23.11.2020

Zwischen Virologie und Verschwörungs­theorie

Virolog/innen als Popstars und eine Politik, die sich von wissenschaftlichen Erkenntnissen leiten lässt: In der Corona-Pandemie zeigt sich, dass die Wissenschaft mitten in der Gesellschaft angekommen ist. Doch Fakten ersetzen keine politische Debatte und auch Verschwörungstheorien bedienen sich der Wissenschaft, sagt ÖAW-Soziologe Alexander Bogner im Interview.

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Wissenschaftliche Expertise hat in der Corona-Krise an Bedeutung gewonnen. Virolog/innen stehen als Berater der Politik im Rampenlicht. Aber was bedeutet es, wenn sich die Politik von der Wissenschaft die politischen Entscheidungen abnehmen lässt? Der Soziologe Alexander Bogner vom Institut für Technikfolgen-Abschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) sieht darin eine Gefahr: "Weil eine Politik, die sich dank ihrer Übereinstimmung mit der Wissenschaft als alternativlos versteht, womöglich eine Gegenpolitik provoziert, die mit alternativen Fakten arbeitet."

Im Interview erklärt Bogner, wie Fake News und der Kampf um das richtige Wissen in der aktuellen Pandemie zusammenhängen. Und wie sich bereits in der AIDS-Debatte ähnliche Muster abgezeichnet haben.

Selten gingen Politik und Wissenschaft so sehr Hand in Hand wie in der Corona-Pandemie. Was bedeutet das für die Wissenschaft?

Alexander Bogner: In der Corona-Krise werden Virologinnen oder Epidemiologen fast schon als Popstars gehandelt. Anthony Fauci in den USA, Christian Drosten in Deutschland, Anders Tegnell in Schweden: Wir alle haben die Namen der internationalen Chefberater parat, die uns über Infektionsrisiken, Inzidenzen und Reproduktionsraten aufklären. Dadurch ist ein neues Bewusstsein für Wissenschaft entstanden. Die Öffentlichkeit hatte die Möglichkeit, viel über das Funktionieren von Wissenschaft zu lernen: Dass ihre Ergebnisse immer vorläufig sind, ausgiebig überprüft werden müssen, und dass diese Prozesse Zeit in Anspruch nehmen.

Die Öffentlichkeit hatte die Möglichkeit, viel über das Funktionieren von Wissenschaft zu lernen: Dass ihre Ergebnisse immer vorläufig sind, ausgiebig überprüft werden müssen, und dass diese Prozesse Zeit in Anspruch nehmen.

Und was bedeutet diese Allianz für die Politik?

Bogner: Es ist natürlich wichtig, dass die Politik informierte Entscheidungen trifft. Zu Beginn der Krise wurde zuweilen vermittelt, dass sich eine politische Debatte erübrigen würde, weil die Fakten für sich sprechen. Aber es wäre auf Dauer problematisch, wenn sich die Politik darauf beschränken würde, die Empfehlungen der Expert/innen auszuführen. Darin liegt eine gewisse Gefahr, weil eine Politik, die sich dank ihrer Übereinstimmung mit der Wissenschaft als alternativlos versteht, womöglich eine Gegenpolitik provoziert, die mit alternativen Fakten arbeitet.

Zu Beginn der Krise wurde zuweilen vermittelt, dass sich eine politische Debatte erübrigen würde, weil die Fakten für sich sprechen. Aber es wäre auf Dauer problematisch, wenn sich die Politik darauf beschränken würde, die Empfehlungen der Expert/innen auszuführen.

Was hätte die Politik anders machen können?

Bogner: Die dramatischen Bilder aus der Lombardei haben dazu geführt, dass der Gesundheitsschutz zunächst oberste Priorität erhielt. Das war damals verständlich, doch der Gesundheitsschutz ist ein Wert, der zuweilen mit anderen Werten konkurriert, wie zum Beispiel mit Freiheitsrechten oder Partizipationschancen. Die Politik darf die Verantwortung nicht an die Wissenschaft abgeben. Sie muss diese Wertedebatten führen.

Warum boomen gerade Verschwörungstheorien?

Bogner: Verschwörungstheorien sind in der Corona-Krise sichtbarer geworden. Verschwörungstheorien entstehen, wenn man komplexe Probleme auf das Wirken eines einzelnen Akteurs zurückführt. Man geht dann davon aus, dass hinter allem ein Drahtzieher steckt. In der Corona-Krise ist das Gerücht aufgekommen, dass Bill Gates das Virus erfunden hat, weil er an den Impfungen verdienen will. An solchen abstrusen Behauptungen sieht man, wie stark jene Leute, die sich nicht auf Wissenschaft einlassen wollen, in Debatten, in denen vor allem um besseres Wissen gestritten wird, unter Druck geraten.

Verschwörungstheorien sind in der Corona-Krise sichtbarer geworden.

Verschwörungstheoretiker/innen beanspruchen also auch die Wissenschaft für sich?

Bogner: Genauso ist es. Das zeigt den hohen Grad der Verwissenschaftlichung der Debatte. Die Verschwörungstheoretiker/innen behaupten ja auch, das bessere Wissen zu haben. So ist es im Klimastreit, in der Impfdebatte, und so war es auch im Zusammenhang mit AIDS. Da gab es die Theorie, die Krankheit würde gar nicht durch HIV ausgelöst werden, das sei ein wissenschaftlicher Mythos. Man hat Wissenschaftler gesucht, um diese abstruse These zu stützen. Peter Duesberg, ein Virologe aus Berkeley, war der bekannteste AIDS-Leugner.

 

Alexander Bogner ist Soziologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Technikfolgen-Abschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Er forschte u.a. an der Universität Innsbruck, dem Wiener Institut für Höhere Studien und dem Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main. Seit 2019 ist er Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Soziologie (ÖGS). Zuletzt veröffentlichte er gemeinsam mit Stefan Strauß den Beitrag „Demokratische Herausforderungen im Zeitalter des digitalen Wandels“  (In: M. Hengstschläger & Rat für Forschung und Technologieentwicklung, Digitaler Wandel und Ethik. Salzburg: ecowin, 2020).

Podcast: Soziologische Perspektiven auf die Coronakrise