Detektivarbeit im Wüstensand

Die Archäologin Irene Forstner-Müller leitet die österreichisch-ägyptische Grabung in Kom Ombo. Über 5000 Jahre Geschichte verbergen sich dort im Sand der Wüste. Einige spannende Entdeckungen haben die Forscher bereits gemacht. Manches gilt es noch zu enträtseln.

„Archäologie ist ein bisschen wie Detektivarbeit.“, sagt Irene Forstner-Müller, die Leiterin der Zweigstelle Kairo des Österreichischen Archäologischen Instituts. In Kom Ombo gibt es da jede Menge zu tun. Der Ort birgt Zeugnisse aus der Urgeschichte bis zur Moderne: Siedlungsspuren, die vermutlich bis in die Frühgeschichte Ägyptens zurückreichen. Hinweise auf eine bedeutende Stadt im schon 3. Jahrtausend v. Chr. Aber auch eine englische Festung aus dem Jahr 1886. „Das alles ist sehr spannend.“, strahlt Forstner-Müller. Seit 2017 wird unter ihrer Leitung an der 45 km nördlich von Assuan gelegenen Fundstelle gegraben. Das Projekt ist eine Kooperation der Zweigstelle Kairo des Österreichischen Archäologischen Instituts, angesiedelt an der ÖAW und des ägyptischen Ministry of Antiquities (MoA). Forstner-Müller und ihr Team betreten dabei Forschungsneuland. Kom Ombo ist zwar bekannt für seinen Tempel aus griechisch-römischer Zeit. Die Stadt von Kom Ombo aber ist bisher kaum erforscht. Das ändert sich nun.

 

Welche bedeutenden Entdeckungen haben Sie bisher gemacht?

Letztes Jahr hatten wir unglaubliches Glück mit der Stelle, an der wir begonnen zu graben haben. Wir haben sofort einen Bereich angeschnitten, in dem wir den Übergang erfassen konnten zwischen den Friedhöfen, die außerhalb der Stadt liegen, einer Art Befestigung und einem Verwaltungsbereich innerhalb der Stadt. Das konnten wir in die sogenannte Erste Zwischenzeit, also auf ca. 2216 bis 2025 v. Chr., datieren. Dann haben wir dort noch einen Tiefschnitt angelegt und sind zu unserer großen Überraschung auf Teile eines noch älteren Gebäudes gestoßen. Es stammt aus der Zeit der 4. Dynastie, der Zeit der Könige Cheops und Chephren, den Erbauern der berühmten Pyramiden in Giza. Das ist unglaublich toll. Damit haben wir einen Beleg dafür, dass Kom Ombo schon in der ersten Hälfte des 3. Jtds. vor Chr. eine funktionierende Stadt war.

 

Woher wissen Sie, dass es sich bei diesen Gebäuden um einen Verwaltungsbereich handelt?

Wir haben dort Räume mit Speichern gefunden, in denen wahrscheinlich Getreide gelagert wurde. Getreide diente im Alten Ägypten als Währung. Daraus können wir schließen, dass wir es hier mit einer Verwaltungsanlage zu tun haben. Bei den Grabungen in der englischen Festung, die meine Kollegin Pamela Rose überhat, ist das einfacher. Das Großartige dabei ist, die britische Armee hat dort alles exakt dokumentiert. Da kennen wir die Raumzuweisungen und müssen nicht spekulieren.

 

Gab es besondere Highlights an Fundstücken?

Das Highlight der Kampagne von 2018 war eine große Anzahl von Siegelabdrücken. Im Alten Ägypten wurden Waren immer mit Abdrücken von Lehmsiegeln versiegelt, um die Eigentümer zu erkennen, oder damit nichts gestohlen wird. Und wir haben viele Siegelabdrücke mit Namen von Königen der 5. Dynastie entdeckt. Das waren unsere tollsten Funde. Das heißt nämlich, dass es schon Mitte des 3. Jtds. v. Chr. enge Beziehungen zwischen Memphis, der damaligen Residenz, und Kom Ombo gegeben hat.

 

Hat die Grabung der englischen Festung ebenfalls besondere Funde erbracht?

Ja, das ist auch sehr spannend. Wir haben dort sogar einen Österreichbezug gefunden: einen Fez. Diese Kopfbedeckungen waren im 19. Jh. in Ägypten weit verbreitet. Und Österreich war damals der Hauptproduzent für Feze, die dann nach Ägypten exportiert wurden.

 

Im Oktober 2019 beginnt die dritte Grabungssaison, was haben Sie sich dafür vorgenommen?

Wir hoffen, dieses Jahr mehr Informationen über das Alter der Stadt zu gewinnen. Wann war sie zum ersten Mal besiedelt? Das möchten wir herausfinden. Das längerfristige Ziel ist es, ein Gesamtbild der Stadt zu bekommen. Wo genau liegen die Verwaltungszentren? Wo befinden sich die Friedhöfe? Wo verliefen die Nilarme zu welcher Zeit? 2019 konnten wir auch ein vom FWF-Projekt gefördertes Projekt zu Kom Ombo im Alten Reich, also im 3. Jtd. v. Chr., beginnen. Dafür sind wir dankbar, das hilft uns sehr.

 

Was macht Ihnen an Ihrer Arbeit am meisten Freude?

Das Herausfinden von Dingen oder das Verstehen von Zusammenhängen macht mir unglaublich Freude. Wenn man plötzlich versteht, „Oh, das ist ein Verwaltungsgebäude!“. Ich möchte wissen, wie die altägyptische Gesellschaft funktioniert hat. Dazu etwas herauszufinden freut mich mehr, als beispielsweise ein Goldgefäß zu finden.