Biographie des Monats Jänner 2018

Tiroler „Volksbischof“, Schriftsteller und Maler: Bischof Dr. Reinhold Stecher (1921–2013)

Bischof Reinhold Stecher (© Bildarchiv Austria)

Vor fünf Jahren starb Reinhold Stecher, zweiter Bischof der Diözese Innsbruck, Schriftsteller und Maler. Mit seinem künstlerischen wie spirituellen Werk unterstützte er karitative Projekte im In- und Ausland; mit seinen Einstellungen zu Glaube und Gesellschaft gilt er bis heute für viele als leuchtendes Beispiel einer weltoffenen, selbstkritischen Kirche.

Die frühen Jahre

Reinhold Stecher wurde am 22. Dezember 1921 in Mühlau bei Innsbruck geboren. Zusammen mit den Eltern, Heinz Stecher, einem Germanisten und Landesschulinspektor, und Rosa Stecher (geb. Harpf), sowie seinen Brüdern Helmut (geb. 1918) und Gottfried (geb. 1925) lebte er in dem mehrstöckigen Haus Engergasse 108 (heute Anton-Rauch-Gasse), das 1908 vom Großvater väterlicherseits erbaut worden war. 1928, im Todesjahr Heinz Stechers, sahen sich seine Hinterbliebenen aus Geldknappheit gezwungen, in eine kleinere – aber leistbare – Wohnung in der Adamgasse 17 in Innsbruck zu übersiedeln. Zu dieser Zeit besuchte Stecher bereits die dritte Klasse Volksschule in der Fallmerayerstraße 7 und hatte Otto Neururer als Katecheten, der ihn mit seiner tiefen Begeisterung und Liebe für Jesus Christus ebenso nachhaltig ansteckte, wie er ihn später als Märtyrerpriester unter dem Naziregime faszinierte, weswegen er auch seine Seligsprechung (1996) als Bischof von Innsbruck voll unterstützte: „Ich bin davon überzeugt – Tirol braucht eine Leitfigur, einen Helden, einen Fürbitter, wie Pfarrer Neururer. Wir brauchen einen, der die Tiroler zwischen Autobahn und Schilift, zwischen Parkplätzen und Diskotheken, zwischen Übernachtungsziffern und Banknoten an den geheimnisvollen, unendlichen, gütigen Gott erinnert, der unser Anfang und unser Ende ist.“

Theologiestudium und Zweiter Weltkrieg

Stechers Hinwendung zum Heiligen kam nicht von ungefähr: Der katholische Glaube war in seiner Familie tief verankert und die Teilnahme am Kirchenleben eine zwanglose Selbstverständlichkeit. Dennoch traf Stecher die Entscheidung, Theologie zu studieren, um Geistlicher zu werden, erst in einem zweiten Schritt, wollte er zuvor doch, wie sein Vater, von dem er die Leidenschaft für Literatur und Sprache geerbt hatte, Germanist werden. Die erschütternden Erlebnisse, die er nach der Matura (1939) am Gymnasium Angerzellgasse im so genannten „Reichsarbeitsdienst“ machte, die gnadenlose und mörderische Brutalität gegenüber der jüdischen Bevölkerung von Innsbruck sowie die zahllosen Aufhebungen und Plünderungen von Klöstern und Ordensgemeinschaften in ganz Tirol durch den äußerst kirchenfeindlichen Gauleiter Franz Hofer formten in dem Achtzehnjährigen ein neues Bewusstsein und den festen Wunsch, ins Priesterseminar einzutreten. Dieses musste von Bischof Paulus Rusch damals mehrfach an verschiedene Orte verlegt werden, um eine möglichst störungsfreie Ausbildung der Studenten zu gewährleisten, da es Hofers oberstes Ziel war, Hitler zu dessen fünfzigstem Geburtstag einen „pfaffenfreien“ Gau Tirol-Vorarlberg zu präsentieren. Dementsprechend scharf war auch die Überwachung durch die Gestapo, welche schon auf den kleinsten Verdacht hin Verhaftungen vornahm.

Ein solcher Verdacht fiel schließlich auch auf den jungen Reinhold Stecher, dem vorgeworfen wurde, sich mit anderen an der Organisation und Durchführung einer strikt verbotenen Wallfahrt nach Maria Waldrast im Wipptal beteiligt zu haben. „Im Zusammenhang mit der Aufhebung des Klosters Maria Waldrast und der Sperre der beliebten Wallfahrtskirche schlägt auch unsere Stunde, meine und die meiner Freunde im Priesterseminar. Es findet eine Protestwallfahrt mit mehreren hundert Personen aus dem Wipp- und Stubaital statt, die demonstrativ vor der verschlossenen Kirche den Rosenkranz beten. Das war noch nie da gewesen. Am nächsten Tag schlägt die Gestapo zu: Etwa sechzig werden verhaftet, einen Kern behält man“, so Stecher in seinen Erinnerungen. In der Folge wurde Reinhold Stecher in der Gestapo-Zentrale in der Innsbrucker Herrengasse 1 als „politischer Gefangener“ inhaftiert, tagelang in Isolationshaft gesteckt und stundenlang verhört, danach ins Landesgerichtliche Gefangenenhaus überstellt und schließlich ins Polizeigefängnis in der Adamgasse verlegt, von wo aus die „Transporte ohne Wiederkehr“ nach Dachau und Buchenwald abgingen. Allein wegen der Intervention von Bischof Rusch bei den zuständigen Stellen in Innsbruck und Berlin wurde Stechers Name von der Deportationsliste gestrichen und sein Leben gerettet, wenn auch nur, um es wenige Wochen später an der Front erneut äußerster Gefahr auszusetzen.

Stecher nahm als Funker unter anderem an der Schlacht am Ilmensee im Kessel von Demjansk teil, wo seit Anfang 1942 rund 100.000 deutsche Soldaten von der Roten Armee eingeschlossen waren. Am Karfreitag desselben Jahres durchschlug die Kugel eines sibirischen Scharfschützen seinen linken Unterarm und er wurde nach Kaunas in Litauen ins Lazarett eingeliefert, wo er sich mit dem Wolhynischen Fieber (Schützengrabenfieber) ansteckte, was ihn wiederum für einige Wochen vom Kampfeinsatz fernhielt. Bald nach seiner Genesung kehrte Stecher zu seiner Einheit zurück, die sich zu dieser Zeit in der Nähe des Weißen Meers in Nordrussland aufhielt. Von hier aus begann ein 3.600 Kilometer langer Marsch über die eisigen Flächen von Finnland, Lappland und Norwegen, währenddessen noch diverse Abwehrkämpfe gegen die Sowjetarmee geführt wurden, ehe Deutschland am 9. Mai 1945 kapitulierte.

Nach den überstandenen Strapazen geriet Stecher am Trontheimfjord zuerst in englische Kriegsgefangenschaft, bevor er im Laufe der zweiten Hälfte des Jahrs 1945 nach Innsbruck zurückkehrte und anfangs tastend, dann aber voller Zuversicht an sein abgebrochenes Theologiestudium anschließen konnte: „Ich hatte meinen Berufswunsch [Priester zu werden, M. K.] durch die ganze Zeit hindurch getragen – ich weiß nicht, warum das ganze Chaos rundherum diese Absicht nie in Frage stellen konnte. Das entscheidende Gewicht hatte wohl eine gewisse Ergriffenheit vom Heiligen und das Bedürfnis, dem Menschen zu dienen – und das alles auf dem Hintergrund eines unmenschlichen Staates und der Schrecken des Krieges“, so Stecher.

Seelsorger und Pädagoge

Am 19. Dezember 1947 wurde Reinhold Stecher zusammen mit seinem älteren Bruder Helmut von Bischof Rusch zum Priester geweiht. Ab 1949 arbeitete er als Präfekt im Bischöflichen Knabenseminar Paulinum in Schwaz, von wo aus er auch die umliegenden Gemeinden seelsorgerisch zu betreuen hatte, und verteidigte 1951 an der Innsbrucker Universität seine Dissertation „Darstellung und Begriff der persönlichen Weisheit in den Proverbien“ u. a. vor dem weltberühmten Konzilstheologen Karl Rahner SJ, dem er in großer Bewunderung lebenslang verbunden blieb. 1956 begann er schließlich als Religionsprofessor an der Lehrerbildungsanstalt in Innsbruck zu unterrichten, auf dem Posten, der für ihn ein Vierteljahrhundert später überraschend zum „Sprungbrett“ ins Bischofsamt werden sollte.

Als Reinhold Stecher durch den Apostolischen Nuntius in Österreich, Erzbischof Mario Cagna, von der auf ihn gefallenen Wahl erfuhr, die auch vom scheidenden Bischof Rusch unterstützt wurde, wollte er in einer ersten Reaktion eigentlich ablehnen. Er begründete dies damit, dass er noch in keiner leitenden Position und schon gar nicht in einer mit so großer Verantwortung tätig gewesen war, wobei er jedoch übersah, dass gerade sein jahrzehntelanges Wirken an der Basis, in der Lehrerausbildung, Generationen von Religionspädagogen geprägt hatte, welche wiederum in seinem Stil ihre Schüler unterrichteten und er dadurch einen breiten Rückhalt in der Bevölkerung besaß. Stecher rückblickend dazu: „Zwei Stunden hat der Nuntius versucht, mich zu überzeugen. Als er dann sagte, dass ich gemäß einer Befragung größtes Vertrauen besitze, habe ich schließlich doch Ja gesagt.“

Tiroler Volksbischof

Somit wurde Reinhold Stecher am 25. Jänner 1981 im Dom zu St. Jakob nach allgemeinem Wunsch zum zweiten Diözesanbischof von Innsbruck geweiht. Als seinen Leitspruch hatte er sich „Servire et confidere“ („Dienen und vertrauen“) auserkoren, wodurch sowohl sein primäres Amtsverständnis als auch seine Gottergebenheit und Glaubenstiefe zum Ausdruck kamen. Beide Seiten sollte er in den folgenden sechzehn Jahren immer wieder und vor allem authentisch zu ihrem Recht kommen lassen, worin wohl der Grund für seine Beliebtheit und wahrscheinlich auch für seinen Erfolg als spiritueller Autor liegt.

Besonders verdient gemacht hat sich Bischof Reinhold Stecher um die Aussöhnung mit dem Judentum, indem er 1985 unter Bezugnahme auf das Zweite Vatikanische Konzil (1962–65) und dessen Erklärung „Nostra aetate“, welche die Haltung der Katholischen Kirche zu den nichtchristlichen Religionen neu geordnet hatte, den antisemitischen sog. „Anderl-Kult“ rund um eine Ritualmordlegende in der Umgebung von Rinn (Bezirk Innsbruck-Land) verbot, woraufhin eine Reihe weiterer Schritte der Annäherung zwischen der Ortskirche und der Jüdischen Kultusgemeinde möglich wurden, etwa der Neubau der Synagoge in Innsbruck (1991–93) oder die Errichtung einer Gedenkstätte am alten jüdischen Friedhof in Mühlau (2007–09).

Stechers Popularität half ihm bei der Umsetzung einer Vielzahl von karitativen Projekten, die er auch nach seinem Rücktritt 1997 weiterhin tatkräftig unterstützte und welche inzwischen von einem Gedächtnisverein in seinem Namen fortgeführt werden. Vor allem seine Bilder (Aquarelle und Karikaturen), die einerseits von der großen Beobachtungsgabe und andererseits vom entlarvenden Humor des Tiroler Bischofs zeugen, aber auch die posthum veröffentlichten Texte aus dem Nachlass Stechers, dessen zu Lebzeiten erschienene Bücher über die Landesgrenzen hinaus reißenden Absatz fanden, kommen diesen Bemühungen im Sinne ihres geistigen Vaters bis heute zustatten.

Als Bischof Reinhold Stecher am 29. Jänner 2013 unerwartet starb, war die Anteilnahme dementsprechend groß und die Begräbnisfeierlichkeiten, welche vier Tage später im Innsbrucker Dom stattfanden, wurden zum „Triumphzug“ eines langen, erfüllten Lebens – erfüllt nicht zuletzt von der Liebe zu seinem Land und dessen Menschen.


Werke: Liebe ohne Widerruf, 1981; Botschaft der Berge, 1986; Heiter-besinnlich rund um den Krummstab, 1991; Ein Singen geht über die Erde, 1993; Geleise ins Morgen, 1995; Fröhlich und ernst unter der Mitra, 1997; Spätlese, 2013; Nachlese, ed. P. Ladurner, 2013; Alles hat seine Zeit, ed. P. Ladurner, 2014; Mit gläubigem Herzen und wachem Geist. Begegnungen mit Land und Leuten, ed. K. Egger 2014; Herzworte, ed. P. Jungmann, 2017.


Literatur: Dank an Reinhold Stecher. Perspektiven eines Lebens. Festgabe zum 80. Geburtstag, ed. A. Batlogg – K. Egger, 2002; Notae. Historische Notizen zur Diözese Innsbruck, ed. M. Kapferer, 2014; M. Kolozs, Bischof Reinhold Stecher. Leben und Werk, 2015; M. Kolozs, Zur höheren Ehre. Die Tiroler Priesterdichter Reimmichl, Bruder Willram, Josef Weingartner und Reinhold Stecher, 2017.

(Martin Kolozs)

Wir danken dem Bildarchiv Austria für die kostenlose Überlassung von Bildmaterial.

Der Dom zu St. Jakob in Innsbruck, die Bischofskirche der Diözese Innsbruck (© H. Bergmann)
Die bischöfliche Residenz am Innsbrucker Domplatz (© H. Bergmann)
Seit Herbst 2013 trägt der Platz vor der Neuen Universitätskirche in Innsbruck den Namen Stechers (© H. Bergmann)