06/13/2019

Vom Märtyrer zum Brückenheiligen

Kein anderer Heiliger prägte die europäische Sakrallandschaft so sehr wie der 1729 heiliggesprochene Johannes von Nepomuk. Noch heute erinnern unzählige Skulpturen und Kapellen an Wegkreuzungen und Brücken an den böhmischen Märtyrer, der als „Brückenheiliger“ in das kollektive Gedächtnis eingegangen ist. Auch in Wien entstanden seit dem frühen 18. Jahrhundert zahlreiche Nepomuk-Denkmale, viele sind jedoch aus dem Stadtraum verschwunden. Diesen verlorenen Kunstwerken nachzuspüren hat sich ein aktuelles Forschungsprojekt des IKM zum Ziel gesetzt.

Als Johannes von Nepomuk am 19. März 1729 – nur wenige Jahre nach seiner Seligsprechung 1721 – in Rom heiliggesprochen wurde, zählte er längst zu den bekanntesten und beliebtesten Heiligen des Barock. Die Verehrung des böhmischen Märtyrers setzte bereits mit seinem Tod im 14. Jahrhundert ein, nachdem er auf Befehl von König Wenzel von der Prager Karlsbrücke in die Moldau gestürzt worden war. Bis ins frühe 18. Jahrhundert verbreitete sich der Nepomuk-Kult in ganz Mitteleuropa und fand als extrem breitenwirksames Phänomen bei sämtlichen Bevölkerungsschichten Anklang. Gläubige riefen den Heiligen in vielerlei Belangen an, doch erlangte er aufgrund seines Martyriums vor allem als „Brückenheiliger“ große Bekanntheit. Die Kanonisierung forcierten böhmische Eliten, Jesuiten und nicht zuletzt Kaiser Karl VI. und seine Frau Elisabeth Christine. Diese trug ein Bildnis des hl. Johannes von Nepomuk stets bei sich und verschenkte mit Vorliebe kleine, mit Diamanten verzierte Bilder des Märtyrers.

Die Kanonisierung legitimierte die bereits bestehende Verehrungstradition und verhalf dem Kult zu erheblichem Aufschwung. Auch in Wien stieß der „neue“ Heilige auf große Begeisterung. Hier wurde gerade rund um seine Selig- und Heiligsprechung eine Vielzahl an Skulpturen, Kapellen und Altarbildern des hl. Johannes von Nepomuk geschaffen. Wie Mathias Fuhrmann in seiner Historischen Beschreibung der Residenzstadt Wien 1767 ausführt, sei „fast kein Kirche, oder Capelle in Wien zu finden, die nicht mit Statuen, auch theils mit kostbaren Altären dieses Heiligen pranget.“

Auch im Stadtraum war der hl. Johannes von Nepomuk allgegenwärtig, seine Statuen fanden sich vorwiegend an Wegkreuzungen, bei Brücken und Mautstellen. Eine der ersten Nepomuk-Kapellen in Wien errichtete der Magistrat der Stadt Wien um 1725 auf der Hohen Brücke unweit des damaligen Rathauses. Nur durch Druckgrafiken und zeitgenössische Beschreibungen ist das Aussehen dieses heute nicht mehr existierenden Sakralraumes, der ein Zentrum der städtischen Nepomuk-Verehrung war, überliefert. Neben den zahlreichen Bildnissen des Heiligen im Stadtraum und in den Sakralräumen entstanden ab 1729 beinahe an allen Toren des Linienwalls – einer Befestigungsanlage, die die Vorstädte Wiens umschloss – Statuen des Heiligen, die später durch kleine Kapellen ersetzt wurden und heute weitgehend nicht mehr bestehen.

Der Heiligenfesttag wurde am 16. Mai jährlich mit Andachten, Predigten, Oratorien und Litaneien bei den verschiedenen Nepomuk-Denkmalen begangen. Im Mai 1730, als in Wien aufgrund der im Jahr zuvor erfolgten Kanonisierung unzählige Festlichkeiten stattfanden, zierte die Kapelle auf der Hohen Brücke eine besonders aufwändige Dekoration nach einem Entwurf des kaiserlichen Architekten Antonio Beduzzi. Zu beiden Seiten schmückten Figuren und Bilder eine ephemere Architektur, die mit 1.000 sternförmigen Lampen acht Tage hindurch beleuchtet war. Auf zwei ebenfalls eigens aufgerichteten Säulen waren dem hl. Johannes von Nepomuk als „allgemeinen Wienerischen Schutz und Haus=Patron“ Gedichte des kaiserlichen Hofpoeten Johann Karl Newen von Newenstein gewidmet.

2021 wird das 300-jährige Jubiläum der Seligsprechung des hl. Johannes von Nepomuk begangen. Ein derzeit an der Abteilung Kunstgeschichte des IKM von Stefanie Linsboth durchgeführtes und von der Stadt Wien (MA 7 – Kultur, Wissenschafts‐ und Forschungsförderung) finanziertes Projekt nimmt dieses Jubiläum zum Anlass für die Frage, wie der böhmische Märtyrer im 18. Jahrhundert zu einem „Schutzpatron Wiens“ wurde und welche Rolle den unterschiedlichen Bildmedien in diesem Prozess zukam.