Hagiographische Texte und Predigten im frühen Mittelalter

Die Überlieferung Hagiographischer Texte in Bayern im 8. und 9. Jahrhundert 

1. Identität und Heiligkeit im frühmittelalterlichen Bayern

Das Projekt untersuchte die im Bayern des 8./9. Jahrhunderts überlieferten hagiographischen Sammlungen in ihrem jeweiligen Kontext. Auf der Grundlage von B. Bischoffs Handschriftenlisten wurde ein systematischer Überblick darüber erarbeitet, wie hagiographische Texte in Handschriften gesammelt und überarbeitet wurden. Einige dieser HS wurden genauer untersucht, um Erkenntnisse über Ziel und Methode hagiographischer Kompilationen jener Zeit zu gewinnen.

Diese Untersuchung ermöglichte neue Einblicke in die Rolle des Heiligen in der Gesellschaft, in die politische Funktion bestimmter Heiliger und in die kulturellen Modelle, die in der frühmittelalterlichen Hagiographie propagiert wurden. Daraus ergaben sich neue Einsichten, warum und in welcher Form die spätantike und merowingische Hagiographie erhalten blieb, und was im Zuge der Überlieferung verändert wurde. Zugleich ergaben sich Einblicke in die Haltungen und spezifischen Interessen, die bayerische Skriptorien veranlassten, diese Texte so und nicht anders abzuschreiben oder zu verändern. Die hagiographischen Kompilationen halfen dabei, die Identitäten klösterlicher und kirchlicher Gemeinschaften zu unterstreichen, und beeinflussten darüber hinaus die soziale Erinnerung in den aristokratischen Netzwerken, die sie unterstützten. Das Projekt erlaubte also durch eine innovative Fragestellung neue Erkenntnisse über Gesellschaft und Kultur des Frühmittelalters in unserem Raum, die auch darüber hinaus methodisch von Bedeutung sind.

 

2. Predigt und Hagiographie im frühmittelalterlichen Bayern

In der Folge wurden weitere Texte, Predigten und apokryphe Apostelakten, in die Forschungen einbezogen und deren teilweise gemeinsame Überlieferung in Handschriften aus dem bayerischen Raum untersucht. Schwerpunkte bildeten die „Salzburger Sermones-Sammlung“, die „Bayerische Sermones-Sammlung“, und die sog. Pseudo-Bonifatianische Sammlung. Ihre Entstehung, Verbreitung und Gebrauch wurde im Vergleich mit anderen Sammlungen hinsichtlich politischer Entwicklungen in Bayern, der Rolle der weltlichen und geistlichen Eliten im Zusammenhang mit der Mission und der Vermittlung einer neu etablierten karolingischen Ordnung untersucht. Die Ergebnisse zum Nutzen und Gebrauch von Predigten in der karolingischen Gesellschaft um 800 wurden in der Habilitationsschrift „Sermones. Predigt und Politik im frühmittelalterlichen Bayern“ dargelegt, die im März 2011 an der Universität Wien angenommen wurde.