V. Teilprojekt

Zeit
und
Identität

WittgensteinProjekt 2005-2010

 

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Zeit und Apokalypse

Bearbeiterin: Veronika Wieser

Der Fokus des Projektes „Zeit und Apokalypse“ liegt auf der Analyse jener Schnittpunkte und Kreuzungen spezifischer politischer, theologischer, sozialer und kultureller Diskurse, die apokalyptische Zeichen produzieren. Die Bedeutungsproduktion dieses apokalyptischen Diskurses soll hierbei vor allem auf die Fragestellungen der Konstruktion von identitätsstiftenden Erzählungen untersucht werden. Apokalyptische Erzählungen setzen meistens an neuralgischen Punkten in gesellschaftlichen Prozessen ein. Anhand der nachhaltigsten apokalyptischen Kommentare des Früh- und Spätmittelalters aber auch der Spätantike lassen sich Raster entwerfen, in denen Erzählungen, Textelemente und Motive diskursiv gruppiert, Text- und Bildelemente aufgenommen, niedergeschrieben, umgeschrieben werden – „Zeit und Apokalypse“ beschäftigt sich mit der Aneignung und Transformation narrativer eschatologischer Strukturen.

 

In der Reflexion der politischen und theologisch-institutionellen Veränderungen des 4. und 5. Jahrhunderts wird die Spiritualisierung des Weltendes zu einer dominanten Erzählstrategie und gleichzeitig zu einer Struktur, die Thema und Theologie der nachfolgenden mittelalterlichen Kommentare bedingt. Im Gegensatz dazu stehen jene des 2. und 3. Jahrhunderts, in denen chiliastische und anti-chiliastische Konzepte – ausgehend von Genesis 2, 17 und 5, 5 und Psalm 90, 4 – die apokalyptische Narration organisieren. Diese litterale Auslegung der heiligen Schrift wird in der nachkonstantinischen Zeit in einem realisierten Chiliasmus aufgenommen, der stärker mit dem Bild einer institutionalisierten Kirche, die sich in Friedenszeiten mit dem römischen Imperium befindet, korrespondiert. Gleichzeitig entspricht dies der erwünschten Funktion, die katholische Kirche als sichtbaren irdischen Vertreter Gottes zu definieren. Im Jahr 431 wird am Konzil von Ephesos der Chiliasmus als Aberglauben verurteilt, und damit jene Ideen, die noch bei Irenäus von Lyon und Hippolytus von Rom Teil der Rechtgläubigkeit waren, gebannt. Mit der scheinbaren Einlösung eschatologischer Prophezeiungen, die sich in der Zerstörung Roms als Beweis für das unmittelbar bevorstehende Weltende zu erfüllen scheint, wird die Spiritualisierung und Theologisierung zu einer unbedingten Notwendigkeit.

 

In diesen narrativen Transformationsprozess fällt die Weltchronik des Sulpicius Severus, die man zu den letzten bedeutenden Geschichtswerken der Spätantike zählt – die bislang sowohl in der mittelalterlichen Literatur aber auch in der rezenten Forschung wenig beachtet wurde. Sie stellt nicht nur ein wichtiges Zeugnis für die Geschichte und Rezeption des Priscillianismus und des Arianismus und der innerkirchlichen Konflikte und Auseinandersetzungen dar, sondern auch für den Institutionalisierungsprozess der Kirche im 4. Jahrhundert und für die Formierung eines christlichen Kanons.

Erste Ergebnisse der Analyse der Chronik wurden im Rahmen des International Medieval Congress in Leeds präsentiert. Hierbei lag der Fokus auf einer Einordnung dieses Werkes in apokalyptische Traditionen und auf der Fragestellung nach der Konstruktion von Zeit und deren Datierungsmöglichkeiten und -schemata.