Ergebnisse

Vergangenheit
und
Vergegenwärtigung

WittgensteinProjekt 2005-2010

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wittgensteinpreis

Forschungsvorhaben

Projekte

Ergebnisse

Aktuelles

MitarbeiterInnen

Presse

Presse

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

Verweise auf Antike und Frühmittelalter
in frühneuzeitlichen Diskursen zum Baltikum

Zur Diskursivität europäischer Peripherie
Mag. Stefan Donecker

Im 16. und 17. Jahrhundert zog der zuvor kaum beachtete Ostseeraum verstärkt die Aufmerksamkeit einer gebildeten Öffentlichkeit auf sich. Als Hauptkriegsschauplatz in den Auseinandersetzungen zwischen Russland, Schweden und Polen-Litauen war vor allem Livland – ein Territorium, das im Wesentlichen dem heutigen Estland und Lettland entspricht – von Interesse für zeitgenössische Beobachter. Mit den Bemühungen der kriegführenden Mächte, ihre Herrschaftsansprüche zu legitimieren, ging eine intensive historiographische und ethnographische Auseinandersetzung mit Livland und seinen Bewohnern einher. 

Im Rahmen des Forschungsschwerpunktes „Vergangenheit und Vergegenwärtigung“ versucht dieses Projekt, den Umgang mit Antike und Frühmittelalter in der frühneuzeitlichen Literatur zum östlichen Baltikum zu umreißen. Anhand dieser spezifischen Fallstudie soll exemplarisch demonstriert werden, welche Bedeutung Verweisen auf die Vergangenheit ihm Rahmen einer diskursiven Konstruktion von Peripherie zukam.

Frühneuzeitliche Quellen stellen den so genannten „Undeutschen“, den indigenen Leibeigenen Livlands, generell ein schlechtes Zeugnis aus. Man schilderte sie als abergläubischen, primitiven und hinterlistigen Menschenschlag, der ein heuchlerisches Christentum praktizierte und insgeheim heidnischen Bräuchen anhing.

Durch Verweise auf Antike und Frühmittelalter wurde gleichzeitig versucht, Livland in der ideellen Geographie des Humanismus zu verorten. Fiktive Genealogien und konstruierte Migrationen verknüpften das entlegene Land und seine wilden Bewohner mit vermeintlich „zivilisierten“ Gebieten Europas und ermöglichten eine Einbindung in das Europakonzept des Humanismus. Als Barbaren abgetan aber dennoch mit dem Rest Europas verbunden – diese Gleichzeitigkeit von Integration und Demarkation definierte das östliche Baltikum als Peripherie. Livland wurde somit zu einer Randzone zwischen Zivilisation und Barbarei stilisiert, in der Expansion und quasikoloniale Abhängigkeitsverhältnisse gerechtfertigt erschienen.

In einer Schrift des deutsch-schwedischen Gelehrten Friedrich Menius, Syntagma de origine Livonorum (1632), werden insgesamt 54 antike und frühmittelalterliche gentes aufgezählt, die einst in Livland gelebt haben sollen und die somit als Vorfahren der Livländer in Frage kommen. In einem ersten Arbeitsschritt sollen vier besonders markante Abstammungshypothesen einer näheren Untersuchung unterzogen werden: die vermeintliche Herkunft der Livländer aus Italien, die Besiedlung Livlands durch die Wenden sowie die Abstammung diverser baltischer Ethnien von den Juden oder den bei Herodot erwähnten Neuren.

Die Untersuchung stützt sich auf einen umfangreichen Quellencorpus. Neben den frühneuzeitlichen Standardwerken zu Livland und zum Ostseeraum (u. a. Olaus Magnus: Historia de gentibus septentrionalibus, 1555; Johannes Magnus: Scondia Illustrata, ~1624, Paulus Einhorn: Historia Lettica, 1649; Olaus Hermelin: De origine Livonorum, 1698) finden auch weniger bekannte Dissertationen Berücksichtigung (z. B.: Jacob Scott: Historia de Livonia, 1639; C. S. Hoffmann: Livonia, 1701), die einen Einblick in die akademische Alltagsarbeit der Zeit abseits der „großen Namen“ vermitteln sollen. Eine weitere Perspektive eröffnet sich durch die Heranziehung von Arbeiten aus anderen Spezialdisziplinen – etwa aus der Naturwissenschaft (Severin Göbel: Historj […] von herkommen, vrsprung vnd vielfeltigen brauch des Börnsteins, 1566) oder der Dämonologie (Jean Bodin: De la démonomanie des sorciers, 1580).