Biographie des Monats Mai 2016

Max Kurzweil – Maler der Secession

Portait Max Kurzweil (© Belvedere, Wien, Bibliothek und Bildarchiv)

Am 9. Mai 2016 jährt sich der Todestag des Malers Max Kurzweil zum hundertsten Mal. Die Zusammenfassung seines Lebens liest sich wie die Vorlage für eine Schnitzler‘sche Novelle. Der hochtalentierte Maler stammte aus einer wohlhabenden Industriellenfamilie und war zeitlebens finanziell unabhängig von seiner Arbeit. Karl Moll beschrieb seinen Freund als „Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle, vornehm in Erscheinung und Wesen, schönheitsdurstig, gebildet“. Die spärlichen erhaltenen Dokumente zu seiner Person zeigen ihn mal als unbekümmerten Lebemann, dann wieder als melancholischen Künstler. Seine Hauptwerke sind aus der Beschäftigung mit der eigenen Person und den Beziehungen zu den Frauen in seinem Leben entstanden. Kurzweil erweist sich darin als sensibler Analyst seiner Gefühle, schwankend zwischen Liebe, Libido, Trennungsschmerz und Depression – eines gefährlichen Cocktails, der letztendlich zum Doppelselbstmord mit seiner jungen Geliebten führen sollte.

Privilegierte Jugend im Ringstraßen-Wien und sentimentales Frühwerk

Am 13. Oktober 1867 wird Maximilian Viktor Zdenko Franz Marie Kurzweil als zweiter Sohn des Zuckerfabrikanten Carl Kurzweil in Bisenz (Bzenec) in Mähren geboren, wo er die ersten Jahre seiner Kindheit verbringt. Die Familie verkauft jedoch 1879 die unrentabel gewordene Fabrik und zieht nach Wien, wo der Vater das Haus Währinger Straße 1 (heute Hotel Regina) erwirbt und als Privatier lebt. 1886 maturiert Kurzweil am Wiener Schottengymnasium und schreibt sich an der Akademie der bildenden Künste ein, wo er bei Christian Griepenkerl und Leopold Karl Müller studiert. Aus dieser frühen Studienzeit sind vor allem humorvolle Genrezeichnungen bekannt. Nach dem Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger beim 3. Dragonerregiment in Stockerau in den Jahren 1891/92 wird er zum Leutnant der Reserve ernannt und bleibt bis 1902 Offizier der k. u. k. Armee. Im Herbst 1892 setzt er sein Studium an der Pariser Académie Julian fort, wo er nach eigenen Angaben bei Tony Robert-Fleury und Jules-Joseph Lefebvre studiert. Er bleibt in der Folge zwei Jahre in Paris. Im Sommer 1893 reist er erstmals in die bretonische Hafenstadt Concarneau, wo er 1895 Marthe Guyot, die Tochter des Vizebürgermeisters, heiratet und bis 1905 jeden Sommer verbringt.

Kurzweils Frühwerk ist zu diesem Zeitpunkt von einer gewissen sentimentalen Note geprägt, wie etwa in den Genrebildern Ein lieber Besuch (1894) oder Der arme Spielmann (um 1895). Unter dem Einfluss der zeitgenössischen französischen Malerei wendet er sich aber immer häufiger der impressionistischen Landschaftsmalerei und dem Porträt zu. Im Herbst 1894 kehrt Kurzweil für ein weiteres Studienjahr an der Akademie der bildenden Künste zurück nach Wien. Im selben Jahr feiert er mit der Teilnahme am Pariser Salon und der Weihnachtsausstellung des Wiener Künstlerhauses erste Erfolge. Im Februar 1896 wird er schließlich ordentliches Mitglied in der Genossenschaft der bildenden Künstler Wiens (Künstlerhaus). Er ist zu diesem Zeitpunkt bereits Mitglied des Siebener-Klubs, einer Vorläufergruppierung der späteren Secession. In der Jahresausstellung des Künstlerhauses stellt er das in Concarneau entstandene Gemälde Genesen (1896) aus und gewinnt dafür die Kleine Goldene Medaille. Im April/Mai 1897 findet Kurzweils erste Kollektivausstellung in der Galerie Eugen Artin statt.

Aufbrüche: Secession, neue Techniken und Entdeckung des Südens

Am 25. Mai konstituiert sich die Secession, worauf der in Concarneau weilende Kurzweil am 11. Juni schriftlich seinen Austritt aus dem Künstlerhaus bekannt gibt und der Secession beitritt. Er beteiligt sich zunächst intensiv an den Ausstellungen der Secession und übersiedelt 1899 in eine eigene Atelierwohnung in der Schwindgasse 19, die er mit Möbeln von Josef Hoffmann einrichtet. Er wendet sich nun auch dem Symbolismus zu und malt Werke wie das Monumentalbild Tod der Dryade (1898), das er in der ersten Ausstellung der Secession präsentiert. In der vierten Ausstellung der Secession stellt er 1899 das Bild Dame in Gelb, ein Porträt seiner Frau Martha, aus. Im Jahr darauf nimmt er mit dem Bild Genesen an der Weltausstellung in Paris teil und erhält eine Silbermedaille. An der Beethovenausstellung der Secession im Jahr 1902 beteiligt er sich mit zwei Wandgemälden.

Kurzweil lernt wohl 1902 von Emil Orlik die Technik des japanischen Farbholzschnittes. 1903 zeigt er im zehnten Heft des Ver Sacrum sechs seiner Holzschnitte. Sein bevorzugtes Modell ist in diesen Jahren seine Frau Martha. Er zeigt die schöne, aber zu Depressionen neigende Frau nicht nur in repräsentativen Porträts, sondern auch in einer Reihe intimer Studien schlafend oder Briefe schreibend auf dem Sofa seines Ateliers. Der Höhepunkt dieser Studien ist der berühmte Farbholzschnitt Der Polster, der 1903 in der Jahresmappe der Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst erscheint.

Am 11. Juni 1905 verlässt Kurzweil mit der Klimt-Gruppe die Secession. Gustav Klimt tritt Kurzweil den Villa Romana Preis des Deutschen Künstlerbundes ab, woraufhin das Ehepaar Kurzweil im Dezember in der Villa Romana bei Florenz einzieht. Bis September 1906 malt er Landschaften in Florenz, Fiesole, Viareggio und Forte dei Marmi. Seine Palette hellt sich merklich auf. Im Februar 1907 folgt die dritte Kollektivausstellung mit 24 Werken in der Galerie Miethke, in der hauptsächlich die Italienischen Arbeiten ausgestellt sind.

Im Sommer 1907 reist Kurzweil nach Grado, wo die Mädchenbildnisse der Schwestern Bauer und möglicherweise auch das Porträt von deren Tante Therese Bloch-Bauer entstehen. Mit diesen drei Werken sowie einer Landschaft nimmt Kurzweil an der Wiener Kunstschau 1908 teil. Im Jahr darauf folgt die Teilnahme an der Internationalen Kunstschau in Wien und der Internationalen Kunstausstellung im Münchner Glaspalast. Im Sommer reist er erstmals nach Dalmatien, wo er auf der Insel Arbe (Rab) und in Lesina (Hvar) malt. Auch in den beiden folgenden Sommern reist er an die dalmatinische Küste.

Der Weg in die Depression – letzte Werke, letzte Liebe

Im Herbst 1909 tritt Kurzweil die Nachfolge Rudolf Jettmars an der Wiener Kunstschule für Frauen und Mädchen als Lehrer für Zeichnen und Malen nach dem menschlichen Modell an. Er beteiligt sich in den folgenden Jahren seltener an öffentlichen Ausstellungen. 1911 findet eine letzte Kollektivausstellung gemeinsam mit Karl Moll in der Galerie Miethke statt und 1912 beteiligt er sich an der Frühjahrsausstellung im Hagenbund.

Von seiner Frau scheint er zu diesem Zeitpunkt bereits über längere Zeit getrennt gelebt zu haben. Die Ehe war Kinderlos geblieben und Martha soll (einem unbestätigten Bericht Anton Nowaks zufolge) in Paris Malerei studiert haben. Kurzweil reist nach 1905 offenbar nur mehr in den Jahren 1908, 1912 und 1914 in die Bretagne. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs trennt ihn endgültig von Martha. Der zunehmend vereinsamte und deprimierte Künstler beginnt spätestens 1915 ein Verhältnis mit seiner Schülerin Helene Heger, das jedoch von deren Vater entdeckt und verboten wird. Im Gemälde Der verwunschene Prinz (1915), seinem wohl am meisten Rätsel aufgebenden Werk, legt er seine Situation symbolhaft offen.

Im Herbst 1915 wird Kurzweil zur Armee eingezogen und als Offizier reaktiviert. Er beantragt aufgrund seines fortgeschrittenen Alters die Aufnahme ins Kriegspressequartier als Kriegsmaler und wird im März/April 1916 in dieser Funktion an den Kriegsschauplatz in Montenegro beordert. Bereits am 28. April wird er aus unbekannten Gründen beurlaubt. Nach Wien zurückgekehrt, nimmt er sich am 9. Mai gemeinsam mit Helene Heger in seinem Atelier das Leben.

Das Belvedere widmet diesem außergewöhnlichen Künstler von 11. Mai bis 4. September 2016 eine Gedächtnisausstellung.


Weitere Werksangaben: Bretonisches Mädchen, 1893; In Gedanken, vor 1898; Dame in Violett 1896; Dämmerung 1899/1900; Blumiges Heim (Villa Siedek), um 1900; Bretonin, um 1900; Martha Kurzweil am Ufer in Pont-Aven, um 1900; Der Hafen von Concarneau, um 1900; Liegender Männerakt, um 1900; Martha Kurzweil im Atelier, um 1902; Am Weiher, 1904; Bretonischer Landsitz, 1904; Non omnis moriar, 1904; Mühle an der Greve (Sommer), 1906; Aufgang zur Badia di Fiesole, 1906; Landschaft bei Florenz, 1906; Birkenhain, 1907/08; An der Adria bei Abbazia (Im Quarnero), 1910; Selbstporträt im grünen Fauteuil, um 1910; Fort S. Lorenzo in Ragusa, 1911; Hafen von Lesina, um 1911; Frauenakt (Studie), um 1915; Helene Heger, um 1915; Lovcen, 1916; Kauernde am Strand, o. J. etc. - Farbholzschnitte: Plakat für die XVII. Ausstellung der Secession, 1903; Heimwärts, 1903, Dämonen hinter dem Berg, 1903; Fliegende Menschen, 1903; Sonnenuntergang im Hafen, 1903; Park und Gloriette von Schönbrunn, 1903/04; Fischerboote vor der Küste, 1903/04; Bretonische Fischerhäuser, 1904; Donaufischer, 1907/08; Vor der Schmiede, 1907/08 etc.


Literatur: Max Kurzweil, Der Erfolg, in: Ver Sacrum 1, H. 2, 1898, S. 10ff.; Carl Moll, Max Kurzweil. Ein Wort der Erinnerung von Karl Moll, in: Die bildenden Künste 1, 1916/18, S. 13ff.; Versteigerung des künstlerischen Nachlasses des Malers Max Kurzweil. 252. Kunstauktion C. J. Wawra, Wien 1918, S. 5; Hartwig Fischel, Aus dem Wiener Kunstleben, in: Kunst und Kunsthandwerk 21, 1918, S. 432; Max Kurzweil 1867–1916, Ausst.Kat. Belvedere Wien 1965; Hubert Adolph-Paburg, Ein Maler der Jahrhundertwende, in Alte und Moderne Kunst 11, 1966, H. 87, S. 28ff.; Max Kurzweil 1867-1916, Ausst. Kat. Felix Landau Gallery, Los Angeles 1968; Hubert Adolph - Fritz Novotny, Max Kurzweil. Ein Maler der Wiener Sezession, 1969; Max Kurzweil (Bisenz 1867 - 1916 Wien). Ein Maler der Wiener Secession, Ausst. Kat. Galerie Pabst, München 1986; Claudia Malle, Max Kurzweil 1867–1916, DA Wien, 1994; Max Kurzweil. Licht und Schatten, ed. Agnes Husslein-Arco - Markus Fellinger, Ausst. Kat. Belvedere Wien 2016.


 (Markus Fellinger)


Wir danken dem Belvedere Wien und Markus Fellinger für die Erlaubnis zur Veröffentlichung der Bilder.

Bretonisches Mädchen, 1893 (Foto © Markus Fellinger)
Der Weiher (Concarneau), 1904 (© Belvedere, Wien)
Der Polster, 1903 (Foto © Markus Fellinger)
Bettina Bauer, 1907 (© Belvedere, Wien)