22.09.2021

Wie haben Sie das gemacht, Frau Rachinger?

Johanna Rachinger, Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek, diskutierte mit jungen Studienstiftler/innen der ÖAW über die Digitalisierung von Buchbeständen, weshalb Bibliotheken die Funktion von Dorfbrunnen haben und warum Frauen weniger an sich selbst zweifeln sollten.

Johanna Rachinger, Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek. © Hauswirth
Johanna Rachinger, Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek. © Hauswirth

Endlich wieder live! Nach zahlreichen Zoom-Meetings, die coronabedingt durchgeführt werden mussten, lud Johanna Rachinger junge Studienstiftler/innen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) zum direkten Gespräch in den prächtigen Van Swieten Saal der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB) ein. Seit 2001 ist Rachinger Generaldirektorin. In ihrer Amtszeit wurde die Digitalisierung der Buch- und Zeitungsbestände vorangetrieben.

Demokratisierung des Wissens

Warum ist ihr das so wichtig? „Wir haben gemerkt, dass Inhalte, die nicht im Netz abrufbar sind, einfach nicht wahrgenommen werden“, sagt sie: „Es geht um eine Demokratisierung des Wissens, darum, dass man auf Wissen von jedem Ort der Welt schnell und einfach zugreifen kann. Dadurch sinkt auch die Schwellenangst.“

Jährlich besuchen rund 200.000 Leser/innen die Bibliothek mit ihren 19 Lesesälen – und kontinuierlich werden es mehr. „So wichtig es uns auch ist, eine virtuelle Bibliothek zu sein, sehe ich unsere Zukunft trotzdem auch als physische Bibliothek“, betont Rachinger: „Die Menschen brauchen dritte Orte, wohin sie außerhalb der Arbeit und außerhalb der Wohnung gehen können. Mir gefällt das Bild des Dorfbrunnens, an dem man sich mit anderen austauschen kann.“

Sicherung des kulturellen Erbes

Bei den „Studienstiftungsgesprächen“ haben Maturant/innen, die in die Studienstiftung der ÖAW aufgenommen wurden, die Möglichkeit, sich in kleinen offenen Gesprächsrunden mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens auszutauschen. Beim Termin an der Österreichischen Nationalbibliothek erzählt eine Teilnehmerin, dass sie durch ein Erbe an alte Bücher gekommen sei und fragt, ob die ÖNB Interesse daran habe.  „Wir nehmen nie von vornherein eine ganze Bibliothek, weil wir die Erfahrung gemacht haben, dass wir ohnehin bereits das meiste besitzen. Aber wenn wir uns Teile aussuchen dürfen, schicke ich gerne Mitarbeiter/innen zum Sichten“, erklärt die Generaldirektorin. 

Wird alles gescannt oder werden Bücher auch abgetippt, ist eine weitere Frage einer Studienstiftlerin. „Mittlerweile wird nur mehr gescannt, als ich aber vor 20 Jahren ans Haus kam, wurden Katalogkarten noch nach China geschickt und dort abgetippt“, so Rachinger, die in ihren einleitenden Worten zum Gespräch auch erklärt, warum die ÖNB „ein identitätsstiftendes Symbol für Österreich“ ist.

„Wir sind eine der wertvollsten Bibliotheken weltweit. Als 1992 der Redoutensaal der Hofburg brannte, musste man befürchten, dass das Feuer auch auf den Prunksaal übergreift und wertvolle Buchbestände vernichtet. Das Feuer konnte gerade noch rechtzeitig gelöscht werden und man hat gespürt, dass ein Aufatmen durchs Land ging, weil ein Stück nationaler Identität gerettet wurde.“ Die große Verantwortung der ÖNB sei es, dieses kulturelle Erbe für spätere Generationen zu bewahren.

Das große Ganze im Blick haben

Als eine Maturantin die Frage stellt, was ihr an ihrem Job am besten gefalle, muss Johanna Rachinger nicht lange nachdenken: „Das große Ganze im Blick haben zu können“, sagt sie: „Ich bin keine Wissenschaftlerin, sondern eine Managerin, ich sehe mich als Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Kultur.“ Rachinger hat Germanistik und Theaterwissenschaft studiert, war dann als Lektorin für den Wiener Frauenverlag tätig, bevor sie in Salzburg Leiterin der Buchberatungsstelle des Österreichischen Bibliothekswerks wurde. Beim Verlag Ueberreuter war sie von 1992 bis 1995 Programmleiterin im Bereich Jugendbuch, ab 1994 Prokuristin und von 1995 bis 2001 Geschäftsführerin.

„Ich bin damals ins kalte Wasser gesprungen, hatte wenig Führungserfahrung, aber ich bin hineingewachsen“, sagt sie: „Man erlebt oft, dass Frauen, wenn sie gefragt werden, ob sie eine Führungsposition möchten, überlegen, ob sie das überhaupt können. Aber man sollte nicht zu viel zweifeln, Männer tun das ja auch nicht. Man sollte keine Angst vor Veränderung haben.“

Von Männern könne man Folgendes lernen: „Ich habe oft gestaunt, wie ausführlich Männer geschildert haben, was sie nicht alles gemacht haben. Ich habe mir gedacht: Das habe ich längst schweigend erledigt. Aber es stimmt schon: Man muss reden über das, was man tut, sonst wird es nicht wahrgenommen.“

Bleibt die Frage, wie sie sich als oft einzige Frau in der Führungsetage durchgesetzt hat? „Ich bin immer auf der Sachebene geblieben, habe mein Frausein nie zum Thema gemacht.“ Und in Sachen Gehalt: „Als Frau muss man darauf schauen, nicht weniger zu verdienen. Mein Tipp: Souveränität walten lassen und sich nicht klein machen.“

 

AUF EINEN BLICK

Die Österreichische Studienstiftung ist eine Initiative der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Sie fördert und begleitet junge Menschen, die Verantwortung in unterschiedlichsten Bereichen übernehmen wollen, ungeachtet ihrer sozialen Herkunft. Die Geförderten werden durch die Studienstiftung auf ihrem persönlichen und intellektuellen Werdegang begleitet und unterstützt.

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Die Studienstiftungsgespräche sind ein Angebot für alle jungen Mitglieder der Studienstiftung, sich mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in kleiner Runde treffen und austauschen zu können.

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