05/06/2015

Forschen in der Huthi-Hochburg

Obwohl der Nordjemen jahrelang von blutigen Konflikten erschüttert wurde, ließ sich die Sozialanthropologin Marieke Brandt nicht von ihren Feldforschungen abhalten. So gewann sie tiefe Einblicke in die Huthi-Bewegung, die heute weite Teile des Jemen kontrolliert.

Scheinbar aus dem Nichts erschienen die Huthis im September 2014 auf der politischen Bühne des Jemen, als sie die Hauptstadt Sana’a einnahmen und die Übergangsregierung des Präsidenten Abd Rabbuh Hadi stürzten. Es folgte die Flucht des Präsidenten nach Aden, das weitere Vordringen der Huthis Richtung Süden, und schliesslich eine von Saudi-Arabien geleitete Militärintervention im Jemen.  Doch wer sind die Huthis?

Marieke Brandt gehört zu den wenigen WissenschafterInnen, die diese Frage fundiert beantworten können. Die deutsche Sozialanthropologin, die seit 2011 am Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften arbeitet, ist auf die Stammesgesellschaft des nördlichen Jemen spezialisiert, insbesondere auf die entlegenen Regionen Sa’da und al-Jawf an der Grenze zu Saudi-Arabien. Vor Allem al-Jawf ist seit den 1980er Jahren fast gänzlich für Ausländer gesperrt und gehört heute zu den am wenigsten erforschten Regionen der Erde. Im benachbarten Sa’da tobte zwischen 2004 und 2010 ein gewaltsamer Konflikt zwischen den schiitischen Huthi-Rebellen (benannt nach der al-Huthi-Familie, die diese anführt) und der mehrheitlich sunnitisch dominierten Zentralregierung. In diesem Konflikt ging es jedoch weniger um religiöse als um machtpolitische Fragen. 

„Den Huthi-Konflikt oder die derzeitige Krise im Jemen allein als einen religiösen Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten darzustellen, greift zu kurz  - vielmehr entstanden diese Auseinandersetzungen aus der jahrzehntelangen wirtschaftlichen Benachteiligung der nördlichen Landesteile und der schiitischen Minderheit, sowie aus deren Ausschluss von politischer Partizipation auf Landesebene“, so Brandt. Durch ihre langjährigen Forschungsarbeiten ist sie mit vielen Stammesführern (shaykhs) des Nordens per du, deren Rolle im Huthi-Konflikt sie von 2011 bis 2013 im Rahmen eines Marie-Curie-Forschungsstipendiums untersuchte. In Kürze erscheint ihr Buch „The Tribal Narrative: Tribal Politics in the Huthi Conflict in Northwest Yemen“, welches die Sicht der unmittelbar Beteiligten auf diese Geschehnisse veranschaulicht.

Nur durch die Bildung von Allianzen mit lokalen Stämmen konnten die Huthis im Nordjemen immer mehr Anhänger gewinnen. „Während des Huthi-Konflikts hatte die Regierung durch ihre Inkompetenz und die Anwendung willkürlicher Gewalt viele eigentlich unbeteiligte Stämme verbittert, die sich dann auf die Seite der Huthis schlugen und so zur Ausweitung der Rebellion beitrugen“, erklärt Brandt. Sowohl die Regierung als auch die Huthis förderten zudem den Ausbruch alter Stammesfehden, um die Stämme für den Krieg zu mobilisieren. 

Auch der heutige Konflikt kann nur unter Berücksichtigung der komplexen Dynamik politischer Allianzen verstanden werden. Nach einer Welle populärer Proteste führte die Initiative des Golfkooperationsrats Ende 2011 zur Abdankung des Langzeitpräsidenten Ali Abdallah Salih. Dadurch verschob sich die Machtbalance im Jemen jedoch dermaßen, dass die Huthis und ihr ehemaliger Erzfeind Salih ein Zweckbündnis eingingen, welches den Huthis ihre derzeitigen Landgewinne erst ermöglichte. „Nach diesen Entwicklungen war für die Saudis, die sich an ihren Grenzen sowohl von den Huthis als auch von der regionalen schiitischen Supermacht Iran bedroht fühlen, das Maß voll: unter dem Vorwand, den Einfluss des Iran in der Region brechen und die Übergangsregierung unter Hadi wiederherstellen zu wollen, begannen sie am 26. März 2015 mit der Bombardierung von Huthi-Stellungen in ganz Jemen“, so Brandt. Ihrer Einschätzung nach sei der militärische Nutzen dieser Intervention jedoch zweifelhaft: von dem resultierenden landesweiten Chaos und der Schwächung der Huthis werde letzten Endes wohl nur al-Qa’ida, der Erzfeind der Huthis im Jemen, profitieren. 

Die Hintergrundforschung von Marieke Brandt eröffnet ganz neue Perspektiven auf die jüngsten Entwicklungen im Jemen. Sogenannte Experten beobachten zwar oft Machtkämpfe
innerhalb von Regierung und Militär, übersehen aber deren tieferliegende Gründe. 
Nur durch langjährige, intensive Auseinandersetzung mit den Huthis konnte Brandt aufzeigen, wie politische Akteure oft Rivalitäten und Stammesfehden, aber auch Allianzen aus weit entfernten Landesteilen auf der politischen Bühne der Hauptstadt austragen. „Viele aktuelle Konflikte im Jemen haben ihre Wurzeln noch in der Zeit des jemenitischen Bürgerkrieges in den 1960er Jahren“, erklärt Marieke Brandt. „Der aktuelle Krieg im Jemen wird ebenfalls langwierige Verwerfungen schaffen, denn ‚Blut ist geflossen’, wie man in der Stammesgesellschaft des Jemen sagt. So ist jeder noch so kleine Eingriff in dieses fragile  System mit enormen Konsequenzen und Langzeitfolgen verbunden“.

Der Jemen-Forschungsschwerpunkt des Instituts für Sozialanthropologie begann mit Walter Dostals Feldforschungen in den 1960er Jahren und wird derzeit von einem siebenköpfigen
Forschungsteam unter der Leitung Andre Gingrichs weitergeführt. Ab Herbst 2015 wird Marieke Brandt hier ein fünfjähriges Forschungsprojekt zu den bisher kaum erforschten Regionen Sa’da und al-Jawf leiten, und somit zu einem weiteren Ausbau dieses einzigartigen Zentrums der Jemenforschung beitragen. Gemeinsam mit drei MitarbeiterInnen wird sie die
komplexen Themen der religiösen Radikalisierung, des Grenzstreits zwischen Saudi-Arabien und dem Jemen, der Rolle von Ölförderung und Schmuggel, sowie der Beziehung zwischen Stamm und Staat in diesem Gebiet untersuchen.