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WITTGENSTEINPROJEKT 2005-2010

Geisteswissenschafter forschen am besten allein. So lautet eine verbreitete Meinung. Sie ist nicht ganz falsch. Die ganz persönliche Vertiefung in Quellen und Literatur kann uns niemand abnehmen; nur so wird ein sicheres Urteil möglich. Doch darin muss sich geistes- und kulturwissenschaftliche Forschung nicht erschöpfen. Im Gegenteil, die Arbeit im Team ist außerordentlich anregend und hilft, fundierten Antworten auf große Fragen näher zu kommen. Als arrivierter Senior scholar mit einer Gruppe von Nachwuchshistoriker/inne/n zu forschen, ist zweifellos eine Herausforderung, aber vor allem eine faszinierende Chance.

Wenn sich die Möglichkeit ergibt, weiterführende Forschungsperspektiven nach Abschluss des Studiums zu bieten, dann kann sich eine gut eingespielte Kernguppe bilden. Wird diese Gruppe zugleich offen gehalten und um ausländische Nachwuchsforscher/ innen, Gäste und freie Mitarbeiter/innen ergänzt, während Wiener Absolvent/inn/ en zeitweise ins Ausland gehen können, so intensiviert sich die Kommunikation und Zusammenarbeit unter den Junior scholars. Sie können ihre eigenen, jeweils projektnahen Netzwerke aufbauen und ihre Erfahrungen ihrerseits Jüngeren weitergeben. Der Senior scholar kann von der Vielfalt der dadurch angeregten Erkenntnisprozesse selbst außerordentlich profitieren.

Diese Chance gibt der Wittgenstein-Preis: keine Rede davon, dass er für die Geisteswissenschaften unangemessen oder ‚zu groß dimensioniert‘ wäre. So groß der Förderungsbetrag erscheint, es ist nicht schwer, ihn sinnvoll auszugeben, und gerade seine Höhe macht manches sonst Unmögliche möglich. Der Aufbau von ‚Junior research groups‘ öffnet auch in der Geschichtsforschung spannende Perspektiven. Natürlich unterscheidet sich ihre Arbeitsweise in manchem von den Naturwissenschaften. Auch im Team kommt es letztlich darauf an, dass jede/r das eigene Profil entwickelt und mit einer erkennbar selbständigen Arbeit den Grundstein für eine mögliche Karriere in der Forschung legt. Wer nur jemandem anderen zuarbeiten würde, stünde zuletzt mit leeren Händen da. Team-Publikationen von einem halben Dutzend Autoren würden keinem von ihnen bei Bewerbungen helfen.

Die Kunst der Teamarbeit in den Geisteswissenschaften besteht also darin, Einheit in der Vielfalt zu schaffen. Aus lauter individuellen Forschungen soll sich ein Gemeinsames ergeben. Für den Projektleiter bringt das einen hohen Aufwand an inhaltlicher Auseinandersetzung mit jedem/r einzelnen Mitarbeiter/in, wobei sowohl das eigenständige Forschungsprofil als auch der Bezug zum übergreifenden Thema verhandelt werden muss. Dahinter müssen eigene Forschungen gelegentlich zurückstehen. Das wird dadurch verschärft, dass zum Unterschied von anderen Wissenschaftskulturen (vor allem in den englischsprachigen Ländern) in Österreich große Forschungsaufträge keine Entlastung bei Lehre und Administration bringen. Der institutionelle Spielraum, sich auf Forschung zu konzentrieren, ist auch für Wittgenstein-Preisträger beschränkt. Andererseits schafft gerade die institutionelle Anbindung – in diesem Fall sowohl an die Universität Wien als auch an die Österreichische Akademie der Wissenschaften – Möglichkeiten, das Projekt in bestehende Strukturen in Lehre und Forschung zu integrieren und dadurch seine Nachhaltigkeit zu verstärken. Nicht nur dem FWF, auch diesen beiden Institutionen ist an dieser Stelle für das Privileg zu danken, große Forschungsfragen in großem Rahmen zu bearbeiten.

Der Wittgenstein-Preis erlaubt Nachwuchsförderung auf höchstem Niveau. Er ist aber auch eine der spannendsten und beglückendsten Herausforderungen, die in einer wissenschaftlichen Laufbahn möglich sind. Deshalb wünsche ich mir als Preisträger viele Nachfolger aus den geistes-, sozial- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen.

Walter Pohl
Wittgensteinpreisträger 2004

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