01.10.2019

Wie man Sprachen vor dem Verschwinden rettet

Sprachen können sterben. Wenn sie keiner mehr sprechen kann, wenn sie von einer anderen Sprache verdrängt werden oder wenn sie niemand mehr lernen will. Stirbt eine Sprache, stirbt auch ein Teil des kulturellen Erbes der Menschheit. Eine Kommission der ÖAW setzte sich für den Schutz verschwindender Sprachen ein.

© Unsplash/Amador Loureiro

Schätzungen gehen davon aus, dass weltweit rund 7.000 Sprachen in Gebrauch sind. Doch diese große Vielfalt menschlicher Ausdrucksformen ist bedroht: „Die Hälfte davon wird noch in diesem Jahrhundert verschwinden“, fürchtet Thede Kahl. Der Slawist ist Obmann der Kommission Vanishing Languages and Cultural Heritage der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), die zum Ziel hat, verschwindende Sprachen zu untersuchen und zu dokumentieren.

Welche Strategien und Methoden dabei helfen können, eine Sprache zu bewahren oder wiederzubeleben diskutierte ein mehrtägiger Workshop an der ÖAW in Wien, bei dem Wissenschaftler/innen und Mitglieder kleinster Sprachgemeinschaften zusammenkamen. Die Zeit jedenfalls drängt: „ Ich habe in Costa Rica selbst miterlebt, wie die letzten Sprecher/innen einer dortigen Indianersprache während unseres Aufenthalts gestorben sind“, sagt Thede Kahl im Interview.

Kann eine Sprache überhaupt aussterben? Latein hat sich doch nur verändert.

Thede Kahl: Wenn ich diese Frage nicht bejahe, wer dann? Natürlich kann man argumentieren, dass sich Sprachen nur verändern. Oft geht eine Sprache in einer anderen auf. Dabei kann sie aber beinahe komplett verschwinden. Zudem gibt es auch Fälle, in denen versucht wird, eine Sprache bewusst zum Verschwinden zu bringen, etwa durch Repressalien durch einen Staat. Latein ist ein schlechtes Beispiel, weil es durch die Verwendung in Wissenschaft und Recht im Bewusstsein gehalten wird. Man darf nicht vergessen, dass die Mehrheit der Sprachen auf der Welt nicht verschriftlicht ist, was ihr Überleben erschwert. Wenn es politisch gewollt wird, kann eine sterbende Sprache auch wiederbelebt werden, wie das Beispiel Hebräisch zeigt.

Kann man das Sterben von Sprachen quantifizieren?

Kahl: Die UNESCO geht heute von etwa 7.000 Sprachen aus, die weltweit in Gebrauch sind. Die Hälfte davon wird noch in diesem Jahrhundert verschwinden. 

Wir sind es in Europa gewohnt, dass es pro Staat eine Sprache gibt. In anderen Regionen der Welt ist die Sprachdichte deutlich höher. 

Das klingt dramatisch.

Kahl: Wir sind es in Europa gewohnt, dass es pro Staat eine Sprache gibt, vielleicht noch ergänzt durch einzelne Minderheitensprachen. In anderen Regionen, etwa dem Kaukasus, manchen Teilen Afrikas und im Himalaya, ist die Sprachdichte deutlich höher. In Nord- und Mittelamerika gibt es heute einzelne Indianersprachen, die nur noch eine Handvoll Sprecher/innen haben.

Warum sterben Sprachen?

Kahl: Das Image einer Sprache spielt eine wichtige Rolle. Oft ist die ökonomische Bedeutung einer Sprache gering, dann haben vor allem kleine, nicht verschriftlichte Sprachen keine Chance gegen große Schriftsprachen. Das hat auch viel mit Wertschätzung gegenüber der eigenen Kultur zu tun. Die Sprache ist ein Symbol für die Welt, in der wir aufgewachsen sind. Wenn wir diese Welt verlassen, können andere Sprachen durch ihre ökonomische und überregionale Bedeutung oder ein besseres Image dominant werden. Die Bereitschaft, den Gebrauch der Muttersprache einzuschränken, hat mit kultureller Vorherrschaft zu tun.

Oft ist die ökonomische Bedeutung einer Sprache gering, dann haben vor allem kleine, nicht verschriftlichte Sprachen keine Chance gegen große Schriftsprachen.

Das heißt, das Schicksal einer Sprache hängt vor allem von ökonomischen Fragen ab?

Kahl: Das spielt sicher eine Rolle, deshalb gibt es auch den Begriff der Brotsprache. Daneben kann es aber auch politische Interessen geben, die versuchen, über den Gebrauch bestimmter Sprachen Einfluss auf die Gesellschaft zu nehmen. Gerade wenn Sprachen nicht verschriftlicht sind, sind sie anfällig für derartige Manipulationen. Dann kann man den Leuten einreden, dass ihre Sprache unzureichend sei, weil sie keine offizielle Grammatik hat. 

Ist das Auftauchen und Verschwinden von Sprachen nicht ein ständiger Begleiter der menschlichen Entwicklung?

Kahl: Die Assimilierung und Akkulturation von Gruppen und Sprachen sind normale Vorgänge, die wissenschaftlich beschrieben und begleitet werden können. Aber es gibt auch andere Fälle, in denen politische Kräfte versuchen, gegen bestimmte Sprachen vorzugehen. Das passiert nicht nur in Krisengebieten. Die Geschichte des Slowenischen in Österreich wäre ein Beispiel, genau wie die Versuche Griechenlands, Albanisch oder Makedonisch zu marginalisieren oder der Türkei, das Kurdische als eine Art Bergtürkisch darzustellen. 

In Ländern wie China hat es Tradition, die Nation auch über eine gemeinsame Sprache zu definieren. 

Kahl: Ja, solche politischen Eingriffe gab es immer. Aber die Instrumente haben sich verändert. Nationalstaaten können über Schulen, Bildung und Akademien Einfluss nehmen. Das haben wir seit der französischen Revolution immer wieder gesehen, daher kommt auch das Bonmot “Eine Sprache ist ein Dialekt mit einer Armee”. Staatssprachen werden oft genutzt, um gegen Minderheiten vorzugehen. Wenn diese ihre eigenen Sprachen bevorzugen, wird das dann als Mangel an Loyalität interpretiert. China weiß das im Fall seiner großen Minderheiten wie den Uiguren und Mongolen auszunutzen.

Es gibt das Bonmot “Eine Sprache ist ein Dialekt mit einer Armee”. Staatssprachen werden oft genutzt, um gegen Minderheiten vorzugehen. Wenn diese ihre eigenen Sprachen bevorzugen, wird das dann als Mangel an Loyalität interpretiert.

Wie sieht es mit der Entstehung neuer Sprachen aus?

Kahl: Auch das passiert. Die Nationalismen im ehemaligen Jugoslawien haben etwa dazu geführt, dass Kroatisch als eigene Sprache vom Serbischen getrennt wurde. Das ist derzeit aus linguistischer Sicht zwar eher unseriös, wird sich aber durchsetzen lassen. Außerdem zeigt es, dass vielleicht bessere Zeiten auch für Kleinsprachen anbrechen, wenn der Trend zur Rückbesinnung auf Nationales anhält. Innerhalb von zwei Generationen können zwei praktisch identische Sprachen so weit auseinanderdriften, dass sie nicht mehr gegenseitig verstanden werden. Komplett neue Sprachen sehen wir selten, aber die Tendenz zur Anerkennung eigenständiger Sprachen ist meines Erachtens größer geworden. 

Kann eine dominante Sprache eine Minderheitensprache überhaupt verdrängen, ohne zumindest Teile davon in sich aufzunehmen?

Kahl: Wir Wissenschaftler/innen sehen, wenn die Sprache X Reste der Sprache Y enthält, etwa in Lexik, Syntax oder Morphologie. Aber Nationalist/innen erklären absorbierte Elemente meist sofort zu ihren ureigenen. Weil sie meist am lautesten schreien, setzen sie sich mit ihrer Ansicht durch. Ich sehe es als Teil meiner Aufgabe als Wissenschaftler, dagegen anzugehen. 

Wie kann man sterbende Sprachen retten?

Kahl: Wir können nicht jede Sprache retten. Gegen einen natürlichen Vorgang kann man nicht ankämpfen, aber es gibt gewisse Möglichkeiten. Wenn etwa gegen Gesetze zum Schutz von Sprachen verstoßen wird oder die Ratifizierung der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen nicht vorankommt, dann kann Druck ausgeübt werden. Wenn es noch genug Sprecher/innen gibt, kann man versuchen, das Image der Sprache zu verbessern und die Weitergabe zu fördern. Wir können politisch mahnen und durch Feldforschung dafür sorgen, dass Sprachen verschriftlicht, dokumentiert und übersetzt werden. So können wir auf kleinster Ebene große Erfolge feiern. Um im großen Maßstab Veränderungen anzustoßen, bräuchten wir Verbündete in der Politik. Die haben wir derzeit aber nicht.

Ich habe in Costa Rica selbst miterlebt, wie die letzten Sprecher/innen einer dortigen Indianersprache während unseres Aufenthalts gestorben sind.

Die Österreichische Akademie der Wissenschaften bietet Möglichkeiten zur Übersetzung von Werken in wenig genutzte Sprachen. Das kann Sprecher/innen dazu motivieren, ihre Gedanken und Verse niederzuschreiben. Das Argument “diese Sprache ist so arm, dass man sie nicht einmal schreiben kann” fällt dann weg. Wir haben an der Akademie auch die “Kommission Vanishing Languages and Cultural Heritage” gegründet, die sich aktiv für den Schutz verschwindender Sprachen einsetzt. Der Workshop in Wien ist nur ein Anfang. Wir wollen wachsen, unsere Mission ausbauen.

Reicht es, eine Sprache zu verschriftlichen, um sie zu retten?

Kahl: Nein, die Schrift alleine rettet keine Sprache, sie kann sie lediglich dokumentieren. Mündliche Weitergabe und eine breite Implementierung sind hier wichtiger. Oft sind Sprachen auch nicht komplex und funktional genug, um eine eigene Schriftlichkeit auszubilden. Wenn eine Sprache nicht genügend Sprecher/innen hat oder diese nicht bereit sind, sich für ihren Erhalt einzusetzen, verschwindet sie.

Die größte Bedrohung für unsere Sprachvielfalt sind weniger politische Probleme als eine fehlende Bereitschaft, Klein- und Regionalsprachen trotz geringer ökonomischer Relevanz zu bewahren.

Große Institute im angelsächsischen Raum haben massenweise Sprachen dokumentiert, bevor sie ausgestorben sind. Unser Institut in Wien ist dafür zu klein. Wir versuchen stattdessen, die Sprecher/innen seltener Sprachen einzuladen, etwa zum bevorstehenden Workshop. Das verbessert Image und Bekanntheit dieser Sprachen. Die Community kann ihre Sprache unter Anleitung dann vielleicht sogar selber dokumentieren. 

Können auch große Sprachen wie Deutsch aussterben?

Kahl: Ich finde die Angst vor einer angeblichen Anglifizierung oder Überfremdung des Deutschen eher unberechtigt, weil das Deutsche im Gegensatz zu vielen Kleinsprachen über mächtige Institutionen und Medien verfügt, die es pflegen und verteidigen. Die meisten Leute verstehen nicht, dass nicht alle Sprachen Standardsprachen sind.

Es sollten sich mehr Menschen die Mühe machen, Dialekte oder Kleinsprachen zu sprechen. Das ist nicht so schwierig, wie es scheint, weil solche Sprachen nicht so umfangreich und strikt reglementiert sind, wie große Standardsprachen. Es ist ein Drama, dass "Fremdsprachen lernen" heute meist "Standardsprachen lernen" bedeutet. Die größte Bedrohung für unsere Sprachvielfalt sind weniger politische Probleme als eine fehlende Bereitschaft, Klein- und Regionalsprachen trotz geringer ökonomischer Relevanz zu bewahren. Und zu ihrem Erlernen und vor allem ihrer Weitergabe an jüngere Generationen kann jeder Einzelne beitragen.

 

Auf einen Blick

Thede Kahl ist Professor für Südslawistik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Mitglied der ÖAW. Seit 2016 ist er zudem Obmann der neu gegründeten Kommission Vanishing Languages and Cultural Heritage.

Der Workshop „Documenting Vanishing Languages“ fand vom 30. September bis 5. Oktober 2019 an der ÖAW in Wien statt. Die Keynote hielt der Sprachforscher Mark Turin von der University of British Columbia in Kanada.

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