27.09.2019

TIBETISCHE MEDIZIN VERBREITET SICH IN ASIEN RASANT

Tibetische Medizin ist längst nicht nur in ihrem Herkunftsland beliebt und hat sich innerhalb weniger Jahre zu einem Wirtschaftsfaktor in Millionenhöhe entwickelt. Eine vom ERC geförderte Langzeitstudie der ÖAW belegt ihre steigende Relevanz weit über die Grenzen Tibets hinaus und zeigt, dass China bereits bis zu 80 Prozent des Weltmarkts traditioneller Medizin kontrolliert.

Tibetische Medizin wird in Asien zum immer größeren Wirtschaftsfaktor. © Bernard-Coops

Asiatische Medizintraditionen werden hierzulande oft mit alternativem Lebensstil und exotischen Heiler/innen in Verbindung gebracht. In Asien selbst sind sie allerdings längst in offizielle Gesundheitssysteme integriert, und erfreuen sich großer Beliebtheit. So hat sich etwa die Tibetische Medizin innerhalb weniger Jahre zu einer mehrere hunderte Millionen schweren pharmazeutischen Industrie entwickelt.

Trotz der zunehmenden Bedeutung und Verbreitung Tibetischer Medizin gibt es kaum fundiertes Datenmaterial dazu, was den Anstoß für das jüngst abgeschlossene Forschungsprojekt RATIMED („Reassembling Tibetan Medicine“) an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) bildete. Es wurde vom Europäischen Forschungsrat (European Research Council - ERC) gefördert, und zwischen 2014 und 2019 unter der Leitung von Stephan Kloos am Institut für Sozialanthropologie der ÖAW und mit Feldforschungen in China, Indien, der Mongolei sowie Bhutan, Nepal und Sibirien durchgeführt.

Großer Wirtschaftsfaktor, wenig Wirksamkeitsstudien

Eines der Ergebnisse: Der wirtschaftliche Gesamtwert der Tibetischen Medizin wuchs seit dem Jahr 2000 um etwa das Zehnfache auf 600 Millionen Euro allein für pharmazeutische Produkte, und insgesamt auf etwa eine Milliarde Euro, was enorme Auswirkungen auf deren allgemeine Entwicklung und Beliebtheit hat. „Es gibt hunderte von gut ausgestatteten Spitälern und tausende Kliniken in Tibet und den Nachbarländern, wo Tibetische Medizin exklusiv oder gemeinsam mit westlicher Medizin angeboten wird. Die Patient/innen schätzen vor allem, dass die Tibetische Medizin kostengünstiger, unkomplizierter, individuell angepasster, und ihrer Erfahrung nach oft auch wirksamer als die westliche Medizin ist“, sagt Kloos.

Der wirtschaftliche Gesamtwert der Tibetischen Medizin wuchs seit 2000 auf 600 Millionen Euro allein für pharmazeutische Produkte, und insgesamt auf etwa eine Milliarde Euro.

Wissenschaftliche Nachweise zu deren Wirksamkeit gibt es allerdings erst wenige. „In der Tibetischen Medizin werden mindestens drei und in manchen Fällen sogar mehr als 100 verschiedene Zutaten zusammengemischt, weswegen es mit herkömmlichen wissenschaftlichen Methoden schwierig ist, eine etwaige Wirksamkeit dieser Kombinationspräparate nachzuweisen“, sagt ÖAW-Sozialanthropologe Kloos. Es gebe zwar zuletzt vermehrt Studien aus China und der Mongolei, doch genügen diese oft nicht westlichen wissenschaftlichen Standards.

Medizin „made in China“

Mittlerweile gibt es in China staatliche Qualitätsstandards für tibetische Arzneimittel, ebenso wie für andere traditionelle Medizinformen „made in China“. Überhaupt fördert China seine traditionellen Medizinindustrien – darunter besonders prominent die Tibetische Medizin – massiv, und kontrolliert mittlerweile die tibetischen Medizinindustrie zu 97 Prozent und etwa 80 Prozent des Weltmarkts traditioneller Medizin generell. „Dies zeigt, dass die chinesische Gesundheitspolitik die tibetische Medizinindustrie als valide Therapieoption anerkennt“, sagt ÖAW-Wissenschaftler Kloos.

In der Tibetischen Medizin werden in manchen Fällen mehr als 100 verschiedene Zutaten zusammengemischt. Mit herkömmlichen wissenschaftlichen Methoden ist es schwierig, eine Wirksamkeit dieser Kombinationspräparate nachzuweisen.

Auch in Österreich wächst die Bekanntheit der Tibetischen Medizin allmählich, was besonders auf die Popularität des Dalai Lama sowie die in Apotheken erhältlichen tibetischen Kräuterrezepturen der Schweizer Firma „Padma“ zurückzuführen ist, wie Kloos erklärt. Im Vergleich zu anderen Richtungen der Alternativmedizin spielt sie allerdings eine geringe Rolle, was in näherer Zukunft auch weiterhin so bleiben wird, wie der ÖAW-Forscher prognostiziert. Trotzdem geht Kloos insgesamt von einer weiterhin wachsenden Relevanz der Tibetischen Medizin in Asien und weltweit aus: „Die Tibetische Medizin ist mittlerweile eine moderne, innovative und in mehreren Staaten anerkannte und regulierte Pharma-Industrie, die einen enormen Wirtschaftsfaktor besonders in marginalisierten Regionen Asiens darstellt.“

 

Auf einen Blick

Stephan Kloos ist Senior Researcher am Institut für Sozialanthropologie der ÖAW. Seinen PhD in medizinischer Anthropologie erwarb er an der University of California in Berkeley und San Francisco. 2014 erhielt er einen mit 1,46 Millionen Euro dotierten ERC-Grant für sein Forschungsprojekt RATIMED zu Tibetischer Medizin.

ERC-Projekt RATIMED