Edition Woldan

Die Reise- und Entdeckerliteratur der frühen Neuzeit dokumentiert den Prozess einer ersten Globalisierung, der durch die europäische Seefahrt von der Mitte des fünfzehnten bis zur Mitte des achtzehnten Jahrhunderts vorangetrieben wurde. Diese geographische Globalisierung schuf die technische, politische und kulturelle Grundlage für die moderne Welt sowie die wirtschaftliche und mediale Globalisierung in der Gegenwart.

Die Wiener Sammlung Woldan bietet eine nahezu lückenlose Dokumentation der abendländischen Reise- und Entdeckerliteratur vom Beginn des Buchdrucks bis ins zwanzigste Jahrhundert. In dem laufenden Projekt „Edition Woldan“ werden kulturgeschichtlich besonders relevante Texte der europäischen Reiseliteratur in Themengruppen zusammengestellt und in wissenschaftlich kommentierten Editionen vorgelegt.


R. Wallisch, G. Holzer, Die Entdeckung der indischen Thomas-Christen. Zwei italienische Quellen des 16. und 17. Jahrhunderts aus der Wiener Sammlung Woldan. Text, Übersetzung und Kommentar. Mit einem Anhang zur frühneuzeitlichen Kartographie Malabars und der Koromandel-Küste (Edition Woldan, 1).

Die sogenannten Thomas-Christen Südindiens, die ihre Kirche auf die Indienmission des gleichnamigen Apostels zurückführen, kamen durch das Auftreten der portugiesischen Seefahrer in Malabar (Kerala) zu Beginn des 16. Jahrhunderts erstmals in Kontakt mit ihren katholischen Glaubensbrüdern im Westen. Die Begegnung der beiden Kulturen, die zunächst mit großen Hoffnungen verbunden war und daher auf beiden Seiten unvoreingenommen begrüßt wurde, sollte durch die Einmischung der portugiesischen Kolonialherren in die Führung der Thomas-Kirche gegen Ende des 16. Jahrhunderts eine unglückliche Wendung nehmen. Die Sozietät der Thomas-Christen, die sich durch Jahrhunderte innerhalb eines hinduistisch-muslimischen Umfeldes als autonome Gruppe etabliert hatte, wurde in ihrem Gleichgewicht erschüttert, gespalten und ihrer eigenen Tradition entfremdet. Die Folgen sind in der konfliktreichen Geschichte der syromalabarischen und syromalankarischen Christen Südindiens bis heute erkennbar.

Der vorliegende Band enthält die Edition der zwei wichtigsten Quellentexte zur Begegnung von Thomas-Christen und Europäern aus der Sammlung Woldan: den sogenannten „Bericht des Joseph von Cranganore“, eines indischen Christen, der mit der zweiten portugiesischen Indienflotte nach Europa gereist war, und den Bericht des Karmeliten Vincenzo Maria Murchio, der Mitte des 17. Jahrhunderts an einer Delegation nach Malabar teilgenommen hatte, die auf dem Höhepunkt des Konfliktes schlichtend vermitteln sollte. Beide Texte sind ausführlich kommentiert und liegen in italienischer Originalversion und deutscher Übersetzung vor. Beigegeben ist auch die editionsgeschichtlich bedeutende lateinische Version des „Josephus Indus“. Eine mehrseitige Zeittafel erleichtert die Orientierung in der komplexen und wenig bekannten Kirchengeschichte der Thomas-Christen.

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R. Wallisch, Magellans Boten. Die frühesten Berichte über die erste Weltumsegelung. Text, Übersetzung und Kommentar (Edition Woldan, 2).

Drei lateinische Texte verbreiteten schon 1523 die Nachricht von Magellans Weltumsegelung in Europa. Anders als der berühmte, erst 1526 erschienene franco-italienische Bericht des Antonio Pigafetta stammen die drei kurzen lateinischen Schriften nicht jeweils aus der Feder eines Expeditionsteilnehmers, sondern sind das Produkt journalistischer Recherche gelehrter Humanisten, die das wissenschaftsgeschichtlich und politisch einschneidende Ereignis nicht nur beschreiben, sondern auch in seinem zeitgeschichtlichen Kontext bewerten.

Der erste Text „De Moluccis insulis“ stammt von dem Diplomaten und Geheimschreiber Karls V. Maximilianus Transylvanus. Dieser befand sich 1522 am Hof zu Valladolid, wo er einem Treffen bewohnte, in dessen Verlauf Juan Sebastian Del Cano (der Nachfolger Magellans nach dessen Tod auf den Philippinen) und Antonio Pigafetta (Magellans Sekretär) dem Kaiser von den Ereignissen auf ihrer Weltumsegelung berichteten. Noch im Oktober 1522 verfasste Maximilianus dann einen Brief an den umtriebigen Salzburger Erzbischof Matthäus Lang, in welchem er die mündlichen Augenzeugenberichte Del Canos und Pigafettas verarbeitete. Dieser primärlateinische Text, der erste publizierte Bericht über Magellans Weltumsegelung, wurde schon im Jänner 1523 in Köln gedruckt.

Im selben Jahr veröffentlichte der in Spanien lebende, italienische Humanist Pietro Martire d’Anghiera seinen auf schriftlichen Augenzeugenberichten basierenden Text „De orbe ambito“. 1530 fügte Pietro diesen Bericht in sein Hauptwerk ein, die „De orbe novo decades“, welche als die erste große Geschichte des spanischen Amerika gelten dürfen.

Ebenfalls 1523 sandte der Geograph Johann Schöner einen neuen Globus an den Bamberger Domherren Reymer von Streytpergk. In seinem Begleitschreiben resümiert Schöner die portugiesischen und spanischen Entdeckungsleistungen, die in der Weltumsegelung Magellans ihren Höhepunkt finden.

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G. Holzer, T. Horst, P. Svatek (Hrsg.), Die Leidenschaft des Sammelns (Edition Woldan, 3).

Sammeln ist eine wahre Leidenschaft! Aber wem nützt der Trieb, Objekte im eigenen Besitz anzuhäufen? Ist es überhaupt möglich, eine für die Allgemeinheit bedeutende Sammlung aufzubauen? Und was wird nach dem Tod des Sammlers aus den oft unter großen Mühen und Entbehrungen zusammengetragenen Gegenständen?

Der Sammler Erich Woldan (1901-1989) ist ein Beispiel dafür, dass es noch vor einer Generation tatsächlich mit einem mittleren Beamtengehalt möglich war, in einer Zeit von über 70 Jahren eine mehr als 20.000 Bände bzw. Blätter umfassende Bibliothek von geographischer Literatur (Reiseberichte, Landesbeschreibungen, Landkarten, Globen, Ansichtenwerke etc.) vom Ende des 15. bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts aufzubauen und sie durch umfangreiches numismatisches, philatelistisches und landeskundliches „Begleitmaterial“ zu ergänzen.

Schon zu Lebzeiten hatte Erich Woldan dafür gesorgt, dass seine Bibliothek, die eine der umfangreichsten Privatsammlungen an „Geographica“ in Mitteleuropa darstellt, als Ganzes nach seinem Tod an die Österreichische Akademie der Wissenschaften gehen sollte, wo sie schließlich inventarisiert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Heute wird die nach ihm benannte Sammlung Woldan pro Jahr von über 250 in- und ausländischen Wissenschaftlern, aber auch von fachkundigen Privatpersonen benützt und stellt laufend Exponate für nationale und internationale Ausstellungen zur Verfügung.

Im vorliegenden Doppelband setzen sich 24 namhafte Autoren mit den unterschiedlichsten Zugangsweisen mit einem oder mehreren Objekten der Sammlung Woldan auseinander und geben somit einen Ausblick auf deren Vielfalt und Qualität.

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R. Wallisch, G. Holzer, Island - Fremdes Land. Das Reisebuch des Dithmar Blefken 1563-1565. Lateinischer Text der Erstausgabe von 1607, Übersetzung mit Anmerkungen und Anhang zur historischen Kartographie Islands (Edition Woldan, 4)

Für den modernen Leser offenbart die Lektüre von Blefkens Islandia (1607) den Eindruck eines von der Wildheit der fernen Insel positiv beeindruckten Autors. Wunderberichte halten sich bei weitem in den für die Zeit üblichen Grenzen und werden vom Autor immer mit kritischer Distanz vorgestellt. Weniges in Blefkens Bericht, wie z.B. das Grönlandabenteuer oder die Suche nach der Nordostpassage, mag – in heute unklärbarem Ausmaß – aus anderen Erzählungen zur Mehrung der Datendichte übernommen sein. Im wesentlichen aber zeigt sich Blefken sogar als besonders ehrlicher und von Ruhmessucht unberührter Autor, wenn er etwa im letzten Kapitel seines Berichtes das Scheitern der Hekla-Expedition aus jugendlicher Verantwortungslosigkeit schildert und von sich selbst alles andere als ein heroisches Bild zeichnet. Am Ende des Buches steht jedenfalls ein Erlebnis des Autors, in dem sich die magische Atmosphäre des Landes mit dem Hinweis auf eine persönliche Freundschaft Blefkens zu einem Islänger verbindet. Blefken, der deutsche Gelehrte, überlässt dem isländischen Freunde seine Bücher und dieser knüpft dem Fremden magische Knoten ins Taschentuch, die ihm am Meer den rechten Wind zur Heimkehr bescheren sollen. In quälender Flaute löst Blefken die heidnischen Knoten und der Zauber Islands bringt ihn zurück nach Europa.

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R. Wallisch, Der Mundus Novus des Amerigo Vespucci. Text, Übersetzung und Kommentar (Edition Woldan, 5)

Amerigo Vespucci, der florentinische Bankier, der sich für die Expeditionen, die er zunächst nur finanzierte, so sehr begeisterte, dass er in seiner zweiten Lebenshälfte Kosmographie und Astronomie studierte, leistete gerade in seiner Rolle als Außenseiter und Amateur einen wesentlichen Beitrag in der Geschichte der frühen Entdeckungen, denn er war einer der ersten wissenschaftlich interessierten Europäer, die ihre sichere Studierstube verließen, um unter Gefahr für Leib und Leben neue Wirklichkeiten vor Ort zu erforschen und zu beschreiben. Amerigos breitgefächerter kultureller Hintergrund, seine Position zwischen der Zivilisation des Florentiner Humanismus und den Erfahrungshorizonten iberischer Seefahrer haben ihn dazu prädestiniert, die authentische Stimme einer neuen Zeit und einer „Neuen Welt“ zu werden, in der man nicht nur weiter reisen konnte und in größeren Zusammenhängen denken musste, sondern auch Geschichten zu erzählen hatte, wie sie noch nie zuvor erzählt worden waren. Vespuccis 1502 erstmals erschienener „Mundus Novus“ markiert daher einen Wendepunkt der europäischen Geistesgeschichte. Der kurze lateinische Text transportiert nicht nur die Idee einer Neuen Welt, sondern formuliert auch die Ablöse der antik-humanistischen Buchwissenschaft durch die Empirie der Entdeckungen. Darüber hinaus stellt Vespuccis Schrift den Prototyp des neuzeitlichen Reise- und Abenteuerromans dar. Die vorliegende Arbeit bietet neben Text und Übersetzung auch einen ausführlichen Kommentar sowie Tafeln zur Bio-Bibliographie Vespuccis und den relevanten Reisedaten. Zwei Essays beleuchten die kulturgeschichtliche Bedeutung von Text und Autor und weisen anhand neuer sprachlicher Untersuchungen die bislang umstrittene Authentizität des Textes nach.

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Außerhalb der Reihe erschienen:

R. Wallisch, Michael Boyms Bericht aus Mosambik – 1644. Lateinischer Text, Übersetzung und Kommentar. Mit ethnographischen Paralleltexten des 16. und 17. Jahrhunderts aus der Wiener Sammlung Woldan, Wien 2005.

Der polnische Chinamissionar Micha? Piotr Boym verbrachte 1644/45 einige Monate im südostafrikanischen Mosambik. Sein bisher unedierter Briefbericht über das „Land der Kaffern“ stellt nicht nur eine wichtige Quelle für die lokale Geschichte des frühneuzeitlichen Mosambik dar, sondern entfaltet seine Bedeutung vor allem in Boyms ungewöhnlicher Kritik am portugiesischen Kolonialismus, die der polnische Jesuit konsequent aus der Grundhaltung seines Ordens entwickelt. Die innereuropäischen Aspekte dieser Kolonialkritik Boyms liefern darüber hinaus auch ein wichtiges Zeugnis für einen Paradigmenwechsel im Abendland des späten sechzehnten und frühen siebzehnten Jahrhunderts, als die Überseereiche der iberischen Entdecker unter dem Druck nordwesteuropäischer Mächte einbrachen und die Führungsrolle des italo-iberischen, mediterranen Kulturraums ihr Ende fand.

Die vorliegende Arbeit stellt die erste wissenschaftliche Edition dieses kurzen lateinischen Textes mit Übersetzung und Kommentar zur Verfügung und bietet weiters die Möglichkeit, Boyms Schrift auch im Kontext anderer zeitgenössischer Äußerungen zu sehen. In einem umfänglichen Anhang sind ausgewählte Parallelquellen zum frühneuzeitlichen Mosambik aus der Sammlung Woldan beigegeben.

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