Biographie des Monats November 2016

Ein Matador der Spielzeugbranche: der Erfinder Johann Korbuly

© Eva Offenthaler

Klötze, Räder, bunte Stäbchen – mehr brauchte es nicht, um die Fantasie und den Spieltrieb ganzer Generationen zu beschäftigen. Als der Eisenbahntrasseur Johann Korbuly vor 115 Jahren seinen Holzbaukasten „Matador“ zum Patent anmeldete, war ein Spielzeug-Klassiker geboren. Sein in der Tradition des Pädagogen Fröbel stehender Baukasten, der zum selbstständigen Denken und Tun anregen sollte, besticht noch heute durch seine Vielseitigkeit. Bagger, Dampfer oder Pendeluhr – Matador ermöglichte mit einfachen Mitteln den Nachbau komplexer Objekte, die sich – im Gegensatz zu früheren Baukästen – sogar in Bewegung setzen ließen.

Johann (Baptiste) Korbuly kam am 29. Jänner 1860 in Wien zur Welt. Er war ein Sohn des aus Siebenbürgen stammenden Kaufmanns Josef Joachim Gregor Corbuly und dessen Frau Maria Rosa, geb. Azaria, der Tochter eines Großhändlers. Korbuly absolvierte die Baugewerbeschule in Wien und besuchte in den Jahren 1876 bis 1880 die Pionierkadettenschule in Hainburg. Seinen Militärdienst leistete er bei den Infanterieregimentern Nr. 3 und Nr. 87, ehe er 1884 als Leutnant den Dienst quittierte. Während seiner späteren Tätigkeit als Geometer fertigte er unter anderem eine kartographische Aufnahme von St. Pölten an. Mit dem Projektieren von Eisenbahnen, Straßen und Werkkanälen beschäftigt, brachte er es bis 1910 nach eigenen Angaben auf über 1.200 km solcher Arbeiten. Zu erwähnen ist vor allem die Grazer Schlossbergbahn, bei der Korbuly von 1893 bis 1894 auch als Bauleiter fungierte. Noch in Graz heiratete er Josefa, die Tochter eines Schuhmachermeisters. Zeitungsinserate zeugen in den folgenden Jahren von seinem Erfindergeist. So bewirbt ein „Traceur J. Korbuly“ (höchstwahrscheinlich Johann selbst) 1899 eine Stabwage zum Senkrechthalten von Rund- und Kantstäben, Achsen etc. und bot deren Patent zum Verkauf an.

Matador – Bausteine zum Erfolg

Ebenfalls um die Jahrhundertwende erfand Korbuly den bekannten Matador-Baukasten. Welche Rolle dabei seine drei Söhne Johann (1892–1985), Anton (1893–1917) und Rudolf (1894–1979) gespielt haben, ist in der „Matador-Zeitung“ Nr. 4 nachzulesen. Dort berichtet Korbuly, dass er den ursprünglichen Plan, seinen damals drei, fünf und sechs Jahre alten Kindern einen Steinbaukasten zu schenken, fallen ließ, weil er vermutete, dass die drei mit den Bausteinen mehr aufeinander werfen als bauen würden. So ließ er stattdessen von einem Tischler eine große Anzahl hölzerner Bausteine und Bretter anfertigen, die mit Löchern versehen wurden, sodass die Sprösslinge ihre Bauten mit Drahtstiften fixieren konnten. Als den dreien später noch ein ausgedienter Wecker in die Hände fiel, steckten sie dessen Achsen und Räder in die Löcher der Bausteine. Damit war das Grundkonzept von Matador als Spielzeug, mit dem sich auch bewegliche Gebilde bauen ließen, komplett. Freunde legten Korbuly nahe, seine Erfindung patentieren zu lassen. Als jedoch niemand das Patent zu einem angemessenen Preis erwerben wollte, sah er sich „verurteilt, Fabrikant und Kaufmann zu werden“, wie er selbst formulierte. Die Fertigung der Baukästen erfolgte anfangs in einer bescheidenen Werkstatt, als Firmensitz fungierte Korbulys Wohnung. Zwecks billigerer Erzeugung und leichterer Handhabung ersetzte er die Zahnräder bald durch gerillte Laufräder, die eisernen Stifte durch hölzerne Stäbchen. 1903 wurde Matador erstmals öffentlich verkauft.

„Papa! Sag, was ist Matador?“

„Papa! Sag, was ist Matador?“, hieß es in den Zeitungsinseraten der Firma. Die Frage ist leicht beantwortet. Ein Baukasten enthielt Buchenholzklötze unterschiedlicher Größe, Brettchen und Räder, die sich mittels bunter Verbindungsstäbchen zu immer neuen Objekten zusammenstecken ließen. Das Grundelement bildete der von allen Seiten durchbohrte „Einser-Klotz“ (20 mm Kantenlänge). Ein „Fünfer-Klotz“ entsprach somit fünf „Einsern“. Wer nicht ohnehin nach eigenen Ideen bauen wollte, fand in den Kästen Hefte mit fertigen Vorlagen. Dank der zahlreichen Kombinationsmöglichkeiten sprach Matador alle Altersstufen an: Während die Kleineren sich mit einfachen Häuschen, Wägelchen oder Puppenmöbeln beschäftigten, fanden Geübtere Freude am Nachbauen und In-Bewegung-Setzen von Kränen, Karussells, Schwebebahnen und Maschinen aller Art.
Erhältlich war Matador in unterschiedlicher Größe und Ausstattung, und das schon bald auch außerhalb der Monarchie. Um 1905 gab es die Aufmachung des Baukastens bereits in acht Sprachen. Mit der billigsten Ausgabe, der 1-Kronen-Nummer, ließen sich bereits etwa 40 Modelle umsetzen. Die Erweiterung eines Kastens zum nächstgrößeren war durch Ergänzungsnummern problemlos möglich.
Dass das Spielzeug den Namen Matador erhielt, begründete ein Nachkomme des Erfinders mit einem Familienbrauch: „In der Familie sagte man, mir san die Besten, mir san die Matador!“ Korbuly selbst meinte in der Matador-Zeitung: „Auf den Vertreib meiner Erzeugnisse über die ganze Welt rechnend, wählte ich ein Wort, das so ziemlich in der ganzen Welt nicht nur gleich ausgesprochen wird, sondern dessen Bedeutung als: der Hervorragende, alles Bezwingende, allgemein bekannt ist.“

„Alles dreht sich, alles bewegt sich“

Der bekannte Werbeslogan „Alles dreht sich, alles bewegt sich“ brachte den Vorzug von Matador zum Ausdruck, dass sich damit im Unterschied zu herkömmlichen Baukästen auch Drehbewegungen umsetzen ließen. Vor Augen geführt wurde das in der Auslage des Matador-Hauses am Wiener Graben, das zahlreiche Modelle in Betrieb zeigte und wohl besonders in der Weihnachtszeit zum Magneten wurde. Als billig konnte der Baukasten nämlich nicht gelten, und so setzte man auf Unternehmensseite verstärkt auf das Weihnachtsgeschäft. In dieser Zeit bewarb Korbuly seinen Baukasten zusätzlich auf den Rückseiten der Wiener Straßenbahnfahrscheine.
Neuerungen wie Heißluft- und Elektromotoren sorgten später dafür, dass man die Modelle nicht mehr nur per Hand in Bewegung setzen konnte. Kurioserweise stand Matador einmal sogar im Dienst der Kunst, wie Tobias Hötzer in seiner Fachbereichsarbeit herausfand: 1926 kündigte Wilhelm Bund im Wiener Konzerthaus ein „Zweites Lebenswahres Klavier-Konzert“ an – „Mitwirkend: Ein Bariton und Maschinenmodelle mit Elektromotor“. Auf dem Programm stand u. a. Strawinskys „Schicksalstanz des sentimentalischen Maschinengroßstädters (Piano-Rag-Music gespielt bei gehenden Maschinenmodellen)“. Letztere waren, wie der Programmzettel vermerkte, aus Ing. Korbuly’s Matador-Baukasten gefertigt.

Die „Matador-Zeitung“

Mit einer eigenen Zeitung, die er als „Sprechsaal für alle Anhänger des Matador“ verstand, praktizierte Korbuly ab 1905 Kundenbindung. Die einzelnen Ausgaben brachten stets neue Bastelvorlagen, darunter viele von Kindern ausgedachte Modelle. Dass er seine jungen Leserinnen und Leser als „Übende“ betrachtete und ansprach, ist wohl Ausdruck des pädagogischen Werts, den er seiner Erfindung beimaß. Korbuly veranstaltete Bauwettbewerbe und gab die Preisträger in seiner Zeitschrift bekannt. Jeder Einsender und jede Einsenderin eines Modells durfte dabei zugleich als Juror bzw. Jurorin fungieren. Die abgedruckten Beispiele berücksichtigten die unterschiedlichen Fertigkeiten der Kinder, so fand neben ausgetüftelten Modellen auch das aus nur wenigen Steinen gebildete „Ochs-Muh!“ des 4-jährigen Konrad Aufnahme, ebenso ein „Hühnerkarussell“ oder ein einfacher „Kronleuchter“. Im „Briefkasten des Matador“ beantwortete Korbuly Leserfragen. Er rückte Auszüge aus Dankschreiben begeisterter Eltern und Pädagogen ein, die etwa berichteten, dass ihre Kleinen nach Erhalt eines Baukastens „weder vom Essen noch vom Schlafen“ etwas wissen wollten. Die häufigen Bitten um Zusendung von Ersatzstäbchen zeugen von der eifrigen Verwendung des Baukastens.

Tormada, Amor oder Oda – weitere Produkte aus dem Hause Matador

Um 1906 kündigte Korbuly in der „Matador-Zeitung“ einige Neuheiten an, darunter die Zeichenschule „Tormada“, ein farbiges Legespiel, mit dessen Hilfe „der Übende nur edelgeformte Gebilde“ erzeugte. Sprachspielereien mit der Marke „Matador“ führten auch zur Namensgebung bei weiteren Produkten, wie dem Einsiedlerspiel DARO. Es stamme, wie es heißt, vom Einsiedler Daro, der derart einsam siedelte, dass ihn kein Mensch jemals sah. Das Wiener Mosaik AMOR („für kunstsinnige Mädchen und Knaben“, wie die Reklame später lautete), bot die Möglichkeit, schöne Muster zusammenzusetzen, während das sogenannte Neuschach ODA als ein für Reisen geeignetes Steckspiel empfohlen wurde, das sich in wenigen Minuten erlernen ließ. 1925 wurde das Turnierspiel „Hinz und Kuno“ mit zwei zu Ross sitzenden Ritterfiguren angekündigt, das Geschicklichkeits- und Glücksspiel in einem war. Armbrust, Pfeil und Bogen, Korbulys Kugelbahn und ein Segelflugzeug-Kasten waren ebenfalls spätere Neuerungen.
Dass Korbuly auch einen Metallbaukasten geplant hatte, geht aus der „Matador-Zeitung“ hervor. Darin kündigte er für den Herbst 1914 einen eisernen Baukasten an, der schöner, reichhaltiger und dabei preiswerter als vorhandene Fabrikate sein sollte und dessen Teile mit denen des hölzernen kombinierbar waren. Korbuly hatte sich daran gestört, dass in fremden Schaufenstern metallene Modelle auftauchten, die unverkennbare Ähnlichkeit mit seinen hölzernen hatten. Besonders der Metallbaukasten Meccano stellte eine Konkurrenz dar. Dessen Erfinder, der britische Unternehmer und Politiker Frank Hornby hatte sein Konstruktionsspielzeug „Mechanics Made Easy“ ebenfalls im Jänner 1901 patentieren lassen. Auch dieses ist bis heute im Handel.

Vom Kinderzimmer ins Klassenzimmer

Als Johann Korbuly am 23. April 1919 starb, übernahmen seine Söhne Johann Julius und Rudolf den Betrieb – Ersterer als Geschäftsführer, Letzterer als Produktionsleiter. Den großen Aufschwung des Baukastens in den 1920er-Jahren erlebte dessen Erfinder selbst nicht mehr. Als anspruchsvolles Beschäftigungsmaterial lag Matador nun im Trend der Reformpädagogik mit ihrer Forderung nach Selbsttätigkeit der Kinder. Der Baukasten fand sogar Eingang ins Klassenzimmer, da Matador 1923 als Lehrmittel für Schulen zugelassen wurde. Korbuly selbst hatte einst betont, „Matador ist kein Spielzeug im Sinne des zeitvertrödelnden Tändelns – Matador ist ein Erziehungsmittel in des Wortes edelster Bedeutung.“ (Matador-Zeitung Nr. 4) und hielt seine Erfindung für eine „Kulturtat“ (Matador-Zeitung Nr. 5). Unter dem Motto „Was Kinder erfinden“ kam es in den 20er-Jahren zu großen Ausstellungen, so 1921 in Essen, wo an die 3.000 Modelle gezeigt wurden. Für die Matador-Ausstellung in Linz 1924 hatten alle Linzer Schulen leihweise Baukästen zur Verfügung gestellt bekommen. Über 300 von Schulkindern entworfene Modelle waren dort zu sehen.
Die Produktpalette wuchs in dieser Zeit weiter. Unter den Neuheiten befanden sich etwa eine Matador-Physiknummer, eine „Elektro-Ergänzung“ und ein Radiobaukasten. Produziert wurde seit 1915 nicht mehr in Wien, sondern in einer ehemaligen Mühle in Pfaffstätten am Ufer des Wiener Neustädter Kanals. In Wien gab es nun schon vier Matador-Geschäfte: Zu den Standorten am Graben und auf der Mariahilfer Straße waren Läden auf der Margarethenstraße und der Nußdorfer Straße hinzugekommen.

Im Sinne des Erfinders

Ein Dreivierteljahrhundert blieb die Firma in Familienbesitz und überstand sowohl die Weltwirtschaftskrise als auch zwei Weltkriege (während des 2. Weltkriegs wurden Sprengkapselschachteln erzeugt). Mit dem Verkauf an den Zeitungsverleger Kurt Falk 1978 kam es zu deutlichen Veränderungen im  Unternehmen. Wohl im Bemühen um Modernisierung wurden u. a. vermehrt Kunststoffteile verwendet, neue Teile wie Gummiräder eingeführt und Spezialbaukästen für einzelne Modelle erzeugt. Schon 1987 stellte Falk die Produktion ein. Nach zehnjähriger Pause wird Matador seit 1997 quasi wieder im Sinne des Erfinders produziert. Korbulys ursprüngliches (Ergänzungs-)Baukastensystem aufgreifend, lassen Claudia und Michael Tobias ihr Holzspielzeug heute in der Matador-Fabrik in Waidhofen an der Thaya herstellen. Wer noch Bauklötze aus dem Jahr 1903 besitzt, kann diese übrigens problemlos mit den neuen kombinieren.

Tipps:

Der Geschichte des Matador-Hauses widmet sich der Blog Matador-Baukasten.
Eine Dauerausstellung zum Thema Matador zeigt das Stadtmuseum Traiskirchen.


Literatur: Reichspost, 25. 4. 1919 (Mittagblatt); Das kleine Volksblatt, 7. 1. 1940 (mit Bild); ÖBL; R. Granichstaedten-Cerva – J. Mentschl – G. Otruba, Altösterreichische Unternehmer, 1969, S. 67ff.; G. A. Stadler, Das industrielle Erbe Niederösterreichs. Geschichte – Technik – Architektur, 2006, S. 532f.; 100 Jahre Matador. Ein Baukasten erobert die Welt. Dauerausstellung im Stadtmuseum Traiskirchen, 2., ergänzte Aufl., 2007 (mit Bild); T. Hötzer, Der Matador-Baukasten. Die Geschichte eines österreichischen Spielwarenherstellers, Fachbereichsarbeit in Geschichte, Sozialkunde und Politische Bildung, Bundesgymnasium Porcia, Spittal an der Drau, 2011/12 (mit Bild); Pfarre St. Othmar, Pfarre St. Stephan, WStLA, alle Wien.


 (Eva Offenthaler)

Für die kostenlose Überlassung von Bildmaterial danken wir herzlich dem Technischen Museum Wien und der Matador Spielwaren Ges.m.b.H.

 

 

 

Matador-Baukasten aus den 1920er-Jahren (© Technisches Museum Wien)
Modell Autobus – Matador Klassik (gebaut: Ing. Michael Tobias), © Matador Spielwaren Ges.m.b.H.
Matador-Zeitung Nr. 23 (Dezember 1923) ©Technisches Museum Wien
„Ochs – Muh!“ Nachbau eines Modells des vierjährigen Konrad Büdel aus Marlenheim (um 1905)