III.

 Im
Schatten
des

Turmes
von
Babel

WittgensteinProjekt 2005-2010

 

 

 

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Das Alte Testament kannte zwei Erklärungen für die Entstehung von Völkern und Sprachen: Die Sprachverwirrung beim Bau des Turms von Babel, und die Verbreitung der Nachkommen Noahs über die Erde nach der Sintflut. Wichtiger noch für das christliche Abendland war es, wie die Juden als das auserwählte Volk, seine Nachbarn und Feinde oft ebenfalls als Völker dargestellt wurden. Die heilsgeschichtliche Weltdeutung verband sich mit dem Weltbild der klassischen Ethnographie. So konnten christliche Gelehrte ihre eigene Welt, in der auf römischem Boden Verbände ‚barbarischer’ Krieger die Macht übernommen hatten, verstehen. Damit legitimierten sie gleichzeitig die neuen Königreiche, die auf ethnischer Grundlage entstanden waren.
 
Gemeinsam mit in- und ausländischen Spezialisten will das Wittgenstein-Team die sich entwickelnden Vorstellungen von Herrschaft auf ethnischer Grundlage und ihren politischen Kontext neu diskutieren. Dazu soll eine neue, gemeinsame Lektüre des Werkes der wichtigsten Autoren der Zeit dienen: Augustinus, Hieronymus, Cassiodor, Isidor von Sevilla, Beda. Dabei sollen die unterschiedlichen Werke dieser Autoren  (Chroniken, Heiligenleben, theologische und exegetische Traktate, Enzyklopädien, Briefe etc.) auf Vorstellungen über Völker und Identitäten untersucht werden.
 
 
 

Das Alte Testament und seine Exegese

Bearbeiterin: Gerda Heydemann

Welche Rolle spielten biblische Texte für die Wahrnehmung und Legitimation einer Welt von Völkern und Reichen im Frühmittelalter? Welchen Einfluss übten die biblischen Texte aus, in denen die Geschichte Israels als politische und religiöse Gemeinschaft erzählt und über die Identität Israels als auserwähltes Volk in Abgrenzung zu den umliegenden Völkern und Reichen verhandelt wurde?

Um diese Fragen zu beantworten, untersucht dieses Projekt die Auslegung und Rezeption des Alten Testaments im Frühmittelalter. In ihren Kommentaren zum Bibeltext arbeiteten frühmittelalterliche Denker daran, Israel als Vorbild und Modell für christliche Gemeinschaften zu verstehen und nutzbar zu machen. In Auseinandersetzung mit dem Bibeltext formulierten sie Modelle des sozialen Zusammenhaltes, moralische Ansprüche und Verhaltensnormen für Individuen und Gruppen. Dabei griffen sie auf biblische Vorstellungen von Identität und Abgrenzung zurück, die sie in einen christlichen Kontext übersetzten und dabei auch veränderten. Wie im Alten Testament sind auch in den Kommentaren religiöse und politische Identitätskonzepte eng miteinander verknüpft.

In den Kommentartexten lassen sich die veränderlichen und oft konkurrierenden Bedeutungen von „Terminologie der Identität“ genauer untersuchen als in vielen anderen frühmittelalterlichen Quellen. Die hier entwickelten Deutungsmodelle für die soziale und politische Ordnung bildeten wichtige Ressourcen für die Identitätskonstruktion und Legitimation von unterschiedlichen Gruppen. Das Teilprojekt erbringt daher wichtige Einblicke in die Rolle, die biblische Texte und ihre Auslegung für Identitätsprozesse und Wahrnehmungen von Eigenem und Fremdem spielen konnten.