09/09/2016

Ein barockes Schwergewicht

In der knapp 800-jährigen Bau- und Funktionsgeschichte der Wiener Hofburg markieren Barock und Klassizismus wichtige Wendepunkte. Ein neuer Band der Reihe „Die Wiener Hofburg“ beleuchtet, wie vielfältig und folgenreich die baulichen Visionen, Entwicklungen und Zäsuren waren, die sich in der kaiserlichen Residenz von 1705 bis 1835 zutrugen – und warum Maria Theresias Vater dabei eine entscheidende Rolle spielte.

Als der neue Kaiser Karl VI. im noch jungen 18. Jahrhundert die Herrschaft über die Habsburgermonarchie antrat, tat er das in einem alten Gemäuer: der Wiener Hofburg. Dieser Gebäudekomplex, eines der bekanntesten und größten Ensembles europäischer Residenzkultur, hatte Wurzeln, die bis ins Mittelalter zurückreichten – und seither zahllose Erweiterungen und Umbauten erfahren. Karl VI. und seine Hofarchitekten, darunter der Künstler Joseph Emanuel Fischer von Erlach, entwickelten folglich eine Idee: der Hofburg ein einheitliches architektonisches Erscheinungsbild zu geben, um die Bedeutung dieses Residenzbaus, und damit auch des Hauses Habsburg, weiter zu steigern. Zwar konnte Karl VI. diese kühne Vision nur zum Teil in die Tat umsetzen. Dennoch gab er damit die Linie vor, die unter seinen Nachfolgern, allen voran unter seiner Tochter Maria Theresia und deren Enkel Franz II. (I.), über die folgenden knapp 100 Jahre verfolgt werden sollte: ein architektonisches Gesamtkonzept für die Wiener Hofburg zu entwickeln und umzusetzen.

Das Streben nach einheitlichen, großen Lösungen dieser Zeit ist nur eines der Ergebnisse, die Eingang in den neuen Band „Die Wiener Hofburg 1705–1835“ gefunden haben. Erschienen im Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), bietet das Buch, das unter der Ägide von Wissenschaftler/innen des Instituts für kunst- und musikhistorische Forschungen (IKM) der ÖAW entstanden ist, einen erstmals umfassenden und detailreichen Einblick in die bau- und funktionsgeschichtliche Entwicklung des Residenzareals vom Regierungsantritt Josephs I. bis zum Tod Kaiser Franz II. (I.). Leser/innen finden somit auch im vierten Band der Reihe den aktuellsten Wissensstand aus den Forschungen zur Wiener Hofburg, die seit über zehn Jahren in einem der umfassendsten geisteswissenschaftlichen Projekte Österreichs erarbeitet wurden. Eine „große inhaltliche, logistische und finanzielle Leistung“, wie IKM-Direktor Werner Telesko in Hinblick auf die Forschungen betont, an denen bisher rund 30 Kunsthistoriker/innen, Bauarchäolog/innen, Historiker/innen und Theaterwissenschaftler/innen beteiligt waren.

Barockes Zentrum

Dank dieser interdisziplinären Zusammenarbeit konnte auch in dem jüngsten Band wissenschaftliches Neuland beschritten werden: Denn es gelang, sowohl die prägenden baulichen Entwicklungen dieser Zeit, etwa die barocken Entwürfe zur Michaelerfassade, die Gestaltung des Josefsplatzes oder die Anlage des Äußeren Burgplatzes neu zu beleuchten, als auch die vielen Facetten der eng mit der Baugeschichte verbundenen Residenzkultur zu untersuchen. Schließlich fungierte die Wiener Hofburg im 18. und 19. Jahrhundert nicht zuletzt als pulsierendes Zentrum der Hauses Habsburg. So bot der ausgedehnte Palast, der heute 18 Trakte, 19 Höfe und über 2.500 Räume umfasst, nicht nur der kaiserlichen Familie Platz, sondern diente ebenso der dynastischen Repräsentation wie der Inszenierung des Herrschers und beherbergte den komplexen Verwaltungsapparat des Hofes. Einblicke in diese Funktionsvielfalt bieten in dem neuen Band etwa Texte zum Hofzeremoniell und der sich daraus ergebenden Raumfolgen, zur Innenausstattung, zur Theater- und Festkultur sowie zur Gartenkunst. Moderne 3D-Rekonstruktionen veranschaulichen ferner diverse Baustadien des Residenzareals.

Ausblick in die Gegenwart

Wer nach der Lektüre der bisher erschienen Werke der Reihe die Brücke in die Gegenwart schlagen will, muss übrigens auch nicht mehr lange warten: Nachdem die Bau- und Funktionsgeschichte des Bauwerkes in Mittelalter, früher Neuzeit und den letzten Jahrzehnten der Habsburgermonarchie bereits umfassend aufgearbeitet wurde, wird der 2017 erscheinende, letzte Band der Reihe „Die Wiener Hofburg seit 1918“ in den Blick nehmen. Und weitere Erklärungen liefern, warum es ein historisches Bauwerk zu einem Fixpunkt im Herzen Wiens schaffte, das nicht nur die Herzen von Wissenschaftler/innen höher schlagen lässt, sondern auch Jahr für Jahr zur Anlaufstelle für tausende Touristen aus aller Welt wird – und hoffentlich noch lange bleibt.