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Die Franken politischer Erfolg, ethnische Integration und ihre Gestaltung in Geschichte und Geschichtsschreibung
Vortrag, gehalten am Symposium „Europas alte Völker“ an der Urania, Wartingersaal, Landesarchiv Graz;  7. 4. 2006

 

Bearbeiter: Helmut Reimitz Kontakt


Im Vergleich mit anderen völkerwanderungszeitlichen Gentes wird den Franken häufig eine besondere Rolle zugeschrieben, vor allem durch den Erfolg und die Dauerhaftigkeit ihrer Reichsbildungen. Tatsächlich ist der Aufstieg der Franken von einem gentilen Verband an der Peripherie des römischen Reichs im Nordosten der gallischen Provinzen während des dritten nachchristlichen Jahrhunderts zu einer Großmacht des frühmittelalterlichen Europa beeindruckend. Nachdem es dem merowingischen König Chlodwig schon um 500 gelungen war, das fränkische Herrschaftsgebiet über den größten Teil des heutigen Frankreich auszudehnen, bauten seine Nachkommen die hegemoniale Stellung der Franken in West-Europa weiter aus. Als um die Mitte des achten Jahrhunderts die Familie der Karolinger die Merowinger als fränkische Könige ablöste, wurde unter ihrer Herrschaft die fränkische Expansion mit verstärkter Vehemenz wieder aufgenommen. Das Reich des zweiten karolingischen Königs, Karls des Großen, umfaßte schon um 800 weite Teile des heutigen Europa, von Spanien und Italien bis an die Nordsee und in den mittleren Donauraum. Zwar begannen schon wenige Jahre nach dem Tod Karls des Großen die Auseinandersetzungen um sein Erbe unter seinen Enkelkindern und die zahlreichen Aufteilungen der Reiche. Trotzdem blieb das karolingische Imperium der Franken noch lange Zeit nach seiner Auflösung im Laufe des zehnten Jahrhunderts der entscheidende Bezugsrahmen des politischen Handelns und vermittelte so seiner europäischen Nachwelt grundlegende politische und soziale Strukturen.


Erfolg und Integration – der Untertitel zu meiner Präsentation – scheint bei den Franken also besonders gut zu passen. Allerdings ist mit dem Untertitel aber nicht nur den Erfolg und die Integration der politischen und ethnischen Gemeinschaft der Franken im frühen Mittelalter gemeint, sondern  auch der damit eng verbundene Erfolg und die Integration des ethnischen Modells in Europa überhaupt.

Wie bei den Goten, Vandalen und Langobarden ging es auch bei den Franken zunächst um die grundsätzliche Herausforderung als politische Gemeinschaft eine doppelte Integrationsleistung zu bewältigen: einerseits die Integration in die Strukturen des römischen Imperium und andererseits die Integration einer heterogenen Gruppe zu einem politisch handlungsfähigen Verband. Doch beruhte die Integration der Franken weniger auf Verträgen mit dem Imperium, die etwa bei den Goten, Vandalen oder Burgundern eine wichtige Grundlage auch für den ethnischen Integrationsprozeß waren. Vielmehr war eine der wichtigsten Voraussetzungen für die erfolgreiche Integration fränkischer Herrschaft die Einbindung anderer ethnischer oder sozialer Identitäten in das Regnum Francorum. So konnte man hohe Ämter im regnum Francorum erlangen, ohne die Identität als Romane von altem senatorischem Adel, als Burgunder oder auch als Bürger von Tours aufzugeben. Durch dieses Modell wurde in der weiteren Entwicklung und Expansion der Frankenreiche auch ihre ethnische Grundlage immer wieder neu verhandelt. Diese grundsätzliche Offenheit der fränkischen Ethnogenese entwickelte sich dabei nicht nur im Rahmen des raschen politischen Erfolges als Mittel um die Akzeptanz fränkischer Herrschaft in Gallien sicherzustellen, sondern war gleichzeitig auch ein wichtiges Element des langfristigen Erfolgs der Franken. Und diese Dauerhaftigkeit fränkischer Herrschaft wiederum war ein weiterer wichtiger Aspekt der Durchsetzung des ethnischen Identitätsmodells in Europa. Nicht zuletzt durch die Erfolge der Franken wurde es als attraktives Mittel der Legitimation und Stabilisierung von Herrschaft der europäischen Nachwelt vermittelt.

Auf dem Erfolg dieses Modells baute schließlich auch noch die Etablierung des modernen Nationalstaats auf, wobei auch auf die fränkische Geschichte selbst als nationale Vorgeschichte besonders in Frankreich und Deutschland zurückgegriffen wurde. Trotzdem – oder gerade weil es keine kontinuierliche historische Entwicklung der frühmittelalterlichen Franken zur modernen französischen oder deutschen Nation gibt – wurde in diesem Prozeß verstärkt und meist in Konkurrenz zueinander versucht, sich die fränkische Vergangenheit anzueignen. Von dem Frankenreich Charlemagnes, das durch Napoleon wieder entstand, oder dem fränkischen Imperium, das nach seiner Aufteilung unter die Enkel Karls des Großen erst von Adolf Hitler wieder vereinigt und verteidigt wurde, reichen die Beispiele bis in die Gegenwart der europäischen Union. Während im gemeinsamen Europa nach dem zweiten Weltkrieg man auch in Deutschland und Frankreich das fränkische Imperium unter Karl dem Großen als gemeinsame Integrationsfiguren etablierte, gab es davor um die Aneignung der fränkischen Geschichte in den beiden Ländern heftige Auseinandersetzungen. So beschäftigte etwa die Frage, ob Karl der Große bzw. Charlemagne Deutscher oder Franzose war, in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts immerhin eine Reihe der anerkanntesten Mediävisten ihrer Zeit. Oder man teilte sich die Geschichte in Abgrenzung zueinander auf, wie etwa in der noch immer in manchen Handbüchern zu findenden Konstruktion von weit in die Geschichte zurückreichenden Genealogien von östlichen und westlichen Franken. Beginnend mit den salischen Franken und Rheinfranken der Völkerwanderung, über die merowingerzeitlichen Neustrier im Westen und die Austrasier im Osten, die karolingischen West- und Ostfranken bis zu den mittelalterlichen Reichen der französischen und deutschen Könige. So generierte man jeweils kontinuierliche Geschichten und damit auch Vorstellungen von der fränkischen Geschichte, die eindimensional auf ein bestimmtes Ergebnis zulief. Vermittelt wurde dadurch ein Bild der fränkischen Vergangenheit als einer bestimmten Geschichte der Franken, die entweder als die richtige oder die falsche qualifiziert oder disqualifiziert werden konnte.

Dadurch wurde unterdrückt und in der Folge häufig bis heute übersehen, wie sehr diese modernen Aneignungen auch auf Auseinandersetzungen um Identität und Identifikation beruhen, die schon im frühen Mittelalter einsetzten. Allerdings fanden damals die Auseinandersetzungen um die Bedeutung und Aneignung des Frankennamens im Rahmen vollkommen anderer Bedingungen statt. So ging es etwa zur Karolingerzeit weniger um Franken, die es in einer weit zurückliegenden Vergangenheit hätte geben sollen, sondern vor allem um Franken, die es in der Gegenwart und in der Zukunft geben sollte. Der ideale Franke zur Zeit Karls des Großen war der, der sich treu und loyal zu dessen Herrschaft verhielt, mit ihm gemeinsam in den Krieg zog und bei den von ihm einberufenen Versammlungen erschien. Im Zusammenhang mit den umfassenden Legitimationsbemühungen nach der Usurpation des Königtums durch die Karolinger um 751, wurde der Frankenbegriff in der karolingischen Geschichtsschreibung vor allem affirmativ verwendet, um breiten Konsens mit der Königsherrschaft der Karolinger zu vermitteln.

Kaum ein Text drückt das deutlicher aus als die in der zweiten Hälfte des achten Jahrhunderts begonnenen und bis 829 weiter fortgesetzten karolingischen Reichsannalen – Annales regni Francorum – die sich ab dem Herrschaftsantritt Karls des Großen 768 ganz auf die Glorifizierung seiner Taten und Erfolge konzentrieren. Ein schottischer Kollege (Stuart Airlie) hat einmal die ständige Wiederkehr des Namens Carolus in diesen Reichsannalen mit dem Läuten von Glocken verglichen. Darauf aufbauend könnte man sagen, daß der jeweils zweite Pendelschlag die Gemeinschaft und den Konsens mit den Franken – una cum Francis – verkündet. Wie stark dieser Zusammenhang in dem Text betont wird, kann vielleicht diese Seite aus einer Handschrift der Annalen aus dem neunten Jahrhundert illustrieren. Zum Jahresbericht zu 773, dem Bericht zur fränkischen Eroberung Italiens, wird in fast jedem Satz nicht nur König Karl, sondern auch sein gemeinsames Handeln mit den Franken hervorgehoben (Paris BN lat. 10911).

Die Annales regni Francorum beschreiben den Zusammenhang von karolingischer Herrschaft und dem Konsens der Franci besonders dicht. Doch findet er sich durchaus auch in anderen Werken der karolingischen Historiographie, die im Rahmen der umfangreichen Legitimationsbemühungen karolingischer Herrschaft zu dieser Zeit verfaßt wurden. Aufbauend auf dem großen politischen Erfolg Karls des Großen zeichnet sich in diesen Texten mit dem affirmativen Gebrauch des Frankennamens auch seine Etablierung als Schlüsselbegriff gelungener politischer Integration ab. Im Zusammenhang mit diesem Prozeß sind allerdings zwei seiner Elemente häufig übersehen worden. Zum einen, daß diese Verwendung des Frankennamens keineswegs bruchlos auf seinem Gebrauch in der Historiographie der Merowingerzeit aufbaut, sondern eine eigene Phase seiner Aneignung darstellt. Zum anderen ist oft wenig beachtet worden, daß sich eben durch diese Durchsetzung des Frankennamens als Schlüsselbegriff gelungener politischer Integration schon bald auch die Auseinandersetzungen um seine Bedeutung im karolingischen Imperium intensivierten. 

Allerdings ist das in den modernen Editionen der Texte auch schwer zu erkennen. Für ihre Erstellung stand vor allem die möglichst authentische Rekonstruktion eines ursprünglichen Textes im Vordergrund, der auch helfen sollte die wahre Geschichte der Franken festzulegen. Doch sind besonders die karolingerzeitlichen Geschichtswerke häufig mit anderen historiographischen Texten als fränkische Geschichtsbücher überliefert, in denen sie mit verschiedenen Vorgeschichten verbunden wurden. Gerade die Annales regni Francorum und ihr affirmativer Gebrauch des Frankennamens sind häufig als zentrale Textbausteine in solchen Geschichtskompendien überliefert.
Noch im Laufe des neunten Jahrhunderts sind sie mit allen drei bekannten merowingerzeitlichen Geschichtswerken zusammengestellt worden: den am Ende des sechsten Jahrhunderts verfaßten Historiae Gregors von Tours, der um 660 zusammengestellten Fredegar-Chronik und dem kurz vor 730 entstandenen Liber historiae Francorum. Dabei ist die karolingische Erfolgsgeschichte nicht nur mit sehr unterschiedlichen Erzählungen der frühen fränkischen Geschichte verbunden worden, sondern auch mit teilweise miteinander konkurrierenden Identitätsentwürfen.

So wird etwa bei Gregor von Tours die politische und soziale Integration der fränkischen Reiche von Beginn an in engem Zusammenhang mit den Traditionen und Strukturen des spätantiken Galliens dargestellt. Es ist die Integration in diese Strukturen und Traditionen, die in seiner Erzählung über die Annahme des katholischen Glaubens gelingt, die als Grundlage für den politischen Erfolg Chlodwigs und seiner Nachfolger beschrieben wird. Dementsprechend berichtet Gregor von der Etablierung fränkischer Könige nur auf ehemals römischen Boden in Gallien erst nach der Überschreitung des Rheins. Dagegen versuchte die Fredegar-Chronik eine privilegierte Stellung der fränkischen Großen in den merowingischen Königreichen mit einer weit in die mythische Vergangenheit reichenden Vorgeschichte – der fränkischen Trojasage – zu begründen. Auch wenn in dieser Chronik die Geschichtserzählung stark von einer Perspektive aus den östlichen Gebieten der Merowingerreiche geprägt ist, wird dabei nicht – wie später im Liber historiae Francorum – der soziale und politische Vorrang der Franken mit einer bestimmten Region verbunden. In diesem etwa siebzig Jahre nach der Fredegar-Chronik entstandenen Liber historiae Francorum wird ebenfalls gegen Gregor die Herkunft der Franken und ihrer Könige auf die trojanischen Helden zurückgeführt. Ebenso wird dabei die soziale Vorrangstellung der Franken mit einer den Römern ebenbürtigen Herkunft vermittelt. Doch wird in dem Text im Vergleich zur Fredegar-Chronik auch deutlich gemacht, wer diese Franken in der Gegenwart sein sollten: die Eliten der westlichen Reichszentren im Pariser Becken, an Seine und Oise. Für sie ist der Begriff Franci in der Erzählung reserviert, während davon die Bewohner des östlichen Reichsteils als Austrasier unterschieden werden. 

Wie ich schon versucht habe anzudeuten sind diese drei Texte aber nicht als isolierte Produkte eines finsteren Zeitalters zu betrachten, sondern bauen aufeinander auf oder reagieren aufeinander. So war für die Erzählung der fränkischen Geschichte bis gegen Ende des sechsten Jahrhunderts sowohl für die Fredegar-Chronik als auch für den Liber historiae Francorum die Grundlage der Bericht Gregors von Tours. Doch in der Auswahl, Umarbeitung und Hinzufügung von Geschichten wurde im Rückgriff auf die Vorlage auch schon im frühen Mittelalter die gemeinsame Vergangenheit der Franken nach jeweils aktuellen Bedürfnissen neu gestaltet.

Das läßt sich vielleicht am besten im Umgang mit der Herkunft der Franken und ihrer Könige in den drei Texten illustrieren. Entsprechend seines Konzepts der Integration der Franken in die Strukturen und Traditionen des senatorisch-römischen Galliens verweigert Gregor von Tours weitgehend den Blick in die Geschichte der Frankenkönige vor ihrer Überschreitung des Rheins. In langen Zitaten aus einer Reihe von berühmten spätantiken Historikern zeigt er, daß darin wohl über die Franken berichtet wird, Könige dabei aber nicht erwähnt werden. Schon am Beginn dieser etwas langwierigen Diskussion faßt er das Ergebnis seiner Forschungen zusammen: De Francorum vero regibus quis fuerit primus a multis ignoratur (Wer aber von den Frankenkönigen der erste gewesen ist, ist vielen unbekannt), ein Satz, dessen Anfang in manchen Handschriften, wie diesem heute in Paris aufbewahrten Exemplar aus der zweiten Hälfte des siebenten Jahrhunderts sogar besonders hervorgehoben ist. (Paris BN lat. 17655)
Die älteste Version der fränkischen Ursprungssage, in der die Herkunft der fränkischen Könige von den trojanischen Helden behauptet wird, überliefert die Fredegar-Chronik. Darin ist sie genau in den Abschnitt der Chronik gestellt, in dem die fränkische Geschichte nach den Berichten Gregors erzählt wird. Wörtlich wird der in der Gregor Handschrift durch Auszeichnungsschrift hervorgehobene Satzteil zitiert: De Francorum vero regibus – aber nur um ihm mit großen literarischen und spirituellen Autoritäten zu widersprechen (Paris BN lat. 10910): De Francorum vero regibus beatus Hieronymus scripsit, quod prius Virgilii poetae narrat storia: Priamum primum habuisse regi. (Über die ersten Frankenkönige schrieb schon der heilige Hieronymus, was schon früher die Geschichte des Dichters Vergil erzählte: ihr erster König sei Priamus gewesen.) Doch, wie schon kurz erwähnt, ging es den Gestaltern der Chronik weniger um die Herkunft der fränkischen Könige, sondern vor allem um die prestigeträchtige Abstammung der von diesen angeführten Gemeinschaft der Franken. Ebenfalls gegen Gregors Darstellung wollte man damit vor allem eine von Anfang an privilegierte Stellung der fränkischen Großen in den merowingischen Königreichen begründen.
Nicht weniger deutlich wird der Behauptung Gregors im Liber historiae Francorum widersprochen. Dabei wird dieser Text in einer Reihe von recht frühen Überlieferungen sogar als Werk Gregors von Tours ausgegeben, wie in einer heute in Rom aufbewahrten Handschrift, die am Ende des achten Jahrhunderts verfaßt wurde  (
Vatikan, Pal. lat. 966). Doch beginnt dieser Text mit einem Satz, der wohl deutlich machen sollte, daß keine Fragen zur Herkunft der Franken und ihrer Könige offen gelassen werden sollen: Principium regum Francorum eorumque origine vel gentium illarum ac gesta proferamus (Den Anfang, die Herkunft und Taten der Frankenkönige wollen wir erzählen.). Mit dieser klaren Stellungnahme leitet der Text seinen Bericht über die fränkische Herkunft von den trojanischen Helden ein, der noch vor den Geschichtsabschnitt gestellt ist, der nach Gregor von Tours erzählt wurde. Das Selbstbewußtsein, mit dem der historiographischen Autorität Gregors und seinen Behauptungen über die frühen Franken widersprochen wurde, paßt gut zu dem Text, dessen Autor ja auch eine klare Vorstellung davon hatte, wer die entscheidenden Franken seiner Gegenwart sein sollten: wie schon erwähnt die Eliten des westlichen Reichszentrums im Pariser Becken, an Seine und Oise.

In der modernen Geschichtsforschung sind die Unterschiede und vor allem die Konkurrenz dieser Entwürfe fränkischer Identität in den Geschichten lange Zeit wenig beachtet oder ernst genommen worden, was wohl auch mit dem Bemühen zusammenhing, eine Geschichte der Franken zu schreiben (oder durchzusetzen). Doch im frühen Mittelalter sind diese feinen Unterschiede sehr wohl wahrgenommen und häufig weiterentwickelt worden. Das kann unter anderem auch die Zusammenstellung der drei Texte mit den karolingischen Annales regni Francorum im Laufe des neunten Jahrhunderts zeigen, in denen der affirmative Gebrauch des Frankennamens der Reichsannalen mit – wie ich versucht habe kurz zu illustrieren – jeweils spezifischen historiographischen Konzepten fränkischer Identität verbunden wurde.

In diesem Zusammenhang wird es kaum überraschen, daß die Zusammenstellung der Reichannalen mit dem Liber historiae Francorum im neunten Jahrhundert in den westlichen Regionen des Karolingerreichs besonders gut dokumentiert ist. Ein Beispiel dafür ist etwa die Handschrift, aus der zuvor schon eine Seite der Annales gezeigt wurde (Paris BN 10911, fol. 64r). Sie stammt aus einem Geschichtsbuch, das in den turbulenten 830er und 840er Jahren vermutlich im Pariser Raum entstand, in dem nach dem Ende des Liber historiae Francorum, ein Teil der Fortsetzungen der Fredegar-Chronik (cc. 10-24) und ab 742 die Annales regni Francorum die Geschichtserzählung bis zum Jahr 829 fortsetzen. (Schema des Kompendiums). Die weitere Überlieferung dieses Geschichtsbuchs kann aber auch zeigen, daß zur Definition und Redefinition der Franken nicht nur spezifisch historiographische Ressourcen genutzt, sondern sie auch weiter be- und umgearbeitet wurden.

Auf der Zusammenstellung der Texte Liber historiae Francorum, Fredegar-Fortsetzungen und Reichsannalen baut etwa ein Geschichtskompendium auf, das heute in Wien aufbewahrt wird (Schema von Wien 473). Darin wurden nicht nur einige weitere Texte hinzugefügt, sondern auch der Text des Liber historiae Francorum dem gerade aktuellen politischen Projekt angepaßt (Karte1). Das Geschichtsbuch entstand zum Jahr 869 und sollte die in diesem Jahr erfolgte Übernahme der Herrschaft Karls des Kahlen im östlich an sein Reich angrenzenden Regnum seines eben verstorbenen Neffen Lothars II. legitimieren helfen. Dafür wurden im Liber historiae Francorum die Austrasier, die Bewohner des östlichen Merowingerreichs, aus der fränkischen Geschichte gestrichen. (Karte 2). Konsequent wird in dem Text jede Erwähnung der etwa in der Pariser Handschrift des Liber als Austrasii vel superiores Franci bezeichneten Austrasier und ihrer Könige ausgelassen. Hinter dieser Redefinition der Franken durch die Unterdrückung einer austrasischen Identität fränkischer Könige, Eliten und Regionen in der merowingischen Geschichte kann man eine Strategie vermuten, die sehr gut zu dem Kontext der kurzen Herrschaft des westfränkischen Königs Karls des Kahlen im karolingischen Mittelreich paßt. Mit der Einengung der fränkischen Geschichte auf ihre Definition durch und im Hinblick auf die Könige im westlichen Merowingerreich ist auch die Ausweitung der von ihnen eroberten und beherrschten Länder bis zum Rhein verbunden. Überträgt man diese gedankliche Vorstellung des Raumes fränkischer Herrschaft in die politisch-geographische Terminologie um 869/70, kann die Geschichte des Liber historiae Francorum im Wiener Codex vor allem zeigen, daß das von Karl gerade eroberte Regnum immer schon Teil eines in die merowingische Geschichte rückprojizierten westfränkischen Reichs war (Karte3).

Die kurze Vorstellung der Wiener Handschrift und des Kontextes ihrer Entstehung soll uns nicht weiter in die Details der handschriftliche Überlieferung von historiographischen Texten führen. Doch ich denke, daß der Wiener Codex ein gutes Beispiel sein kann, wie sich schon in der frühmittelalterlichen Überlieferung eines „Buches der Geschichte der Franken“ viele verschiedene fränkische Geschichten und Identitätsentwürfe finden lassen.
Im Zusammenhang mit dem Thema des Tages geht es mir aber vor allem um drei Beobachtungen zu ethnischen Prozessen im frühen Mittelalter, die sich abschließend gut an die kurze Vorstellung dieses Kompendiums anschließen lassen.
Zum einen kann der Kontext der Gestaltung des Geschichtsbuchs auf die Situationsbedingtheit von Identitätsentwürfen im frühen Mittelalter aufmerksam machen. Schließlich dauerte die Herrschaft Karls des Kahlen im Reich seines Neffen nicht einmal ein Jahr und dementsprechend wurde auf den spezifischen Entwurf des Kompendiums auch nicht weiter zurückgegriffen. Mit dieser Situationsbedingtheit kann aber auch die Verfügbarkeit und grundsätzliche Offenheit des Frankenbegriffs noch gegen Ende des neunten Jahrhunderts auffallen. Aufbauend auf die historiographische Definition der Franken im Liber historiae Francorum wurde in dem Geschichtskompendium immerhin noch um 870 ein vollkommen neues Identitätskonzept mit dem Frankennamen verbunden.
Sowohl Situationsgebundenheit als auch Verfügbarkeit dürften mit den allgemeinen Strategien der Konstruktion von Identität im frühen Mittelalter zusammenhängen. Ebenso wie bei Gregor von Tours eine mögliche Vorgeschichte der fränkischen Könige außerhalb Galliens werden auch im Wiener Kompendium die Austrasier aus der fränkischen Geschichte ausgeblendet. Die grundlegende Strategie der Identitätskonstruktion scheint sowohl im sechsten wie auch noch im neunten Jahrhundert nicht vom Bemühen um Differenz, sondern von der Konkurrenz um Integration geleitet. Hier, denke ich, zeigt sich ein wesentlicher Unterschied der frühmittelalterlichen Aneignung von Geschichte zu seiner modernen Instrumentalisierung. Während im Prozeß der Etablierung der modernen Nationalstaaten, die Vorstellung, daß sich die Welt in Völker gliedere, bereits eine lange Tradition hatte, wurde sie im frühen Mittelalter eben erst entwickelt. Die politische wie kognitive Leistung, den Frankennamen mit gemeinsamer Geschichte zu erfüllen und deren Erzählung in einer gemeinsamen Erinnerung zu verankern, war auch noch in der Karolingerzeit mit einer Reihe von recht unterschiedlichen Experimenten verbunden. Die Vielfalt und Widersprüchlichkeit der Geschichten, in denen um die Bedeutung des Frankennamens gerungen wurde, mag manchmal verwirrend sein. Doch wurden genau in solchen Auseinandersetzungen um die Integrationsfähigkeit verschiedener Modelle und Konzepte die Muster ethnischer und nationaler Identitäten geschaffen, wie sie das Abendland in den folgenden Jahrhunderten erfolgreich weiterentwickelte. In ihrer Untersuchung liegt nicht nur die Chance, besser zu verstehen, was es zu welchem Zeitpunkt bedeuten konnte, Franke zu sein, sondern auch ein tieferes Verständnis für die Frage zu entwickeln, auf welchen Grundlagen und warum sich im mittelalterlichen Europa das ethnische Modell zur Organisation der Gesellschaft durchsetzte.