Biographie des Monats März 2016

Im Banne der Slavia: Franz von Miklosich (1813-1891), Mitbegründer der modernen Slawistik

Miklosich in mittleren Jahren, photographiert von Carl v. Jagemann (© Bildarchiv Austria)

Im März 2016 jährt sich zum 125. Mal der Todestag eines der bedeutendsten Philologen des 19. Jahrhunderts: Franz (Fran) von Miklosich (Miklošič) hat durch sein imposantes und in vielen Aspekten grundlegendes Opus die Beschäftigung mit den slawischen Sprachen und Literaturen auf ein gänzlich neues wissenschaftliches Niveau gehoben und gilt deshalb zu Recht als einer der Gründerväter der Slawistik.

Ein steirischer Winzersohn im Sog der slawischen Romantik

Franz von Miklosich (sprich: Mikloschitsch, slowenisch Miklošič) wurde am 20. November 1813 als Sohn des Weinbauern und Wirts Jurij Miklosich in Pichelberg (slowenisch Radomerščak) nahe Luttenberg (Ljutomer) in der Untersteiermark geboren. Auch seine Mutter, eine geborene Marija Zobovič, stammte aus dem Hügelland zwischen Drau und Mur, das den Namen Prlekija trägt und vor allem als Weinbaugebiet berühmt ist. Nicht zuletzt mit Unterstützung eines Onkels, der als Landpfarrer wirkte, besuchte der Winzersohn das Gymnasium, zuerst in dem nicht allzuweit entfernten Warasdin (kroatisch Varaždin), später in Marburg an der Drau (slowenisch damals Marprok, heute Maribor). Anschließend ging Miklosich nach Graz, wo er vorerst die so genannten philosophischen Jahrgänge, die Voraussetzung für ein eigentliches Universitätsstudium, absolvierte. Danach studierte er dort Philosophie und Rechtswissenschaften und wurde 1838 zum Doctor philosophiae promoviert. Während seiner Grazer Zeit pflegte Miklosich eine enge Freundschaft zu Jakob Fras, der aus seiner Gegend stammte und bereits am Gymnasium in Marburg sein Klassenkamerad gewesen war. Wie dieser begeisterte sich Miklosich für die slawische Wiedergeburt, man las die romantischen polnischen Dichter sowie die von Vuk Karadžić gesammelten Volksdichtungen und interessierte sich generell für alles Slawische. Zudem wurden panslawistisch angehauchte Vereine gegründet, in denen sich auch Miklosich engagierte, etwa der Studentenverein Slovenska družba. Die Herausbildung der modernen südslawischen Literatursprachen war zu jener Zeit noch nicht abgeschlossen und vieles in Schwebe: So waren etwa die steirischen Slowenen damals noch mehr auf den kroatischen Raum als auf Krain hin orientiert. Auch gab es eine breite „illyrische“ Bewegung, die die Schaffung einer gemeinsamen südslawischen Literatursprache anstrebte, in der auch das Slowenische aufgehen sollte. Auch Miklosich sympathisierte eine Zeitlang mit dieser Richtung, der vor allem sein Freund Fras, der sich später Stanko Vraz nannte, anhing. Dieser schrieb zuerst auf Slowenisch, später jedoch ausschließlich auf Kroatisch und ging so – obschon von Geburt Slowene – als kroatischer Dichter in die Literaturgeschichte ein. Miklosich versuchte sich auch als Verseschmied und schrieb sogar auf „Illyrisch“ (d. h. de facto auf Kroatisch).

Von der Philosophia über die Iurisprudentia zur Philologia

Dass Miklosich dereinst einer der bedeutendsten Slawisten des 19. Jahrhunderts werden würde, war anfangs noch nicht absehbar. Denn vorerst wandte er sich der Philosophie zu und vertrat – noch vor seiner Promotion – von Jänner 1837 bis Juli 1838 den nach Laibach versetzten Piaristen Joseph Kalasanz Likavetz. In seiner Grazer Zeit machte er Bekanntschaft mit Władysław Tomasz Graf Ostrowski (1790–1869), letzter Reichsmarschall Polens und eine an Kunst und Wissenschaft interessierte zentrale Persönlichkeit der polnischen Emigration, der sich dreißig Jahre lang in der Murmetropole aufhielt und Miklosich als Hauslehrer engagierte. Als dieser 1838 Graz in Richtung Wien verließ, um sich dort juridischen Studien zu widmen, führte er mehrere Empfehlungsschreiben Ostrowskis mit, die ihm so manche Tür in der Residenzstadt öffneten. Zwei Jahre später wurde Miklosich in Wien zum Doctor iuris promoviert und begann auch tatsächlich vorerst in einer Rechtsanwaltskanzlei zu arbeiten. Doch immer mehr kristallisierte sich seine wahre Berufung heraus: Bald nach seiner Ankunft in Wien war Miklosich mit Jernej Kopitar bekannt geworden, dem Zensor für „slawische und griechische“ Bücher sowie Skriptor an der Hofbibliothek und einem der großen Philologen seiner Zeit. Rasch bildete sich ein enges Lehrer-Schüler-Verhältnis zwischen den beiden heraus und im Herbst 1842 vertrat Miklosich seinen Mentor bereits interimistisch als Zensor für slawische Sprachen, während dieser in Rom weilte, um an der Einrichtung eines von Österreich favorisierten Griechisch-ruthenischen Collegiums mitzuwirken. Dies bedeutete Miklosichs Einstieg als Zensor an der Hofbibliothek, die gerade im Hinblick auf slawische Bücher und Handschriften eine wahre Fundgrube darstellte und so den idealen Ort für slawistische Studien darstellte. Dieser Einrichtung sollte Miklosich – ab 1850 als Skriptor – neben seiner universitären Laufbahn bis in das Jahr 1862 verbunden bleiben. Indirekt verdankt Miklosich seiner Tätigkeit an der Hofbibliothek auch seine Eheschließung: 1852 heiratete er die knapp 20-jährige Cäcilie von Eichenfeld, die Tochter eines Kollegen, des Kustos Josef Ritter von Eichenfeld. In die erste Zeit seiner Tätigkeit für die Hofbibliothek fällt auch eine Schlüsselpublikation Miklosichs, mit der er die Aufmerksamkeit der Philologenwelt auf sich zog: In einer mit „Sanskrit und Slawisch“ übertitelten, 1844 im 105. Band der „Jahrbücher der Literatur“ abgedruckten Rezension von Franz Bopps in Einzelheften publizierten „Vergleichenden Grammatik des Sanskrit, Zend, Griechischen, Lateinischen, Litthauischen, Gothischen und Deutschen“ (1833–52) korrigierte, bestätigte und ergänzte er die Untersuchung des Vaters der Indogermanistik aus dem Blickwinkel der slawischen Sprachen.

Eine akademische Bilderbuchkarriere

Die turbulenten Ereignisse der Jahre 1848/49 waren für Miklosich gleich in mehrerer Hinsicht von biographischer Bedeutung. Im Frühjahr 1848 wurde in Wien der Verein Slovenija gegründet, dessen Vorsitz Miklosich übernahm. Dieser setzte sich für eine Aufwertung des Slowenischen als Verwaltungs- und Schulsprache ein und verfolgte das politische Programm „Zedinjena Slovenija“, das den Zusammenschluss der slowenischsprachigen Gebiete in einem neu zu schaffenden Kronland anstrebte. Im Juni desselben Jahres wurde Miklosich für den Gerichtsbezirk Sankt Leonhard in Windischbühel (slowenisch Sveti Lenart v Slovenskih Goricah) in den Reichstag gewählt, wo er den Gemäßigten angehörte. Im Zuge dieser politischen Tätigkeit lernte er Franz Serafin Graf von Stadion-Warthausen kennen, der damals als Innenminister fungierte und provisorisch auch das Unterrichtsressort mitbetreute. Stadion-Warthausen schätzte den umfassend gebildeten und in politischer Hinsicht moderaten Slowenen Miklosich und schlug dem Kaiser vor, eine Lehrkanzel für slawische Philologie zu schaffen und diese mit Miklosich zu besetzen. 1849 wurde Miklosich außerordentlicher und im Folgejahr ordentlicher Universitätsprofessor und wirkte bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 1885 als erster Slawistikprofessor an der Universität der Hauptstadt. Schwerpunkte seiner Vorlesungen waren anfangs vor allem das Altkirchenslawische, die älteste slawische Literatursprache, und dessen Denkmäler. Später erweiterte er sein Lehrangebot um die Bereiche Etymologie, Grammatik, Altertumswissenschaften, Paläographie, Namenkunde, Textinterpretation und Volksdichtung. Mehrmals stand Miklosich der philosophischen Fakultät als Dekan vor, im Studienjahr 1853/54 fungierte er als Rektor der Wiener Hochschule. Zudem war er längere Zeit Vorsitzender der Prüfungskommission für das Lehramt.

Unmittelbar nach der Gründung der Akademie der Wissenschaften in Wien wurde Miklosich 1848 als korrespondierendes Mitglied in diese Gelehrtengesellschaft gewählt. 1851 erfolgte seine Wahl zum ordentlichen Mitglied. Ausschlaggebend dafür war vor allem, dass er eine von der Akademie 1848 ausgeschriebenen Preisaufgabe bravourös löste (wobei er der Einzige war, der sich ihr – unter Einhaltung der ausgegebenen Regeln – stellte). Diese Aufgabe hatte darin bestanden, eine „Lautlehre der gesamten slawischen Sprachen“ auszuarbeiten. Deren gedruckte Fassung erschien 1852 unter dem Titel „Lautlehre der slavischen Sprachen“. 1866–70 fungierte Miklosich als Sekretär der philosophisch-historischen Klasse. Ein Großteil seiner Publikationen erschien zudem im Umfeld der Akademie.

Ein beeindruckendes und fundamentales Œuvre

Auf gleich mehreren Gebieten leistete Miklosich philologische Pionierarbeit und gilt daher zu Recht als einer der Gründerväter der Slawistik. Ein Schwerpunkt seiner Forschungen lag einerseits auf dem Altkirchenslawischen oder – in der Diktion Miklosichs – „Altslovenischen“. Diesen Terminus gebrauchte er vor allem deshalb, weil er wie sein Mentor Kopitar der so genannten pannonischen Theorie anhing, der zufolge sich das Altkirchenslavische im westungarischen Raum um den Plattensee bzw. dem nördlich angrenzenden Mährerreich herausgebildet habe. Demnach seien das Slowenische und das Bulgarische die dem Altkirchenslawischen am nächsten stehenden Sprachen. Sie hätten einst eine Einheit gebildet (eben die Basis des „Altslovenischen“), später hätte sich jedoch ein kroatisch-serbischer bzw. ungarischer Keil in dieses Gebiet getrieben und es in die beiden oben genannten Sprachareale aufgespaltet. Heute geht man im Gegensatz dazu jedoch davon aus, dass sich das Altkirchenslawische (auch: Altbulgarisch, Altslawisch) im Wesentlichen im mazedonisch-byzantinischen Raum herausgebildet hat. Bereits Miklosichs Schüler Vatroslav von Jagić widerlegte in diesem Punkt seinen Lehrer. Miklosichs Werk ist nichtsdestotrotz mehr als beeindruckend – von rund 20.000 Druckseiten ist die Rede, ein Pensum, das ohne zuarbeitende Assistenten und Schüler sicher nicht bewältigbar gewesen wäre.

Sein Opus umfasst zum einen mehrere grundlegende Lehr-, Hand- und Wörterbücher sowie Editionen zum Altkirchenslawischen („Radices linguae slovenicae“, 1845, „Lautlehre der altslovenischen Sprache“, 1850, „Lexicon linguae slovenicae veteris dialecti“, 1850, „Formenlehre der altslovenischen Sprache“, 1850, „Chrestomathia palaeoslovenica“, 1854, „Lex Stephani Dušani“, 1856, „Chronica Nestoris“, 1860, „Lexicon palaeoslovenico-graeco-latinum“, 1862, „Etymologisches Wörterbuch der slavischen Sprachen“, 1886, um nur einige zu nennen). Seine intensive Rezeption der aufblühenden komparativen Sprachwissenschaft zeigt sich einerseits in seinen sprachvergleichenden Studien („Vergleichende Grammatik der slavischen Sprachen“, 4 Bde., 1852–73, daneben zahlreiche kleinere Beiträge zum Thema), andererseits aber auch an seinem Interesse an Sprachkontaktphänomenen („Die Fremdwörter in den slavischen Sprachen“, 1867, „Die slavischen Elemente im Magyarischen“, 1872, „Die slavischen, magyarischen und rumunischen Elemente im türkischen Sprachschatze“, 1889). Er war zudem einer der Ersten, der sich mit dem so genannten Balkansprachbund auseinandersetzte, d. h. mit dem Phänomen, dass die genetisch nicht verwandten Sprachen dieser Region auffällige strukturelle Gemeinsamkeiten aufweisen. Auch für die slawische Personen- und Ortsnamenforschung leistete er Bedeutendes („Die Bildung der slavischen Personennamen“, 1860, „Die Bildung der Ortsnamen aus Personenamen im Slavischen“, 1864, „Die slavischen Ortsnamen aus Appellativen“, 2 Bde., 1872–74). Nicht zuletzt im Zusammenhang mit seinem Interesse für die indogermanische Ursprache stehen schließlich Miklosichs Arbeiten zur Sprache der Roma („Über die Mundarten und die Wanderungen der Zigeuner Europaʼs“, 12 Tle., 1872–81).

Der Wissenschaftler als Citoyen

Wie bereits erwähnt, war Miklosich 1848/49 Mitglied des Reichstags, wo er sich als Gemäßigter für die politischen Interessen der Slowenen und eine Gymnasialreform einsetzte. 1861 wurde er als erster Professor der Wiener Universität zum Mitglied des Herrenhauses auf Lebenszeit ernannt. Dort gehörte er der Verfassungspartei an. Seine Weltanschauung könnte vielleicht mit den Stichworten altösterreichisch-patriotisch und katholisch umrissen werden, wobei er dennoch offen für Neuerungen war. Kulturell war er durchaus kosmopolitisch-europäisch ausgerichtet, seine Stammzeitung war das „Vaterland“. 1864 wurde er in den Adelsstand erhoben und zwei Jahre vor seinem Tod zum Wirklichen Geheimen Rat ernannt. Miklosich bzw. mehrere seiner Schüler waren auch aktiv an der Erstellung des so genannten Kronprinzenwerks („Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild“, 24 Bde., 1886–1902) beteiligt. Als dem Thronfolger 1884 das Ehrendoktorat der Wiener Universität überreicht wurde, kam Miklosich die Ehre zu, als Promotor der Delegation anzugehören, die das Diplom überbrachte. Auch wenn Miklosich äußerst staatstreu und deutschfreundlich agierte, blieb er mit dem slowenischen Raum doch besonders verbunden und zog zahlreiche Studenten aus seiner Heimat an, mit denen er jedoch auch außerhalb der Vorlesung angeblich meist Deutsch sprach. Nicht friktionsfrei war hingegen das Verhältnis der national gesinnten kroatischen studierenden Jugend Wiens zu Miklosich, die sich beispielsweise  an seiner Einteilung bzw. Klassifikation der kroatischen und serbischen Dialekte stieß und deshalb etwa den Feierlichkeiten zu seinem 70. Geburtstag demonstrativ fernblieb. Die Liste seiner Schüler, die später eine wissenschaftliche oder schriftstellerische Karriere einschlugen, ist lang. Darunter finden sich – neben dem bereits erwähnten von Jagić – so prominente Namen wie Alexander Brückner, Josip Jurčič, Mathias Murko, Maks Pleteršnik oder Karl Štrekelj.

Miklosichs wissenschaftliche Saat ging also auf und trug reiche Frucht. So war der Weg bereitet für eine Etablierung der universitären Slawistik als gleichberechtigter neuphilologischer Disziplin neben der Germanistik und der Romanistik.


Literatur: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas; Neue Deutsche Biographie; Österreichisches Biographisches Lexikon; Slovenski biografski leksikon; F. Adlgasser, Die Mitglieder der österreichischen Zentralparlamente 1848–1918, 2014; G. Neweklowsky, Franz Miklosich (1813–1891), 2015.


(Hubert Bergmann)

 

Wir danken dem Bildarchiv Austria der Österreichischen Nationalbibliothek für die Erlaubnis zur Veröffentlichung von Bildmaterial aus seinen Beständen.

Gedenktafel an Miklosichs Wiener Wohnhaus, Josefstädter Straße Nr. 11 (© H. Bergmann)
Die Miklosichgasse in Wien-Floridsdorf (© H. Bergmann)
Gedenktafel im Hauptgebäude der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien (© H. Bergmann)