Biographie des Monats Dezember 2019

Der Erbauer des Wiener Sophienbads: Franz Morawetz

Einst als Tuchscherer nach Wien gelangt, erfüllte sich Franz Morawetz hier den Traum einer eigenen Badeanstalt. Ein Vorhaben, für das er namhafte Architekten gewinnen und von dem ihn auch seine Erblindung nicht abbringen konnte. Um die Einrichtung ganzjährig rentabel führen zu können, verwandelte man den Sophienbadsaal im Winter mittels Holzboden zum Tanzparkett – die Geburtsstunde der „Sophiensäle“ war gekommen.

Franz Morawetz entstammte einer jüdischen Kaufmannsfamilie. Er kam 1789 im böhmischen Raudnitz (Roudnice) zur Welt und trug zunächst den Namen Samuel. Zahlreiche Handelsreisen führten ihn nach Sachsen. Als gelernter Tuchscherer war er auch mit dem Dekatieren oder Appretieren vertraut, bei dem Gewebe durch die Behandlung mit Dampf glänzend und widerstandsfähig gemacht wurden. Von einem russischen Major, der 1813 nach der Schlacht bei Kulm in Raudnitz einquartiert war, wurde Morawetz auf die russische Bäderkultur aufmerksam gemacht, und da er im technischen Umgang mit Dampf bereits Erfahrung besaß, war er in der Lage, ihm ein behelfsmäßiges Dampfbad zu bauen. 1825 lebte Morawetz als Handelsmann in Teplitz in Böhmen und erwarb ein Patent zu einer Verbesserung im Appreturverfahren. Er konvertierte zum Katholizismus und übersiedelte nach Wien, wo er im März 1827 in einer Zeitungsannonce auf seine „k.k. ausschließend privil. Tuch-, Casimir- und Wollwaren-Glanz-Appretur-Anstalt“ im „Sinaischen Haus“ am Fleischmarkt aufmerksam machte, die auch eine Zweigstelle in der Judengasse hatte. Bereits 1829 besaß er ein Haus in Wien und betrieb eine Appretur-Anstalt zusammen mit Jakob Dischon, der auch sein Partner beim Erwerb der Privilegien war, die er bis 1844 innehatte. Mit diesem Gewerbe gelangte Morawetz durch viel Fleiß und Sparsamkeit zu einem größeren Vermögen. Damit wollte er seinen Lebenstraum verwirklichen und in Wien die erste Badeanstalt mit Dampf- und Wannenbädern errichten. Dazu spornte ihn der große Erfolg an, den sein erster Dampfbad-Versuch hatte, wie auch der Ausruf eines begeisterten Dampfbad-Besuchers:

„Ich fühle mich wie neugeboren!“

Morawetz suchte um Bewilligung an und reichte die Pläne des Baumeisters Joseph Adelpodinger im März 1831 ein. Anfang der 1830er-Jahre erkrankte er jedoch an einer Augenentzündung, die schlecht behandelt wurde und 1834 zu seiner völligen Erblindung führte. Nicht nur Morawetz’ Erkrankung, auch Choleraepidemien und Überschwemmungen auf dem geplanten Baugelände in der Marxergasse verzögerten das Vorhaben. Nach neuen, erweiterten Plänen von Peter Liborius Gerl wurde das Bauwerk schließlich 1834–37 errichtet und am 14. Jänner 1838 eröffnet. Als besondere Ehre erhielt Morawetz von Erzherzogin Sophie, die nach Badekuren in Ischl den langersehnten Sohn Franz (später Kaiser Franz Joseph I.) zur Welt gebracht hatte, die Erlaubnis, die Anstalt „Sophienbad“ zu nennen. Die Anlage wurde für ihre moderne Zweckmäßigkeit und Sauberkeit ebenso gelobt wie für ihre elegante und gediegene Ausstattung. Es gab neben den Dampfbädern auch kalte und warme Duschbäder sowie Wannenbäder verschiedener Preisklassen, die nicht nur der Reinigung, sondern dank Zusätzen von Eisen, Salz, Kräutern oder Schwefel auch therapeutischen Zwecken dienten, für die sich Morawetz ein großes medizinisches Fachwissen aneignete. Der Badegast konnte sich von der Gerold’schen Buchhandlung beim Stephansplatz mit einem Wagen jede halbe Stunde abholen und wieder zurückbringen lassen, zudem war es möglich, sich ein mit filtriertem Donauwasser gefülltes Wannenbad zu bestellen, das an neun Plätze in der Stadt und zwei in der Vorstadt Landstraße geliefert wurde.

Der Traum einer ganzjährig benutzbaren Schwimmhalle

Morawetz’ Pläne gingen aber noch weiter: Er beabsichtigte, zusätzlich eine Schwimmhalle zu errichten, die (im Gegensatz zur saisonalen des Dianabads, die 1843 eröffnet wurde) ganzjährig benutzbar sein sollte. Da die dafür erforderliche Summe jedoch seine Mittel weit überstieg, übertrug er 1844 seine Rechte und Privilegien an eine Aktiengesellschaft, deren erster Präsident Andreas Frh. von Gredler wurde, er selbst fungierte als Lokaldirektor. Die Halle wurde von den Architekten Eduard van der Nüll und August Sicard von Sicardsburg geplant: Das Schwimmbecken für 300 Badende war 16 m x 46 m groß und befand sich im ersten Stock. Der Brunnen, der das Bad mit Wasser versorgen sollte, erwies sich als zu wenig ergiebig, also musste das Wasser in gusseisernen Röhren von der Donau zum Bad geleitet, gefiltert, gewärmt und mit Hilfe einer Dampfmaschine in das Becken gepumpt werden. Die Wassertemperatur betrug 18 °Reaumur (22,5 °C). Da die Energiekosten somit sehr hoch waren, ließ sich der geplante Ganzjahresbetrieb aber nicht durchführen. In der kalten Jahreszeit wurde daher das Wasser abgelassen und das Becken mit einem Holzboden abgedeckt, wodurch die Halle im Winter zum größten und auch schönsten Tanzsaal Wiens wurde.

Der schönste Tanzsaal Wiens

Am 21. Jänner 1846 wurde das neue Gebäude für die erste Ballsaison und am 11. Juni 1846 als Schwimmbad eröffnet. Die Anlage umfasste nun auch einen Garten mit einem schönen Blick in den Prater. Morawetz unternahm mit seiner Gattin Charlotte (Caroline), geb. Frankl (geb. Prag, 1793 oder 1794; gest. Wien 20. 6. 1866), in diesem Jahr auch eine Reise nach Paris, die ihm Inspirationen für eine verbesserte Gasbeleuchtung, Wasserbassins beim Eingang, eine Neugestaltung des Gartens und prunkvolle Tapeten in Rot und Gold lieferte. Beim Eröffnungsball der zweiten Ballsaison 1847 brachte Johann Strauss (Vater), der im Jahr zuvor schon den Eröffnungsball dirigiert hatte, die „Najaden-Quadrille“ zur Uraufführung, die Charlotte Morawetz gewidmet war. Mit ihrer Unterstützung leitete Morawetz, obgleich blind, das Sophienbad äußerst erfolgreich. Er erkannte alle Gäste an der Stimme und fand sich im gesamten Gebäude ohne Hilfe zurecht. Morawetz war zu Lebzeiten eine als Wohltäter bekannte und äußerst beliebte Persönlichkeit in Wien: Er vergab verbilligt oder gratis Eintrittskarten an Vereine und Anstalten für Bedürftige, Arme durften unentgeltlich baden und wurden von ihm auch beschenkt. Zudem errichtete er mittels eines pneumatischen Apparats im Sophienbad eine Heilanstalt für Brustkranke. Für seine großen Verdienste bekam er 1863 die große goldene Salvator-Medaille verliehen. Er starb in Wien am 12. März 1868.


Literatur: Wiener Zeitung, 13. 3. 1827, 13. 1. 1838, 13. 3. 1868 (Parte); Morgen-Post, 13. 3. 1868; Czeike; oeml; Wininger; Wurzbach; M. J. Vogel, Das Sophienbad des Franz Morawetz in Wien, 1845, 3. Aufl. 1849; Illustrirte Zeitung (Leipzig) 8, 1847, S. 331f. (mit Bild); Jüdisches Athenäum. Gallerie berühmter Männer jüdischer Abstammung und jüdischen Glaubens, 1851, S. 162ff.; Ch. Römer, Die Sofiensäle – eine Wiener Institution, 2004; I. Meder, „Ein Werk der Zauberei“. Die Architektur der Sofiensäle, in: Die Wiener Sofiensäle. Vom russischen Dampfbad zum modernen Wohn- und Kulturbau, 2013, S. 53ff.; G. Waleta, Der Ballsaal. Von Johann Strauss Vater bis Franz Lehár, in: ebd., S. 79ff.

(Ruth Müller)

Spezieller Dank gilt dem Bezirksmuseum Landstraße, dem Antiquariat informatio / Hans Lugmair, dem Bildarchiv Austria und der Wienbibliothek im Rathaus für die kostenlose Bereitstellung von Bildmaterial.