01/21/2016

Unbekannte Wappenscheibe Erzherzog Ferdinands II. (1574)

Es ist ein seltenes Glück, wenn historische, der Forschung bislang unbekannte Glasgemälde heute noch im Kunsthandel „auftauchen“: Im Frühsommer 2015 bot das Auktionshaus im Kinsky bei seiner 107. Kunstauktion eine kunsthistorisch überaus bedeutende Wappenscheibe Erzherzog Ferdinands II. aus Privatbesitz an. Über Vermittlung des Österreichischen Nationalkomitees des Corpus Vitrearum am IKM der ÖAW sowie des Bundesdenkmalamtes (Landeskonservatorat Tirol) konnte diese wertvolle Scheibe dank der Landesgedächtnisstiftung der Tiroler Kulturabteilung erworben werden, um künftig der Öffentlichkeit zugänglich zu sein.

Am 20. Jänner 2016 erfolgte die feierliche Überreichung der Wappenscheibe durch Herwig van Staa, Präsident des Tiroler Landtages und Vorsitzender des Kuratoriums der Landesgedächtnisstiftung, an Veronika Sandbichler, Direktorin von Schloss Ambras, wo das Glasgemälde nun als Dauerleihgabe zu sehen ist. Im Rahmen dieser Feier betonte Christina Wais-Wolf, Leiterin des Projektes „Corpus Vitrearum – Medieval and Modern Stained Glass in Austria“ am IKM der ÖAW, die Bedeutung der Wappenscheibe für die Glasmalerei des 16. Jahrhunderts. Bei ihrem Vortrag ging sie insbesondere auf habsburgische Stiftungen in Tirol ein, denn im Zeitalter der Renaissance traten nicht nur Kaiser Maximilian I. (1459–1519) und Ferdinand I. (1503–1564) als Auftraggeber von Glasgemälden hervor, sondern auch dessen Sohn Erzherzog Ferdinand II. (1529–1595).

Die Vorliebe Erzherzog Ferdinands II. für Glasgegenstände aller Art ist gemeinhin bekannt. Dazu zählen v. a. die bekannten Hohlgläser seiner Ambraser Kunst- und Wunderkammer. Glasgemälde aus seiner Regierungszeit sind dagegen weitgehend verloren, obwohl er sie zahlreich an verschiedene Orte Tirols und der habsburgischen Vorlande stiftete. Die neu erworbene Wappenscheibe zählt somit zu den ganz seltenen Beispielen erhaltener Glasgemälde aus der Zeit Ferdinands II., und kaum ein Ort eignet sich besser für ihre dauerhafte Präsentation als Schloss Ambras, das der Erzherzog zum Renaissanceschloss ausbauen ließ und als Aufbewahrungsort für seine Sammlungen bestimmte. Die Datierung der Scheibe 1574 verweist auf jenes Jahr, in dem Ferdinand II. nachweislich zwei Wappenscheiben in die Pfarrkirche St. Oswald von Seefeld stiftete. Das eher kleine Format der nun aufgetauchten Scheibe spricht für die ursprüngliche Nahsichtigkeit innerhalb eines Raumes, wie dies in der Heiligenblutkapelle der Seefelder Pfarrkirche der Fall gewesen wäre. Daher liegt die Vermutung nahe, dass die Wappenscheibe ursprünglich aus Seefeld stammt.

Das Glasgemälde zeigt das sogenannte „Große Wappen“ des Erzherzogs, ein Sammelwappen, das auf die damaligen Herrschaftsansprüche der österreichischen Linie der Habsburger verweist. Umrahmt von der Collane des Ordens vom Goldenen Vlies und bekrönt vom Erzherzogshut finden sich u. a. die Wappen von Alt-Ungarn (rot-silberne Querbalken) und Böhmen (Löwe auf rotem Grund) aber auch jene der Steiermark (Panther auf grünem Grund), Kärntens (schwarze Löwen vor silbernem Balken) und Krains (blauer Adler). Der Mittelschild vereint die Wappen von Kastilien (goldener Zinnenturm auf rotem Grund), Tirol (roter Adler), Österreich unter der Enns (goldene Adler auf blauem Grund) und Habsburg (roter Löwe auf goldenem Grund). Der Herzschild im Zentrum setzt sich aus dem österreichischen Bindenschild und dem Wappen Burgunds zusammen. Diese Ansprüche macht auch die Inschrift deutlich: Ferdinannd Von Gottes Genaden Ertzhertz=/og zu Österreich Hertzog zu Burgundi zu / Steÿr Kärendten Craÿn Vnd Würtemberg / Gefürsster Graf zu Tÿrol Vnd Habspurg.

Die Scheibe befindet sich in einem hervorragenden Erhaltungszustand und weist nur wenige kleine Ergänzungsstücke auf. Entsprechend der technischen Möglichkeiten der Glasmalereikunst im 16. Jahrhundert finden sich neben der innenseitig aufgetragenen Schwarzlotmalerei außenseitig blaue Schmelzfarbenmalerei sowie Silbergelb, die etwa beim steirischen Wappenschild durch den kombinierten Auftrag die Farbe Grün entstehen lassen. Die roten Überfanggläser sind außenseitig ausgeschliffen.

Die Freude über den Erwerb dieses Glasgemäldes ist groß, da die Scheibe in besonderer Weise das Wissen rund um renaissancezeitliche Glasmalereistiftungen nicht nur in Tirol, sondern in ganz Österreich komplettiert.