VIII.

 Gemeinschaft
und
Identität

WittgensteinProjekt 2005-2010

 

 

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Soziale Gemeinschaftsentwürfe in Predigten des Frühmittelalters

Bearbeiterin: Marianne Pollheimer – Kontakt
 

Dieses Teilprojekt untersucht Predigten und Predigtsammlung des 6.-9. Jahrhunderts in ihren jeweiligen Überlieferungszusammenhängen und fragt nach ihrem Potential, das sie als  „Massenmedium“ für die Konstituierung von Gemeinschaft haben konnten. Predigten stellten Ressourcen und textuelle Strukturen zur Verfügung, verschiedene Ideen, Vorstellungen, Interpretationen und Konzepte auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen zu propagieren und zu diskutieren. Dabei fungierten sie als Schnittstelle zwischen verschiedenen Kommunikationsformen, wie z.B. Exegese, Hagiographie oder Kapitularien, und sozialen Ebenen.

Besondere Aufmerksamkeit wird der Analyse von gemeinschaftsstiftenden Aspekten solcher Texte gewidmet, da durch ihren (theoretischen oder praktischen) performativen Charakter die Zuhörer zumindest als situative Gemeinschaft verstanden werden können, die am selben Ort zur selben Zeit demselben Text oder derselben Rede zuhörte. Eine wichtige Rolle spielte daher das Verhältnis zwischen Prediger und Publikum und in welcher Weise der Prediger, Predigtautor oder Kompilator seinen Text auf die Zuhörergemeinschaft abstimmte, indem er Predigtstil, Sprache und rhetorische Gestaltung daran anpasste.

Das Hauptinteresse der Untersuchung richtet sich auf die Fragen, wie auf inhaltlicher Ebene Predigten Zugehörigkeit zu einer christlichen Gemeinschaft vermitteln konnten, wie sie damit im Verhältnis zu anderen Konzepten wie ethnischen Zuordnungen und politischen Organisationsformen umgingen und zu sehen sind. Da diese Texte im Allgemeinen den Zweck der Verbreitung der christlichen Heilslehre hatten und daraus ihre gemeinschaftsstiftende Funktion gewannen, wurde dieses Verhältnis eher implizit angesprochen und transportiert, wobei jüdische, frühchristliche, antike und spätantike Traditionen mitgedacht werden müssen.

Das Teilprojekt beschäftigt sich damit, welche biblischen Bilder und Modelle für eine christliche Gemeinschaft in Predigten herangezogen und gedeutet werden konnten, welche Vorstellungen und Vorbilder für soziale Gemeinschaften im Frühmittelalter dadurch vermittelt und in welcher Weise soziale Modelle, Positionen, Strukturen und Hierarchien angesprochen werden konnten. Beispiele dafür sind das Verhältnis von Hirt und Herde, Differenzierungen innerhalb der Herde, die Positionen von Propheten, Aposteln, Königen und Königinnen, Richtern und Gerichteten, Vätern und Söhnen. In welchen Situationen und Kontexten konnten solche Modelle aktualisiert, als Deutungsmuster herangezogen und als Argumentation eingesetzt werden? Dazu gehörte auch die Kontrastierung mit „anderen“ Gruppen, wie z.B. Häretikern oder Piraten, für die ebenfalls Deutungsmöglichkeiten im Rahmen der christlichen Heilslehre gefunden wurden. Dies konnte auf eher regionaler oder sehr breiter Ebene wirksam werden, wenn z.B. Bezug auf theologische Debatten genommen wurde, die auf höchster politischer Ebene geführt wurden. Welche Möglichkeiten Predigten für regionale Gruppen boten, kann z.B. anhand von Predigten, die sich mit Heiligen oder Märtyrern als Identifikationsfiguren auf lokaler Ebene beschäftigen, untersucht werden.

Ein weiterer Fragenkomplex richtet sich auf die appellative, moralische und didaktische Funktion von Predigten. Welche Normen, Handlungsanweisungen, Verständnishilfen und -anleitungen wurden vermittelt, in welchem Verhältnis standen diese zu anderen Diskursformen und inwiefern konnten sie eine Rolle für die Verhandlung christlicher Gemeinschaftsformen des Frühmittelalters spielen? Welche Rolle spielte das Verhältnis zwischen Reichen und Armen, Dienern und Herren, Mächtigen und subiecti? Wie verhielt es sich mit der Verantwortung des Herrschers für den populus Christianus, wie mit jener eines jeden Christen gegenüber anderen in Not? Wie wurde christliches Verhalten in Konfliktfällen angesprochen?

Überlegungen, in welcher Weise religiös definierte Gemeinschaftskonzepte wie populus Christianus oder ecclesia konstituiert werden konnten und wie mit ihren unterschiedlichen Bedeutungsebenen und -reichweiten umgegangen wurde, können zu ähnlichen Fragen über ethnische Zugehörigkeiten und Reichweiten ethnischer Entwürfe beitragen, v.a. wenn diese in Relation mit christlichen Konzepten konstituiert wurden und arbeiteten.

Die Untersuchung von sozialen Gemeinschaftsentwürfen in frühmittelalterlichen Predigten soll daher helfen, unsere Vorstellung zu schärfen, welche Rolle diese Art von Diskurs in einer Welt von regna und gentes spielen konnte, welches Potential Predigten für die Gestaltung von Gemeinschaft entwickeln konnten und in welchem Verhältnis die auf diese Weise vermittelten Vorstellungen von Zugehörigkeit zu möglichen anderen Konzepten standen, wie sie einander ergänzen oder kontrastieren und dadurch jeweils an Schärfe gewinnen konnten.


Ethnische und monastische Identitäten

Bearbeiter: Albrecht Diem – Kontakt 
 

Ein Ziel des Wittgensteinprojektes besteht darin, das Entstehen ethnischer Identitäten zusammen mit der Identitätsbildung anderer Gruppen und Institutionen spätantiker und frühmittelalterlicher Gesellschaften zu untersuchen. Auf diese Weise können zum einen Wechselwirkungen analysiert und bislang wenig beachtete Quellenbestände erschlossen werden; zum anderen liefert dies neue Einsichten in die generelle Entwicklung bzw. Konstruktion und das Funktionieren von Identitäten sowie neue theoretische Modelle und Methoden, die sich dann wiederum auf die Erforschung der Ethnogenese anwenden lassen.
 

Dieses Teilprojekt befasst sich mit der Entwicklung klösterlicher Identitäten in der lateinischen Welt der Spätantike und des Frühmittelalters. Das Entstehen des westlichen Klosterwesens, einer während des gesamten Mittelalters gesellschaftsprägenden Institution, spielte sich in genau jenem Zeitraum ab, in dem spätantike Herrschaftsstrukturen durch neue, auf ethnischen Konstruktionen beruhende politische Strukturen ersetzt wurden. Das Projekt hat drei Arbeitsschwerpunkte:
 

      Es ist zu untersuchen, inwieweit der Entwicklungsprozess des Klosterwesens die jeweiligen politischen und sozialen Veränderungen widerspiegelt und damit als (bislang kaum genutztes) Mittel zum Verständnis der Transformation of the Roman World eingesetzt werden kann.

     Weiters wird die Frage gestellt, inwieweit monastische Institutionen die Entwicklung politischer Strukturen beeinflusst haben. Inwieweit tragen Mönche, die pro stabilitate regni beten, bei zur politischen Identität eines Reiches? Welchen Einfluss hat es auf kollektive Identitäten, wenn die politische bzw. intellektuelle Elite eines Herrschaftsverbandes ihre Erziehung und Ausbildung in einem klösterlichen Netzwerk erhalten hat? Ist es Zufall, daß das erfolgreichste und dauerhafteste Nachfolgereich, auch dasjenige war, deren Könige die aktivste Klosterpolitik betrieben haben?

 

•     Auf einer dritten Ebene soll untersucht werden, inwieweit Verbindungen bestehen zwischen den diskursiven Techniken der Identitätskonstruktion, wie sie sowohl von einzelnen Klöstern als auch vom Klosterwesen insgesamt angewandt wurden, und den diskursiven Techniken der Konstruktion ethnischer bzw. politischer Identität. Die Idee eines in den Traditionen der sancti patres wurzelnden Klosterwesens war wahrscheinlich nach ganz ähnlichen Mechanismen ein textuelles Konstrukt wie ethnische Identitäten. Wie verhalten sich hagiographische Ursprungsmythen zu origines gentium? Bestehen Parallelen zwischen monastischen und ethnischen Legitimationsmustern?

 
 

Die hier gestellten Fragen werden in einer Serie von Artikeln sowie einer Monographie untersucht. Weiters werden zum Austausch mit Kollegen anderer Institute mehrere Sessions beim International Medieval Congress in Leeds organisiert und ein Sammelband publiziert.

 

Geplante Publikationen

  • Monographie Shaping an Ideal community: The Regula Cuiusdam ad Virgines Zusammenfassung ...

  • Artikel: ‚Who is allowed to pray for the king? Intercessory prayer and ethnic/monastic identities’

  • Artikel: ‚Disciplining Emotions in Early Monastic Rules’ Details ...

  • Artikel: ‚Conversio und Identität. Ein Versuch (Arbeitstitel)’

  • Artikel: ‚Liturgical discipline in early monasticism’ (Arbeitstitel)

  • Artikel: ‚Shaping a monastic past and identity: the Vita Pachomii iunioris’ (Arbeitstitel)

  • Sammelband: Entering the Monastery

Mittelfristige Perspektiven

Die bislang geplanten Publikationen befassen sich im Wesentlichen mit der Rolle des Klosterwesens in der fränkischen Welt. Dies ist insofern zu rechtfertigen, als das mittelalterliche Klosterwesen sich aus dieser Tradition heraus entwickelt hat. Mittelfristig ist es allerdings sinnvoll, die hier exemplarisch entwickelten Fragestellungen und Methoden auch vergleichend auf andere monastische Landschaften, insbesondere der visigotischen, italienischen, nordafrikanischen und irischen anzuwenden. Die Frage nach den Ursprüngen regional abgegrenzter klösterlicher Landschaften und dem Übergang von einer wie auch immer gearteten global-römischen monastischen Kultur hin zu textlich und organisatorisch abgeschlossenen regionalen klösterlichen Welten könnte sich überaus fruchtbar auch für die generelle Erforschung ethnischer Identitäten erweisen.

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