11/21/2016

Franz Joseph, der "Medienkaiser"

Am 21. November jährte sich der Tod Kaiser Franz Josephs zum 100. Mal. Sein Mythos ist nach wie vor ungebrochen. Mit der Frage wie dieser Mythos in Bild und Ton inszeniert wurde, beschäftigen sich die ÖAW-Wissenschaftler Werner Telesko und Stefan Schmidl.

Franz Joseph ist überall: Für keinen anderen Kaiser wurden zu Lebzeiten und darüber hinaus so viele Bilder und Tonwerke geschaffen. Manche spiegeln seine Macht als Herrscher wider oder als Feldmarschall in seiner Funktion als Oberbefehlshaber über das österreichisch-ungarische Militär. Eine Vielzahl dieser Medien inszeniert den Kaiser jedoch als sakrale Figur, als Retter und als Heilsbringer. Mit dem „heiligen“ Kaiser befasst sich am 21. November 2016 – also exakt hundert Jahre nach dem Tod Franz Josephs – ein Workshop des Instituts für kunst- und musikhistorische Forschungen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Dort wird auch ein neues Buch von Werner Telesko und Stefan Schmidl vorgestellt, das sich ebenfalls dem verklärten Herrscher widmet.

Im Gespräch erklären der Kunsthistoriker Telesko und der Musikwissenschaftler Schmidl, wie Franz Joseph I. zum Medienkaiser wurde, wer für sein Image zuständig war und warum ein Obersthofmeister noch lange keinen Spin-Doktor macht.

Wie trat die sakrale Inszenierung Kaiser Franz Josephs zutage?

Werner Telesko: Aus Sicht der bildenden Kunst war einer der Höhepunkte das Begräbnis des Kaisers im Jahre 1916. Wenn man sich die grafischen Produkte im Feuilleton ansieht, wird deutlich, dass das Christliche in diesem Zusammenhang eine ganz zentrale Rolle spielt. Hier kam es nicht darauf an, den Kaiser als politische Figur zu zeichnen – das war nebensächlich. Vielmehr konzipierten Text und Bild die Darstellung eines Heilands und Retters.

Und wie war das in der Musik, Herr Schmidl?

Stefan Schmidl: Man muss vorausschicken, dass man für Musik nicht das Moment der Abbildlichkeit feststellen kann wie im Falle bildender Kunst. Den Kaiser musikalisch zu repräsentieren, hieß also, seine Aura mit unverwechselbaren klanglichen Mitteln zu erfinden. Hier sollte man außerdem die neuen Rahmenbedingungen der Vermittlung berücksichtigen, die für das 19. Jahrhundert gelten, und die sich in der musikalischen Evokation des Kaisers widerspiegeln – vor allem die Wirkmacht der populären Musik, also Operetten, Lieder, nicht zuletzt Wienerlieder. Daneben gibt es aber noch die alte Volkshymne Joseph Haydns, die zwar nicht für Franz Joseph geschrieben worden war, die sich aber vor allem mit ihm verband.

Kaiser Franz Josef ist nicht der erste Herrscher, der auf eine sakrale oder erhöhte Weise inszeniert wird. Was ist das Besondere an ihm?

Schmidl: Es ist die Verdichtung. Kein anderer Kaiser hatte eine derartige, audiovisuelle Medienpräsenz, die weit über seinen Tod hinausging.

Hat Franz Joseph seine Inszenierung selbst in Auftrag gegeben?

Telesko: Nein, nur der geringere Teil kam vom Kaiser selbst. Er war nicht der „Imagemacher“, für den ihn viele hielten. Zu diesem Zweck gab es Hofbehörden, die sehr gezielt Akzente setzen konnten und Aufträge für Bild und Ton vergaben. Hierbei spielte zum Beispiel der Oberstkämmerer eine zentrale Rolle, denn über ihn lief die gesamte Kunstpolitik und er organisierte die Kunstankäufe. Auf der anderen Seite stand der Obersthofmeister als Leiter der höchsten Hofbehörde. Man darf aber ihre Funktionen hier nicht überschätzen, denn sie waren keine Spin-Doktoren im modernen Sinn.

Künstler wurden also von sich aus tätig?

Telesko: Maler bewarben sich in Scharen bei diesen Stellen mit konkreten Projekten unterschiedlichen Zuschnitts. Viele unbekannte Künstler, die dem Kaiser Aufträge widmen wollten, treten deshalb auf den Plan, weil sie hier Geld verdienen konnten.

Schmidl: In der Musik war das ganz ähnlich. Nur in den seltensten Fällen wurde etwas aktiv vom Hof in Auftrag gegeben. In dieser Zeit entstanden viele Lieder, die dem Kaiser huldigten, in denen er sogar auch manchmal geduzt wurde – etwa im Wienerlied „Draussen in Schönbrunn“. Das wurde von der Zensur sehr genau beobachtet und entsprechend sanktioniert. Dennoch waren die Grenzen fließend. Beispielsweise wurde es nach 1900 populär, Habsburger in Operetten darzustellen. Davor war das undenkbar. Franz Joseph als Figur betrat aber erst nach seinem Tod die Bühne.

Was erwartet einen beim Workshop?

Schmidl: Es geht um die Frage, wie die Sakralisierung des Kaisers mit bildlichen und musikalischen Mitteln realisiert wurde. Zudem geht es darum, die musikalische Repräsentation des Kaisers als Prozess des trial-and-error zu verstehen, als Auseinandersetzung mit Darstellungstraditionen und -innovationen.

Es geht also um die Suche nach der Gesamtkomposition „Kaiser Franz Joseph I.“?

Telesko: Man muss hier aufpassen, denn man darf nicht nur von Überschneidungen und Synergieeffekten in den verschiedensten Gattungen sprechen. Das wäre über unterschiedliche Medien – vor allem Musik und Bildkünste – hinweg schwer nachzuvollziehen. Grundsätzlich sind Musik und bildende Kunst auch durch eine vollkommen unterschiedliche Medialität ausgezeichnet.

Außerdem konnten manche Kunstgattungen gewisse Themen einfach besser veranschaulichen, zum Beispiel in der Musik die Melodien zu den regionalen und nationalen Dichtungen. In der bildenden Kunst spielte dies hingegen nur eine untergeordnete Rolle. Es gibt den Kaiser also nicht in Darstellungen unterschiedlicher regionaler Trachten. Hier müssen wir stärker die Differenzen in den Mittelpunkt rücken, was aber kein Widerspruch zu unserem methodischen Vorhaben ist, Austauschprozesse zwischen der Musik, der bildenden Kunst und der Literatur, hier vor allem der Huldigungsliteratur, aufzuzeigen, welche die medialen Grenzen überschreiten.