Im Rahmen der europäischen Plattform Time Machine stellt sich auch für Wien die Frage nach einer geeigneten Form eines digitalen Datenspeichers für (kunst-) historische Daten, abrufbar in einem dreidimensionalen Informationssystem. Auf den gesamten Stadtraum Wiens bezogen ist eine quellenbasierte Interpretation und großflächige Rekonstruktion der Verbauungsstruktur ab dem 18. Jahrhundert möglich. Anhand von verlässlichen historischen Stadtplänen, einer stetig steigenden Zahl an Bildquellen sowie einer hohen Dichte an schriftlichen Belegen für die adelige, kirchliche, städtische und bürgerliche Bautätigkeit und unter Berücksichtigung des erhaltenen Baubestandes lässt sich ein digitales barockes Stadtmodell erstellen, das – verknüpft mit einer wissenschaftlichen Datenbank – einen wesentlichen Erkenntnisgewinn zur städtebaulichen und architekturgeschichtlichen Entwicklung Wiens liefert.

Als Modellareal für ein digitales 3D-Modell des barocken Wien wurde für dieses Projekt der Neue Markt ausgewählt, dessen bauliche Vielfalt einen idealtypischen urbanen Raum entstehen ließ, trafen hier doch der hohe und niedere Adel, ein Orden (mit dem Kaiserhaus als Stifter), der Magistrat und das Bürgertum als Bauherren aufeinander, wie sie sich in dieser Diversität an keiner anderen Wiener Platzanlage beobachten lassen. Eine wichtige Bereicherung erfuhr das architektonische Ensemble des Neuen Marktes durch die Aufrichtung des Donnerbrunnens (1738–1739). Durch die geplante Neuaufstellung der originalen Bleifiguren im Wien Museum (am Neuen Markt befinden sich seit 1873 Kopien) rückt die Brunnenanlage nun neuerlich ins Interesse der Forschung.

Trotz aller realen Verluste ist das Bild der Barockstadt Wien anhand der bestehenden Substanz sowie historischer Ansichten und erhaltener Schriftquellen (Grundbücher, Hofquartiersprotokolle, Wienbeschreibungen) wissenschaftlich sehr gut erforschbar. Um diesen umfangreichen und vielfältigen Quellenbestand als Grundlage für die systematischen Rekonstruktionsarbeiten effizient nutzen zu können, ist seine Erfassung in einer objektrelationalen Geodatenbank geplant, deren Struktur nicht nur für die Daten zum Neuen Markt, sondern im Sinne einer Pilotstudie für die Gesamterfassung des barocken Wien konzipiert und erprobt werden soll. Dabei werden Textinformationen wie auch Bilddateien (Pläne, Ansichten, Fotos) und georäumliche Objekte (Parzellen, Gebäudegrundrisse, Punktverortungen) über jedes der erfassten Gebäude als zentrale Objekte miteinander verknüpft und (räumlich) abfragbar gemacht. Nach dem Vorliegen aller greifbaren historischen Informationen werden diese mit dem offenen Geodatenbestand der über die Open Government Data Wien-Initiative (OGD Wien) verfügbar gemachten Gelände- und Baukörpermodelle in einem Geoinformationssystem zusammengeführt. Gegenstand der Rekonstruktion sind sämtliche von außen wahrnehmbare Oberflächen des Neuen Marktes, also primär die Kubaturen und Fassadengliederungen sowie Dachlandschaften der den Platz säumenden Gebäude, weiters aber auch die für die Raumwirkung wesentliche Gestaltung der Bodenflächen des Stadtraumes und kleinere Objekte wie der Donnerbrunnen. Der Zeitschnitt für das digitale Stadtmodell wird um 1750 angelegt, um die barocke Bautätigkeit in ihrer Gesamtheit zu berücksichtigen.

Alle Modellierschritte erfolgen in enger Zusammenarbeit von geisteswissenschaftlicher Expertise und technischer Umsetzung; der daraus resultierende Dialog wirft zwangsläufig Fragen auf, die ohne den Versuch einer dreidimensionalen Umsetzung kaum in die Diskussion eingeflossen wären und damit in der kunsthistorischen Bewertung zu wenig Berücksichtigung gefunden hätten – etwa zu tatsächlichen Gebäudehöhen oder zur Kubatur und zum räumlichen Verhältnis von Bauten, also zu Aspekten, die historische Ansichten zumeist in idealisierter Weise zeigen. Unser Blick auf den barocken Stadtraum Wiens beruht bislang ausschließlich auf jenen Sichtachsen, die uns die Ansichten des 18. Jahrhunderts vorgeben, wohingegen das digitale 3D-Modell realistisch dargestellte Blickwinkel ohne Verzerrungen und damit einen Perspektivenwechsel und eine neue Qualität in der Visualisierung urbaner Topographie ermöglicht.

Das Projekt setzt kunsthistorische Grundlagenforschung in Relation zu einer Visualisierung im digitalen 3D-Modell und interpretiert dabei den Prozess des Modellierens und seine Dokumentation als wesentliche Forschungsinstrumente. Damit wird das digitale 3D-Modell zu einem komplexen Wissensträger (Messemer 2020), der in Zusammenarbeit mit dem Wien Museum auch auf seine Praxistauglichkeit in der musealen Kulturvermittlung überprüft wird.

Projektleitung

Dr. Anna Mader-Kratky


Freie Mitarbeiter

Dr. Günther Buchinger
Alarich Langendorf, BA


Laufzeit

September 2021 – August 2022


Finanzierung

Stadt Wien, MA 7 – Kultur, Wissenschafts- und Forschungsförderung Stadt-Wien-Förderung


Partner

Wien Museum