Jubiläumsfonds der Stadt Wien für die ÖAW

Ausschreibung 2017 „100 Jahre Gründung der Ersten Republik“: Geförderte Projekte


Der Österreichische Staatsrat: Protokolle 1918-19, Bde. 2 und 3

Prof. Wolfgang Mueller, Prof. Gertrude Enderle-Burcel, Prof. Hanns Haas (ÖAW, Institut für Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung)

Die Protokolle von Regierungssitzungen sind eine zentrale Quelle für die Erforschung der Politik-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte moderner Staaten. In vielen westlichen Demokratien tragen wissenschaftliche Editionen zur Konservierung historischer Dokumente und Inhalte bei und machen den politischen Entscheidungsprozess transparent. Es ist das Ziel dieses Projekts, zwei Bände mit den Protokollen des österreichischen Staatsrates (16 Nov. 1918–7 Mar. 1919), dem provisorischen Regierungsgremium der neu geschaffenen Republik, zur Publikation vorzubereiten. Der Staatsrat wirkte vom Ende der Monarchie bis zur Wahl der Verfassunggebenden Versammlung und einer Regierung. Die Protokolle dokumentieren den Entscheidungsprozess der obersten Staatsorgane. Die behandelten Materien reichen von innerer und äußerer Sicherheit, dem Friedensvertrag, Nachkriegs- und Grenzfragen, zu Ernährung, Wiederaufbau, Wohlfahrt, Erziehung und anderen Politikfeldern. Die Edition wird den Zugang zu diesen wichtigen Primärquellen erleichtern und sie mit wissenschaftlichen Kommentaren und Personen-, Orts-, Sachregister erschließen. Das Projekt ist Teil einer bestehenden Kooperation des INZ der ÖAW mit dem Österreichischen Staatsarchiv und der Österreichische Gesellschaft für historische Quellenstudien (ÖGQ), einer Kooperation, in deren Rahmen derzeit 12 Bände der Ministerratsprotokolle 1945–1949 publiziert werden. Weitere Kooperation sind mit der Bayerischen und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften geplant. 


Die große Transformation. Staatsdienst und Gemeindedienst in Wien 1918 bis 1920

Prof. Peter Becker, Dr. Therese Garstenauer, Dr. Karl Megner, Dr. Thomas Stockinger
(Universität Wien)

Anlässlich großer politischer Umbrüche wie des Zerfalls des Habsburgerreichs und der darauf folgenden Entstehung der Ersten Republik liegt es nahe, nach Kontinuitäten und Brüchen in der öffentlichen Verwaltung zu fragen. Dieses Projekt fokussiert auf die Transformationen, die in den unmittelbar auf das Ende der Monarchie folgenden Jahren auf der Ebene der Verwaltung des Bundes und der Stadt Wien stattfanden. Dabei war die Situation der städtischen Bediensteten weitaus vorteilhafter als jene der staatlichen, die von Inflation und Personalabbau massiv betroffen waren. Konkret untersucht wird die Arbeit des Zwischenstaatsamtlichen Komitees und anderer Gremien, die zwischen 1918 und 1920 die personellen, finanziellen, administrativen und politischen Agenden im Zusammenhang mit der Verwaltungsumstellung in Angriff nahmen. Auch die Perspektive der Staatsbediensteten wird anhand der Dokumentation einer Beamtenenquete des Jahres 1919 sowie Artikeln aus Beamtenzeitungen und -zeitschriften in die Analyse inkludiert. Dieses Projekt wird sich eines Forschungsdesiderats annehmen, zumal die Geschichte von öffentlicher Verwaltung und Staatsbediensteten in Österreich nach 1918 ein noch vergleichsweise wenig erforschtes Terrain darstellt. Anhand der Verwaltung der Republik Österreich und der Stadt Wien werden zentrale Fragen nach dem Verhältnis von Staat und Gesellschaft aufgeworfen. In den ersten Jahren der Republik wurden ein Rückbau des Obrigkeitsstaates und die Demokratisierung der Verwaltung auf struktureller Ebene angestrebt. Diese Vorhaben wurden auch durch die Eigenlogik der Verwaltung konterkariert. Schließlich werden auch die Auswirkungen der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen dieser Periode auf die sozioprofessionelle Gruppe der öffentlich Bediensteten untersucht. In Zusammenarbeit mit dem Austrian Center for Digital Humanities (ÖAW) ist eine digitale Präsentation der wichtigeren Stücke des untersuchten Quellencorpus vorgesehen. Diese werden zusammengeführt und in einer Form präsentiert, die sowohl ein Nachvollziehen der vielfältigen Zusammenhänge und Verweise zwischen einzelnen Aktenstücken als auch eine thematische Durchsuchbarkeit ermöglicht. Neben einer Personenerschließung ist eine Verschlagwortung nach einem Themenkatalog der zentralen Verhandlungsgegenstände und Problemfelder der Transformation des Staatsdienstes vorgesehen. 


Theater für die Republik? Das Burgtheater und seine Bedeutung für kulturelle Identitätsentwürfe in der Ersten Republik

Dr. Elisabeth Großegger, Dr. Katharina Wessely
(ÖAW, Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte) 

Im November 1918, kurz nach der Ausrufung der Republik "Deutsch-Österreich", wurde das k.u.k. Hof-Burgtheater in staatliche Verwaltung übernommen und aus dem Hofärar ins Budget der jungen Republik überführt. Diese Entscheidung wurde jedoch nicht von einem explizit neuen und republikanischen Programm begleitet, vielmehr wurde der Mythos vom "besten deutschsprachigen Theater" forttradiert. Gleichzeitig war diese Entscheidung auch eine teure: das Burgtheater schrieb ein großes Defizit und es war klar, dass es dies auch bei rigorosen Einsparungsmaßnahmen tun würde. Es stellt sich daher die Frage, was sich die Regierung von der Übernahme des Theaters versprach und welche Bedeutung sie dem Burgtheater für die Konstituierung des neuen Staates zuschrieb. Anhand der Akten des Staatsarchivs und der zeitgenössischen Feuilletonbeiträge will das vorliegende Forschungsprojekt diese weitreichenden Beschlüsse erstmals systematisch untersuchen um das Zusammenwirken staatlicher und nicht-staatlicher Gremien in der Verwaltung des Burgtheaters zu analysieren. Das Projekt erforscht, wie die Rolle des Burgtheaters für die Konstruktion der österreichischen Identität von Regierung, Kunstministerium und Theaterverwaltung verstanden wurde, wie sie zwischen diesen Gremien ausgehandelt wurde, welche Auswirkungen dies auf das künstlerische Programm des Theaters hatte und wie dieses Verständnis und seine Umsetzung in den Zeitungen diskutiert wurde.


Partizipation - Repräsentation - Politik: Herausforderungen für eine geschlechtergerechte Gesellschaft

Prof. Gabriella Hauch, Prof. Birgit Bader-Zaar, Prof. Johanna Gehmacher, Prof. Elisabeth Holzleithner, Doz. Maria Mesner, Prof. Birgit Sauer (Österreichische Gesellschaft für Zeitgeschichte und Universität Wien)

Mit der Gründung der Ersten Republik am 12. November 1918 wurde in (Deutsch-)Österreich ein demokratisches Wahlrecht für Frauen und Männer für alle zu wählenden Vertretungskörperschaften – auf Bundes-, Landes-, Kreis-, Bezirks- und Gemeindeebene – proklamiert. Das in der Frauen- und Geschlechtergeschichte, der sozialwissenschaftlichen Geschlechterforschung sowie in den Legal Gender Studies verankerte Projekt untersucht Normen, Diskurse, Institutionen sowie politische Praxen im Zeitraum von 1848 bis heute. Drei grundlegende Perspektiven werden sich durch alle Detailanalysen ziehen:

  • Welches sind spezifische politische, soziale und ökonomische Konstellationen, in denen Veränderungen der Geschlechterverhältnisse und/oder Ausweitungen/Einschränkungen von Handlungs(spiel)räumen stattfinden?
  • Wer sind die AkteurInnen/Entrepreneurs, die die sich verändernden Projekte tragen bzw. vorantreiben, welche Strategien und Programme lassen sich zeigen?

Wie werden Frauen als Wählerinnen adressiert, wie findet Rekrutierung von Frauen für politische Ämter statt? Welche ‚Gruppen‘ werden durch solche Adressierungen erzeugt, welche Marginalisierungen und Ausblendungen verbinden sich damit?