hintergrund des jinistischen Weltbildes durchdacht und in Abhandlungen be­wahrt, die im Laufe der Jahrhunderte zu einem Textkorpus von vielen hundert Sanskrit Werken an­ge­wach­sen sind. Das vorliegende Projekt untersucht zwei Charakteristika des in diesem Korpus erhaltenen Diskurses.

Argumentation eines Perspektivismus: Im Zuge der Debatte mit den Vertretern anderer philo­so­phi­scher Traditionen entwickelten jinistische Gelehrte ein epistemologisches Modell, in dem zwei einander ent­ge­gen­ge­setz­te philosophische Positionen als unzureichende Perspektiven eingestuft werden können. Mit einer solchen Form des Perspektivismus denken Jainas die Überlegenheit der jinistischen Lehre gegenüber anderen nachweisen zu können. Die philologisch-historische Untersuchung dieses Er­kenntnis­modells klärt seine Voraussetzungen und stellt eine Grundlage bereit, um Vor- und Nachteile pluralistischer Erkenntnismodelle anhand eines detailliert ausgeführten historischen Beispiels zu erörtern.

Intertextuelle Dichte: Jinistische Autoren haben in ihren Werken sehr häufig Ar­gu­men­ta­tions­muster verwendet, die auch in anderen Werken überliefert sind. Durch zahlreiche Zitate, Referate und andere Formen textli­cher Parallelen sind die einzelnen Werke der philosophischen Sanskritliteratur der Jainas so­wohl miteinander als auch mit den Werken anderer philosophischer Traditionen Südasiens eng verknüpft. Die Iden­tifizierung und Analyse dieser intertextuellen Elemente bringt Varianten zentraler Argumente ans Licht und erlaubt philologisch gestützte Hypothesen über die historische Entwicklung dieser Argumente sowie über die chronologische Relation der beteiligten Werke.

Das Projekt untersucht diese beiden zentralen Charakteristika der philosophischen Sans­krit­literartur der Jainas auf der breiten Basis von zehn Werken Vidyanandins, eines namhaften Autors aus dem 10. Jahrhundert. Damit werden in diesem Projekt auch die ersten Schritte unternommen, um das umfangreiche Gesamtwerk eines angesehenen jinistischen Philosophien zu bewältigen und um zukünftige kritische Editionen einiger seiner Werke vorzubereiten.

Projektdaten


  • Leitung: Himal Trikha
  • Fach: Indologie
  • Laufzeit: 2016-2020
  • Finanzierung: FWF (Schrödinger-Projekt J-3880)