Biographie des Monats Juni 2015

Josef Breuer  – Mitbegründer der Psychoanalyse

© Bildarchiv Austria, ÖNB

Am 25. Juni 2015 jährt sich der 90. Todestag von Josef Breuer. Der österreichische Physiologe, Internist und Philosoph prägte die Wiener medizinische Schule durch seine Erkenntnisse betreffend die Physiologie der Atmung, durch Forschungen auf dem Gebiet des Gleichgewichtssinns und legte gemeinsam mit dem um 14 Jahre jüngeren Sigmund Freud den Grundstein für die Entwicklung der Psychoanalyse. Freud betonte dazu stets: „Wenn es ein Verdienst ist, die Psychoanalyse ins Leben gerufen zu haben, so ist es nicht mein Verdienst. Ich war Student … als ein anderer Wiener Arzt, Dr. Josef Breuer, dieses Verfahren zuerst an einem hysterisch erkrankten Mädchen anwandte“.

Josef Breuer kam am 15. Jänner 1842 als Sohn des Religionslehrers der Israelitischen Kultusgemeinde Leopold Breuer (1791-1872) und dessen Gattin Bertha, geb. Semler, die aus einer jüdischen Seidenwarenhändlerfamilie stammte, in Wien zur Welt. Seine Mutter starb bei der Geburt des zweiten Kindes und so wurde seine Großmutter mütterlicherseits zur weiblichen Bezugsperson. Nach Privatunterricht bei seinem Vater und dem Besuch des Akademischen Gymnasiums, wo er 1858 maturierte, studierte er angeregt durch seinen Vater zunächst Nationalökonomie und Philosophie. 1859 entschied sich Breuer, der eigentlich von Kindesalter an Arzt werden wollte, dann für ein Medizinstudium an der Universität Wien, u. a. bei Ernst Wilhelm von Brücke, der sein Interesse für Physiologie weckte. Nach seiner Promotion zum Dr. med. 1864 vertiefte er seine Kenntnisse im Allgemeinen Krankenhaus in Wien und wirkte bis 1871 als Assistent von Johann von Oppolzer  an der II. medizinischen Universitätsklinik, wo er u. a. Forschungen zur Temperaturregelung sowie zur Atmung ausführte. Ab 1871 betrieb er eine Privatpraxis in Wien und avancierte rasch zu einem der bekanntesten Internisten der Stadt. Er zählte eine Reihe von berühmten Vertretern der Wiener Medizin zu seinen Patienten, darunter seinen Lehrer Brücke, Ernst von Fleischl-Marxow, Johann Freiherr Dumreicher von Österreicher, Theodor Billroth, Robert Gersuny, Rudolf Chrobak, Anton von Frisch und Moritz Kaposi, aber auch aus dem Wiener Gesellschaftsleben und dem gehobenen Bürgertum, wie etwa Marie Freifrau Ebner von Eschenbach, mit der er eine umfangreiche Korrespondenz führte, die 1969 auch publiziert wurde, Ernst Mach, Franz Brentano, Hugo Wolf, Johannes Brahms sowie die Familien Wertheimstein und Gomperz. 1875 habilitierte sich Breuer für Innere Medizin, 1877 erhielt er den Titel Dr. chir. Seine Lehrbefugnis legte er allerdings zehn Jahre später wieder zurück, da er den ärztlichen Beruf und die Verpflichtung der Lehre nicht zu verbinden vermochte, und weil ihm ohne Anstellung in einem öffentlichen Krankenhaus kein ausreichendes wissenschaftliches Demonstrations- und Anschauungsmaterial zur Verfügung stand.

Breuer als Wissenschaftler

Breuer war nicht nur durch seine umfangreiche medizinische Praxis rasch bekannt, sondern zeichnete sich auch als Wissenschaftler durch Vielseitigkeit und Gelehrsamkeit aus. Bereits 1868 entdeckte er gemeinsam mit dem Mediziner Ewald Hering an der medizinisch-chirurgischen Josephsakademie den Selbstregulierungsmechanismus der Atmung bei Säugetieren. Die Ergebnisse dieser Forschungen zum Nachweis, dass die Atembewegungen durch den Vagus Nervus gesteuert werden, erschienen als „Die Selbststeuerung der Athmung durch den Nervus vagus“ (in: Sitzungsberichte der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien, mathematisch-naturwissenschaftliche Classe 58, Abt. 2, 1868), sind noch heute als „Hering-Breuer-Reflex“ oder Lungendehnungsreflex bekannt und spielen eine bedeutende Rolle in der Behandlung von Schlaf-Apnoe.
Breuers zweite wissenschaftliche Leistung befasste sich, offensichtlich angeregt von dem Königsberger Physiologen Friedrich Goltz,  mit Untersuchungen zu Bau und Funktion der Bogengänge, ein Forschungsgebiet, das zur damaligen Zeit auch das Interesse von Ernst Mach geweckt hatte (Mach-Breuersche Strömungstheorie der Endolymphe). Ebenso untersuchte er die Funktion des Otolitenapparats und erkannte, dass dessen Aufgabe die Feststellung der Lage des Kopfes im Raum sowie die Wahrnehmung von geradlinigen Bewegungen ist. 1874 erschien Breuers anerkannte Arbeit „Ueber die Function der Bogengänge des Ohrlabyrinthes“ (in: Wiener Medizinische Jahrbücher 4), worin er die Theorie des Gleichgewichtssinns begründete, dessen peripherer Apparat in den Bogengängen untergebracht ist. Ein Jahr später publizierte er die Abhandlung „Beiträge zur Lehre vom statischen Sinne (Gleichgewichtsorgan, Vestibularapparat des Ohrlabyrinthes)“ (ebd. 5, 1875). Diese experimentellen Forschungen an Mensch und Tier sollten ihn sein gesamtes Leben begleiten. Seine letzte Arbeit auf diesem Gebiet erschien gemeinsam mit Alois Kreidl unter dem Titel „Ueber die scheinbare Drehung des Gesichtsfeldes während der Einwirkung einer Centrifugalkraft“ (in: Archiv für die gesamte Physiologie des Menschen und der Tiere 70, 1898).

Josef Breuer, Anna O. und Sigmund Freud

Josef Breuer zählt zu den Weggefährten Sigmund Freuds und war an dessen Ausarbeitung der psychoanalytischen Methode wesentlich beteiligt. Gemeinsam mit Freud publizierte Breuer grundlegende Forschungen zu Aphasia und Hysterie. Bekannt wurde Breuer vor allem durch die Behandlung der Frauenrechtlerin und Gründerin des Jüdischen Frauenbunds Bertha Pappenheim, alias Anna O., die ab Anfang der 1880er-Jahre zu seinen Patienten zählte. Anna O. litt an neurologischen und psychischen Störungen, darunter Lähmungserscheinungen, Aphasie, nervösem Husten und Nahrungsverweigerung. Oft wird sie in der Literatur auch als Patientin mit einem hysterischen Krankheitsbild beschrieben. Breuer selbst kommentierte die Symptome folgendermaßen: ich hatte „eine Kranke beobachtet, die … so eigentümliche Verlaufssymptome darbot, daß sich in mir die Überzeugung bildete, hier biete sich der Einblick in tiefere Schichten psychopathologischen Geschehens.“ Im Rahmen seiner Behandlungsmethoden wandte Breuer mitunter die Hypnose als Hilfe zum Sprechen und zur Erinnerung an das symptomauslösende Moment an. Wenn diese Erinnerungen reproduziert und die dabei auftretenden begleitenden Affekte abreagiert werden konnten, stellte Breuer fest, dass sich die Symptome seiner Patientin wesentlich verbesserten oder sogar verschwanden. Breuer wies auf die Bedeutung schwerer unausgeglichener seelischer Eindrücke für das spätere Entstehen von psychischen Erkrankungen hin und die Möglichkeit ihrer Heilung durch Gesprächstherapie sowie durch Hypnose, die er selbst als „kathartische Methode“, die Patientin Anna O., die zeitweise nur Englisch sprechen konnte, als „talking cure“ oder „chimney sweeping“ bezeichnete. Ausgehend von dem Fall Anna O. und weiterer Studien an Patienten sowie der Auswertung von Krankenmaterial entwickelten Breuer und Freud Grundlagen für die psychoanalytische Methode. Ihre Diskussionen erschienen 1893 als vorläufige Mitteilungen „Ueber den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene“ (in: Neurologisches Centralblatt 12) sowie 1895 als „Studien über Hysterie“ (4. Auflage 1922) und können zu Recht als Beginn der Psychoanalyse bezeichnet werden. Entgegen der in den Publikationen proklamierten vollständigen Heilung der Patientin Anna O., musste sich diese in den folgenden Jahren allerdings noch mehrmals stationären Behandlungen unterziehen.
Die anfängliche Freundschaft zwischen Freud und Breuer mündete jedoch in grundlegende Meinungsverschiedenheiten zu verschiedenen Theorien und Therapien. 1897 wurde die Zusammenarbeit endgültig beendet. Freud entwickelte die Psychoanalyse weiter, während sich Breuer der ärztlichen Praxis widmete.
Breuer war viele Jahre lang Vorstandsmitglied der Wiener jüdischen Gemeinde und erwarb sich insbesondere Verdienste um den Ausbau des Spitals der Kultusgemeinde, wo sein Sohn Robert als Primar tätig war. 1894 wurde er zum korrespondierenden Mitglied der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien gewählt, weiters war er ab 1898 im Verwaltungsrat der Gesellschaft der Ärzte tätig. Er starb am 20. 6. 1925 in Wien.
Breuer hinterließ seine Frau Mathilde, geb. Altmann, (1846-1931), die er 1868 geheiratet hatte und fünf Kinder. Robert Breuer (1869-1936), Berta Breuer, verheiratete Hammerschlag (1870-1962), Maragrethe Breuer, verehelichte Schiff, (1872-1942), die im Konzentrationslager Theresienstadt ums Leben kam, Dorothea Breuer, genannt Dora, (1883-1938), die aus Angst vor den Nationalsozialisten den Freitod wählte, Hans Breuer, der 1906 Katharina Mautner, die Tochter des Großindustriellen Isidor Mautner, heiratete. Auch Breuers Enkelin Hanna Schiff starb in nationalsozialistischer Gefangenschaft.
Breuers Leben bildet die fiktive Grundlage für Irvin D. Yalom’s Bestsellerroman „Und Nietzsche weinte“(1992 ), der 2007 auch verfilmt wurde.


Weitere Werke: s. Kreuter.


Literatur (Auswahl): Neue Freie Presse, 22. 6. 1925 (Parte); Erwin H. Ackerknecht, Josef Breuer 1842–1925, in: Neue Österreichische Biographie ab 1815, 15, 1923, S. 126-130 (mit Bild); Salomon Wininger, Große jüdische National-Biographie …. 1, 1925; Jüdisches Lexikon 1, 1927; H(ans) H(orst) Meyer, in: Almanach der Akademie der Wissenschaften in Wien 78, 1928, S. 216-220; Leopold Schönbauer, Das Medizinische Wien, 1947, s. Reg.; C. P. Oberndorf, Autobiography of Josef Breuer (1842-1925), in: International Journal of Psychoanalysis 34, 1953, S. 64-67; Karl König, Die Schicksale Sigmund Freuds und Josef Breuers, 1962; Erna Lesky, Die Wiener medizinische Schule im 19. Jahrhundert, 1965, s. Reg.; L. Zusne, Names in the history of psychology, 1975; Giorgi Pilleri - Josef Jakob Schnyder, Josef Breuer 1842–1925, 1983; Albrecht Hirschmüller, The life and work of Josef Breuer, 1989; Alma Kreuter, Deutschsprachige Neurologen und Psychiater 1, 1996 (mit Werksverzeichnis); Paul Leuzinger, Katharsis, 1997, S. 129-192; Josephinum, Sigmund Freud Privatstiftung, Universitätsarchiv, alle Wien.



(Daniela Angetter)