Musikdiskurse in den Randzonen der Habsburgermonarchie (ca. 1750–1914)

Das Projekt basiert auf der Analyse des über Musik Geschriebenen, insbesondere den Berichten über das musikalisch-kulturelle Leben sowie über die Konzert- und Theatergastspiele, die in den Zeitungen der Region entlang der südlichen Militärgrenze der Habsburgermonarchie in deutscher („Esseker Lokalblatt und Landbote“, „Slawonische Presse“ in Slawonien; „Groß-Becskereker Wochenblatt“, „Pancsovaer Wochenblatt“, „Banater Post“ im Banat), in serbischer („Glas“, „Pančevac“), in kroatischer („Virovitičanin“, „Sriemski Hrvat“) und ungarischer Sprache („Torontál“) erschienen sind. Einbezogen werden ferner Festschriften von Gesangvereinen und Theatern, Einführungstexte zu musikalischen Aufführungen, Bücher über Musik sowie die frühesten professionellen Musikzeitschriften (u. a. „Gudalo“) und die Schriften über Musik von den ersten professionellen Musikwissenschaftlern (u. a. Franjo Kuhač), sofern sie in den Städten an der südlichen Grenze des Reiches entstanden und erschienen sind. Dieser besonders geschützte Grenzraum, in dem die Slawonische (1747–1881) und die Banater (1751–1873) Militärgrenze zum Schutz des Imperiums vor den osmanischen Militäroperationen errichtet wurden, ermöglichte einen vielschichtigen Kulturtransfer mit dem entfernten Zentrum des Reiches (Wien), mit den lokalen Zentren der königlichen Freistädte Pannoniens und zwischen den wichtigsten Städten diesseits wie jenseits der Grenze zum Osmanischen Reich. 

Es wird davon ausgegangen, dass die Schriften über Musik in dem multiethnisch, mehrsprachig und multireligiös (christlich-katholisch, christlich-orthodox, protestantisch, jüdisch) komplexen südlichen Grenzgebiet entlang des unteren Donauraums eine Vielfalt an kosmopolitischen, imperialen, panslawischen und nationalen Narrativen enthalten, die die durch das Netzwerk kultureller und administrativer Institutionen operierenden Machtmechanismen offenbaren. Primäre Quellen wie die oben erwähnten zeitgenössischen Texte sowie historische Dokumentationen zum Musikleben entlang der Militärgrenze sind in den Archiven des Museums von Slawonien und in den Stadtarchiven von Osijek und Pančevo, wo sich die Magistrate in den Grenzzonen befanden, erhalten. Sie erlauben einen umfassenden Überblick über die verschiedenen Formen des Nationalismus im imperialen Kontext (im Habsburgerreich lebende Deutsche und Kroaten) ebenso wie in der Diaspora (Serben, die beiderseits der Grenze zwischen dem Habsburgerreich und dem Osmanischen Reich lebten), unter Einschluss von Formen des Panslawismus respektive Austroslawismus. Diese Materialien werden in einem theoretischen Rahmen analysiert, der auf Machtverhältnisse und auf Konstruktion von Volkssprachen zielt sowie ein herkömmliches Verständnis von Identität hinterfragt, um tiefere Einblicke in kulturelle Praktiken auch jenseits der dominanten Nationalismuskonzepte zu erlangen. Auf diese Weise werden auch nationale Ansätze und die durch die heute bestehenden Territorien bedingten, zwangsläufig fragmentierten Sichtweisen hinterfragt und durch einen innovativen Zugang ersetzt, der vielschichtige imperiale und nationale Standpunkte als Grundlage von Formen der Selbst-Repräsentation freilegt. Dies gilt für die nationalen Gemeinschaften ebenso wie für die zahlreichen Minderheiten, wobei auch die kulturellen und musikalischen Aktivitäten der Siedler im Gebiet zwischen den beiden Imperien, sei es der Slawen (Serben, Kroaten, Slowaken), sei es der Ungarn, Deutschen, Rumänen und Juden in den Blick genommen werden.