13.04.2021

Warum sterben Wörter aus?

zossen, Veloziped, Ergetag, Spinnmantel, feiern: Welche dieser fünf Begriffe kennen Sie noch? ÖAW-Sprachforscher Philipp Stöckle lädt zu einem kleinen Quiz und einer Reise zu (fast) vergessenen Wörtern Österreichs ein.

Sprache wandelt sich ständig. Mache österreichische Wörter kennt man heute kaum mehr. In vielen Bezeichnungen haben sie sich, in veränderter Form, aber erhalten. © Ryan Wallace/Unsplash

Das Feld feiert. Für unser heutiges Verständnis klingt das seltsam. Was ist damit gemeint? Ein Rave auf einem Acker? Der Sprachforscher Philipp Stöckle vom Austrian Center for Digital Humanities und Cultural Heritage der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) beschäftigt sich mit genau solchen Fragen: Was haben Wörter früher bedeutet? Er arbeitet zu „Variation und Wandel des Deutschen in Österreich“ und kennt viele Dialektwörter und Ausdrücke, die nur mehr selten verwendet werden oder ausgestorben sind.

„Die Sprache befindet sich ständig im Wandel, das ist ein natürlicher Prozess“, sagt Stöckle, der als Redakteur am Mammutprojekt des „Wörterbuchs der bairischen Mundarten in Österreich (WBÖ)“ beteiligt ist. 3,6 Millionen handgeschriebene Zettel wurden dafür zusammengetragen. „Das Projekt wurde 1912 initiiert, Laien wie Lehrer/innen oder Pfarrer sind damals auf einen Aufruf der Akademie der Wissenschaften hin losgezogen und haben Leute befragt, welche Wörter sie wofür verwenden“, erzählt Stöckle: „Es hat 18 Jahre gedauert, diese Notizen dann abzutippen“. Mittlerweile liegt alles in digitalisierter Form vor, was gerade in Zeiten von Homeoffice eine enorme Erleichterung ist. 

Philipp Stöckle stellt fünf Wörter vor und erklärt auch, warum sie in Vergessenheit geraten sind oder ihre Bedeutung verändert haben. Falls Sie die Wörter nicht mehr kennen, fragen Sie am besten bei den eigenen Großeltern nach. Womöglich können diese sich noch an den einen oder anderen Ausdruck erinnern.

zossen

zossen bedeutet „herumstreichen, schwerfällig und schwerfällig gehen“. Es ist mit den Begriffen zotten und zottel verwandt. Als Zotte bezeichnete man etwas, das in langen Fäden herunterhängt, etwa „Fäden aus einem Kleidungsstück“ oder „verfilztes, durch Schmutz verklebtes Haar“. Wenn wir ein Wort finden, dann untersuchen wir zuerst die Etymologie, ob es den Begriff schon im Mittelhochdeutschen gegeben hat und was er damals bedeutet hat. Wörter haben ja auch immer mit einer Lebenswirklichkeit zu tun. Vor 100 Jahren ging man nicht einfach joggen oder flanierte herum. Ein langsamer und nachlässiger Gang wurde eher negativ betrachtet: als Zeichen von Untätigkeit, Faulheit und Unordentlichkeit. Während heutzutage regelmäßige Bewegung empfohlen und als erstrebenswert angesehen wird, vor allem bei Personen, die bei ihrer Arbeit viel sitzen.

Man kann an diesem Wort auch schön erklären, warum manche Wörter aussterben. Dafür gibt es vor allem zwei Gründe. Erstens: Die Lebenswirklichkeit verändert sich. Viele Wörter aus dem Bereich der Landwirtschaft oder des Brauchtums verschwinden, weil sie durch die Industrialisierung nicht mehr gebraucht werden. Zweitens: Die Globalisierung im Kleinen. Als das Wörterbuch entstanden ist, haben viele Menschen gar nicht gewusst, wie eine standardisierte Form des Deutschen klingt. Mit dem Radio, später dem Fernsehen und jetzt den neuen Medien hat sich das schlagartig verändert. Viele Wörter sind verschwunden, als man den standarddeutschen Begriff kannte. Sie wurden durch ihn ersetzt. Man braucht nicht drei Wörter, wenn man es auch mit einem sagen kann. Auch die Schulen trugen dazu bei, indem den Kindern beigebracht wurde, welche Begriffe „korrekt“ und welche „falsch“ waren, um sich richtig auszudrücken.

Veloziped

Wer schon mal in der Schweiz gewesen ist, kennt das Wort Velo, das dort noch immer gebräuchlich ist, um ein Fahrrad zu bezeichnen. Veloziped ist ein typisches Lehnwort aus dem Französischen, das im 19. Jahrhundert modern wurde. Es wurde vor allem im städtischen Kontext verwendet. Die bürgerliche Wiener Gesellschaft hat viele dieser Lehnwörter breitenwirksam gemacht, von Trottoir bis zu Lavour. Es war damals einfach schick, französische Wörter zu verwenden. Solche Phasen gab es immer wieder in der Geschichte. Wenn ein Land in politischer und kultureller Hinsicht wichtig war, dann schwappten auch Wörter in andere Landessprachen über. Das war beim Lateinischen der Fall, beim Italienisch in der Renaissance, und das sehen wir auch heute beim Englischen. Lehnwörter sind eine Modesache. Das Französische war aber auch die Adelssprache, es kann also auch durchaus sein, dass man mit der Verwendung dieser Lehnwörter ausdrücken wollte, dass man gebildet war. Man wollte auf jeden Fall sein Image mit ihnen aufpolieren, bzw. sich von bildungsfernen Schichten der Gesellschaft abheben.

Ergetag

Das ist ein Wochentag und ein sogenanntes Kennwort des Bairischen. Das heißt, es kommt nur in bairischen Dialekten vor, die aber viel weiter gefasst sind – neben Bayern gehören und gehörten auch Österreich, Mähren, Böhmen und Südtirol zu diesem Sprachraum. Dazu muss man wissen: Unsere Wochentage stammen meist von antiken Gottheiten oder den ihnen zugeordneten Himmelskörpern ab. Montag etwa geht auf den Tag der Mondgöttin Luna zurück, Dienstag ist als Tag des Kriegsgottes Teiwa an den römischen Gott Mars angelehnt. Donnerstag orientiert sich an Jupiter, der in den germanischen Sprachen durch den Wettergott Donar vertreten wurde. Freitag ist der Tag der Göttin Freia. Im Bairischen ist der Ergetag – ausgesprochen als Ertag, Erchtag, Eritag oder Irtag – über das Gotische in die Sprache gekommen. Der Dienstag ist dem Gott des Krieges Ares gewidmet, der über das gotische arjausdags in Bairische kam.

Spinnmantel, Spinnenhaus, Spinnweppe, Spinnenhutte

Früher gab es sehr viele verschiedene Ausdrücke für die Spinnwebe. Wir wissen nicht, ob es inhaltliche Nuancen gab, man im Dialekt deutlicher unterschieden hat, wie das Netz und die Spinne aussehen. In der modernen Lebenswelt spielen solche Dinge eher eine untergeordnete Rolle.

feiern

Feiern verbinden wir heute oft mit einer Party. Es bezeichnete auch früher, dass man einen Festtag feierlich begeht und deshalb die Arbeit ruhen lässt. Unser heutiger Feierabend heißt ja auch nicht, dass man Party macht, sondern einfach nicht mehr arbeiten muss. Feiern hieß früher noch viel deutlicher: „nicht arbeiten“ oder „brach liegen“. Deshalb konnte man auch sagen: Das Feld feiert.

 

AUF EINEN BLICK

Mit dem „Wörterbuch der bairischen Mundarten in Österreich“ entsteht an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in einem Langzeitprojekt das Dialektwörterbuch des bairischen Sprachraums in Österreich und Südtirol. Während das Wörterbuch bisher gedruckt erschien, steht es seit 2020 ab dem Buchstaben F im Web zur Verfügung und wird laufend erweitert.