07/20/2016

Glasmalerei durch alle Zeiten

Zwei jüngst stattgefundene Highlights aus dem Bereich der Glasmalereiforschung führen die Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Bearbeitung erhaltener Glasgemälde ohne zeitliche Grenzen vom Mittelalter bis in die Gegenwart deutlich vor Augen: Das IKM-Projekt Corpus Vitrearum liefert wichtige Impulse in diese Richtung.

Drei renaissancezeitliche Glasgemälde, die Ende 2014 nach einer langen Odyssee an ihrem ursprünglichen Standort in der Stadtpfarrkirche von Steyr (Oberösterreich) wieder eingesetzt werden konnten, zählen zu den Meisterwerken österreichischer Glasmalerei des 16. Jahrhunderts. Die Wiederkehr der farbigen Glaskunstwerke fand auch bei der örtlichen Bevölkerung so großen Anklang, dass der Österreichische Philatelistenverein St. Gabriel bei der Österreichischen Post AG eine Sonderbriefmarke mit dem besonders attraktiven Motiv der „Strahlenkranzmadonna“ anregte. Sowohl die Rückkehr der drei wiedergewonnenen Glasgemälde als auch das Erscheinen der Sonderbriefmarke wurden bei einem Festakt am 17. Juni 2016 – Landeshauptmann Dr. Josef Pühringer sprach die Grußworte – gefeiert. Christina Wais-Wolf, Leiterin des IKM-Projektes Corpus Vitrearum – mittelalterliche und neuzeitliche Glasmalerei in Österreich betonte, dass „Glasgemälde erst im Wissen um ihren ursprünglichen Entstehungsort in ihrem historischen und kunsthistorischen Kontext verstanden und analysiert werden können.“

Ein wichtiger Meilenstein in Richtung einer zeitlichen Ausweitung der Glasmalereiforschung bis in die Gegenwart wurde bei der Anfang Juli 2016 stattgefundenen 28. Internationalen Tagung des Corpus Vitrearum in Troyes (Frankreich) gelegt. Nach einem vierjährigen Diskurs, den Christina Wais-Wolf und Günther Buchinger bei der 26. Internationalen Tagung an der ÖAW in Wien 2012 von Seiten des österreichischen Nationalkomitees mitinitiierten, wurden nun modifizierte Richtlinien zur Edition der Corpus Vitrearum-Publikationen verabschiedet. Erstmals in der 65-jährigen Geschichte dieses internationalen Forschungsprojekts der Kunstgeschichte, das sich ursprünglich der Dokumentation mittelalterlicher Glasmalerei verschrieben hatte, wurde die Basis für eine vereinheitlichte Bearbeitung sämtlicher Glasmalereien vom Mittelalter bis in die Gegenwart gelegt. Welche Fülle und Diversität die Glasmalereibestände nach 1800 bieten, veranschaulichten auch die Vorträge bei der Tagung in Troyes: Unter dem Generalthema „Glasmalerei im privaten Wohnsitz“ präsentierten europäische und amerikanische Mitglieder des Corpus Vitrearum Glasmalereiausstattungen bedeutender Glasmalereiwerkstätten des 19. und 20. Jahrhunderts, die oftmals im Auftrag von Adel und Großbürgertum arbeiteten. Besonderes Interesse riefen jene Vorträge hervor, die bislang unbekannten und der Öffentlichkeit in der Regel auch unzugänglichen Standorten gewidmet waren.