V.

Zeit
und
Identität

WittgensteinProjekt 2005-2010

 

 

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Eines der wesentlichen Merkmale der Identität ist die Einordnung des Individuums in eine relativ zeitresistente Gemeinschaft. Ziel dieses Projektes ist eine Geschichte der Wahrnehmung der Zeit als eine der fundamentalen kulturellen Kategorien, die die Konstruktion von Identitäten im frühmittelalterlichen Europa prägten.
 

Zeitarchive

Bearbeiter: Richard Corradini

Das Projekt der „Zeitarchive“, dessen aktuelle Projektgestaltung unter dem Titel „Zeit und Identität“ dem Wittgenstein-Projekt eingegliedert ist, widmet sich dem Themenkomplex der Konstruktion der europäischen Zeit im ersten Millennium. Dabei wird die Zeit als ein Symbol für die Wahrnehmbarkeit von Geschichte interpretiert, an dem sich soziale, ethnische, politische, ökonomische oder ethische Praktiken einer Gesellschaft ablesen lassen. Wenn man weiß, wie eine Gesellschaft mit ihrer Zeit umgeht, weiß man sehr viel über ihre kollektiven wie individuellen Wertmaßstäbe und Lebensmodelle: man erfährt über die komplexen Formierungen von oft widersprüchlichen Identitäten historischer Gemeinschaften. Man formiert sich zu Zeitgemeinschaften, lebt innerhalb von sozialen Zeitzonen, ordnet sich synchron und diachron bestimmten Zeit-Räumen zu.

Die Entwicklung der europäischen Zeitrechnung und -wahrnehmung bis zur modernen Atomzeit war von Verschiebungen, Brüchen, Verdichtungen und Neuansätzen begleitet. Ihre lange Geschichte hat inzwischen zu Schichtenbildungen geführt, die in einer textarchäologischen Analyse freizulegen versucht werden. Das Mittelalter bietet gerade für diese Fragestellungen ein besonders geeignetes Forschungsfeld, da man hier die vielfältigen und oft widersprüchlichen Identitätskonstruktionen mit der Etablierung eines komplexen und – allerdings nur vordergründig – einheitlichen Zeitverständnisses verbinden kann. Wenn man nach Identitäten im Mittelalter fragt, sollte man nach den Kategorien fragen, mit denen mittelalterliche Menschen Identität beschrieben.

In der ersten Etappe des als Cluster verstandenen Projekts werden spätantike Quellen zur Zeitwahrnehmung, Zeitberechnung und Historiographie ausgearbeitet. Dabei wird neben den Zeittheorien eines Isidor von Sevilla (ca. 560 - 636), Cassiodor (ca. 485 - ca. 580) oder Jordanes (†ca. 552) vor allem der faszinierenden Zeitphilosophie des Aurelius Augustinus (354 - 430) nachgegangen. Stehen dabei häufig antike Traditionen Pate, so ist der Transformationsprozeß dieser Konzepte innerhalb eines christlichen Weltbildes keineswegs konfliktfrei verlaufen. Gerade die Auseinandersetzungen, konkurrierenden Modelle und Sackgassen um zeitliche Strukturen bilden interessante Indikatoren für die Komplexität spätantiker Identifikations- und Abgrenzungsprozesse.

Die Quellen sollen in einem weiteren Schritt als Ressourcen verstanden werden, auf die man im Frühmittelalter zurückgreifen konnte. In dieser Etappe soll v.a. auf die Frage der Kontinuitäten und Veränderungen in der Wiederschrift und im Gebrauch der spätantiken Texte eingegangen werden. Dabei können einzelne Module, die zur Etablierung unterschiedlicher Ansätze von Zeitwahrnehmung beitrugen, untersucht werden: die mathematisch-komputistische Aneigung von Zeit, philosophische Theorien der Zeitperzeption, die narrative Strukturierung von Zeit in der Annalistik und Chronistik, der liturgische Gebrauch zeitlicher Ordnungen, etwa in Kalendarien oder Martyrologien, sowie eschatologisch-apokalyptische Visionen (siehe Teilprojekt: „Zeit und Apokalypse“).

Wie ein roter Faden läßt sich dabei die frühmittelalterliche Rezeption der Theorien von Augustinus durch das Projekt ziehen. Besonders anhand des Traktats Periphyseon (De divisione naturae) des irischen Gelehrten Johannes Scotus Eriugena (ca. 810 - ca. 877), in dem er die Erschaffung der Welt als Genesisexegese behandelt, wird deutlich, wie antikes und spätantikes Wissen in den Kanon karolingischer Bildung transformiert werden konnte.

Der Transformationsprozeß von aus der Antike übernommenen Aspekten der Zeit in ein christliches Weltbild – von ihren philosophischen Grundlagen über die Praktiken der Berechnungsmethoden bis hin zu politischen Umsetzungen – sowie neue Ansätze zur Zeitdefinition bilden einen der interessanten Beiträge des Mittelalters zur Konstruktion des modernen Europa. Zeit-Sprechen bedarf der Archivierung – nicht allein, um nicht zu vergessen, sondern um gesellschaftliche Positionen zu beziehen. Der Ort des Gedächtnisses beansprucht, behauptet für sich, ergreift das Wort und beurteilt. Für soziale Gruppen geht es darum, Zeitresistenzen zu erreichen – quasi eine Insel anzusteuern, an der Zeit nicht mit ihrem ständigen Abgrund droht, und der Verlust an Existenz dem Individuum aufgehoben scheint in einer imaginären Gegenwärtigkeit. Zeit verdichtet sich. Mit jedem Wort über sie drückt sie mehr und intensiver auf dasjenige, was sich als historisches Subjekt empfindet. Das ist der implizit apokalyptische Charakter der Zeit: ein verdichtete Aussageaktion. Zeit postulieren ist damit auch in soziale Prozesse der Bedeutungsproduktionen eingebunden.

Teilprojekt

Zeit und Apokalypse
Die Konsolidierung sozial-politischer Räume im Frühmittelalter

Bearbeiterin: Veronika Wieser

Zeit war im Frühmittelalter Ansatzpunkt eschatologisch-apokalyptischer Visionen, die als finale Elemente der Zeitkonstruktionen zu interpretieren sind. Apokalyptische Vorstellungen sollen hier in ihrer Identitätswirksamkeit untersucht werden.